34 Jahre lang war Reinhard Haller ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene, Ende des Jahres tritt er seine Pensionszeit an. Vergangenen Freitag wurde er im Rahmen einer Gala im Montforthaus Feldkirch feierlich verabschiedet. Im KirchenBlatt-Gespräch erzählt er von seinen Erkenntnissen aus der Suchtarbeit, seiner Aufgabe als gerichtlicher Gutachter und seinen Wünschen für den bevorstehenden Lebensabschnitt.

Das Gespräch führte Patricia Begle

Die Laudatio von Bischof Benno Elbs anlässlich der Verabschiedung finden Sie hier.

Herr Haller, was suchen die Menschen, die hierher ins Krankenhaus Maria Ebene kommen?
Die Depressiven suchen eine bessere Stimmung, die Aufgeregten suchen Ruhe, die Schüchternen suchen mehr Mut, die Schlaflosen suchen Schlaf, die „Sinn-losen“ suchen Sinn. Das ist ein wichtiger Gedanke, vor allem für die Therapie.
Der zweite wichtige Gedanke ist: wovon wollen sie sich heilen. Denn Suchtmittel sind immer auch Psychopharmaka. Die Leute trinken ja nicht, weil der Alkohol so gut schmeckt oder weil sie so einen Durst haben, sondern weil sie die psychische Wirkung wollen. Dort beginnt für mich das Suchtproblem - wo ein Mensch die psychopharmakologische Wirkung sucht, also die Beruhigung, die Entspannung, den Zeitstillstand - also alles, was Drogen so können. Drogen können ja sehr viel.

Sie verfolgen hier in Maria Ebene einen ganzheitlicher Ansatz. Wie kommt die spirituelle Dimension zum Tragen?
Sucht spielt sich auf so vielen Ebenen ab - das macht es auch so interessant: Gene, Stoffwechsel, psychologische Ebene, psychosoziale Ebene (weil es Menschen schlecht geht oder weil es ihnen zu gut geht), Entwicklungsfragen, politische Ebene … Die spirituelle Dimension ist eine sehr wichtige. Man muss allerdings sagen, dass nicht alle Leute Zugang dazu haben. Und wir Therapeuten haben auch nicht die Kompetenz, ein Psychotherapeut ist noch lange kein Seelsorger. Wir haben es in unserem Krankenhaus so gelöst, dass wir eigenen Seelsorger haben. Wenn die Menschen einen spirituellen Bezug haben, haben sie auch viel bessere Chancen - weil sie dann einen zusätzlichen Sinn erhalten.

Als gerichtlicher Gutachter haben Sie mit Schuldigen zu tun. Wie würden Sie „Schuld“ definieren?
Das kommt darauf an, welchen Raster man nimmt. Das gibt es den strafrechtlichen Bereich, den religiösen Bereich (Gebote), die moralische Schuld (Verstoß gegen den Moralinstinkt), den psychiatrischen Bereich. Schuld ist manchmal eine krankhafte Störung, zum Beispiel, wenn ein depressiver Mensch einen Schuldwahn entwickelt. Schuld ist ein wichtiges Thema in der Therapie, es ist wichtig, dass man es bearbeitet, darüber spricht, Dinge ans Licht bringt, die verschattet da sind. Ich denke auch, dass Schuld etwas ist, auf dem man bauen kann. Das gibt es einen schönen Satz von Viktor Frankl: „ Mist, den man gebaut hat, ist der beste Dünger für etwas Schönes, Neues, Blühendes.“ Ein schönes Wort, das eigentlich alles beinhaltet.
 
Wird über Vergebung geredet?
In der Psychologie muss man in erster Linie sich selbst vergeben. Das ist nicht wie im kirchlichen Bereich, dass einem jemand anderer vergibt oder Gott vergibt, sondern da geht es darum, dass man sich selbst vergeben kann.

Als gerichtlicher Gutachter können sie entscheiden darüber, ob ein Mensch bestraft wird oder nicht. Wie erleben Sie das?
Die Macht der Gutachter wird überschätzt. Ein Gutachter ist nur Gehilfe des Gerichtes. Er liefert Fakten, ist Experte. Die Sachverständigen sprechen nicht Recht. Schuldfähigkeit feststellen - das ist in 95% der Fälle nicht schwierig. Wichtig ist, dass man sich seiner Rolle bewusst ist. Ich begegne den Leuten immer mit Respekt und Neugier - das sind meine zwei Grundhaltungen.

Wie viele größere Gutachten haben Sie schon erstellt?
Über ungefähr 400 Menschen mit Tötungsdelikten, also Mörder oder solche, die Totschlag verübt haben. Für mich bedeutet das quasi ein Gefängnisaufenthalt von über zwei Jahren - zwei Jahre in Einzelhaft mit Mördern.
Das Besondere dabei ist: Ich bin immer beim Menschen ganz nah dran. Das ist ein Vorteil, aber auch eine Belastung. Bei einem Gutachten geht es immer face to face - Angesicht zu Angesicht, Empahtie zu Empathie.

Nehmen Sie auch Dinge mit nach Hause?
Ja natürlich, das kann man ja gar nicht anders. Man kann nicht, wenn ein Kind ermordet wurde oder ein Schul-Amokläufer 17 Familien ins Elend gestürzt hat für den Rest des Lebens - das kann man nicht abschalten. Es gibt Fälle, die mich jahrelang beschäftigen.

Welche Strategien haben Sie, damit Sie nicht erschlagen werden durch diese Tätigkeit?
Ich bin durch mein Elternhaus ein recht optimistischer Mensch. Ich glaube auch noch an das Gute im Menschen. Es ist auch hilfreich, wenn man das Ganze mit einer gewissen Wissenschaftlichkeit angeht. Mit der wissenschaftlichen Neugier.  Dadurch wird es etwas weniger persönlich.

Sie haben von Neugier geredet. Ist sie es, die Sie antreibt?
Früher hieß es: „Neugier ist eine ganz schlechte Eigenschaft". Heute sage ich, das ist die beste, die man haben kann. Ich glaube, wenn der Mensch nicht mehr neugierig ist, dann ist er gestorben, dann ist Stillstand.

Was wird sich in der Pension ändern?
Bei mir ist nicht so sehr das Problem, dass ich nicht weiß, was ich tun soll. Sondern eher das Problem, dass ich nicht weiß, was ich nicht tun soll. Es sollte nicht so weitergehen, denn die 35 Jahre war ich sehr fremdbestimmt. Oft keine Urlaube, keine Wochenenden. Ich möchte, dass ich mir mehr Zeit lassen kann, zum Wandern, für klassische Musik. Dass ich Bücher zum Beispiel nicht im Urlaub schreibe.

Probieren Sie auch das Faul-Sein aus?
Zum Nichts-Tun hatte ich immer eine eigenartige Beziehung. Es ist mit der Grund, warum es in unserer Gesellschaft so viele Überlastungs- und Erschöpfungszustände gibt, Burnout usw.  - dass man das Nichtstun nicht mehr zulässt. Der Urlaub ist ja inzwischen ein Hochleistungsprogramm geworden - der Kultururlaub, der Abenteuerurlaub, der Aktivurlaub und der Fastenurlaub. Da ist man nicht wirklich frei und kommt nicht wirklich zur Erholung. Ich hab schon immer probiert, dass ich Löcher in den Schweizer Käse bringe. Aber: das Nichts-Tun ist gesellschaftlich nicht sehr toleriert.
Ein Fernsehsender wollte von mir einmal ein Porträt machen. Als sie mich fragten, welche Hobbies ich hätte, sagte ich: Nichts tun. Zum Fenster rausschaun. Da war das Porträt beendet. Wenn Du präsent sein willst, musst du wahnsinnig interessant sein und ausgefallene Hobbies haben.

Wie werden sich Suchterkrankungen in Zukunft entwickeln?
Tatsache ist, dass Sucht eine wichtige Krankheit ist und wichtiger wird. Berechnungen der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, sagen, dass 2050 die depressiven Störungen die wichtigste Krankheit sind - wichtiger als Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Sucht wird an vierter oder fünfter Stelle sein. Die Angebote werden immer größer, offensichtlich auch die Bedürfnisse.
Wir haben jetzt eine Gesellschaft, die trotz der Drogen, trotz der vielen Süchte funktioniert. Aber ich fürchte, es wird eine Gesellschaft, die wegen der vielen Substanzen funktioniert. Wir gebrauchen ein Mittel für die Stimmung, für die Entspannung, für die Leistungssteigerung, fürs Hirndoping... sodass man überall nur noch funktioniert, weil man chemische Substanzen nimmt.

Was würden Sie Eltern raten, die ihre Kinder davor schützen möchten?
Was man Eltern sagen kann: Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit - an dieser alten Regel geht auch in Hinkunft kein Weg vorbei. Das zweite: dass man immer probiert im Gespräch zu bleiben - gerade bei pubertierenden Kindern. Das dritte: dass man auf die Kränkbarkeit achtet – als Menschen sind wir kränkbar und wir kränken andere. Das ist ein sehr tabuisiertes Thema, aber oft die Ursache von Sucht. Weil man Wunden hat, die nicht verheilt sind.

Was ist Ihnen im Laufe Ihrer Arbeit als Erkenntnis wichtig geworden?
Eine der wichtigsten Erkenntnisse: in der Sucht ist der Patient der einzig wirksame Therapeut - denn nur er selbst kann das Problem lösen. Er ist es, der sich in der nächsten Woche ein Bier bestellt oder einen Apfelsaft. Die Patienten haben natürlich alle auch schlimme Erfahrungen gemacht - mit diesen müssen sie sich auseinandersetzen, aber irgendwann müssen sie auch einen Schlussstrich ziehen, sich versöhnen und dann an ihre gesunden Anteile denken. Mit den gesunden Anteilen muss in der Therapie gearbeitet werden, sonst hat man keine Chance.