Bevor er Wirtschaftsjournalist wurde, hat Wolfgang Kessler für den Internationalen Währungsfonds gearbeitet, wo er seine christlichen Ideale täglich herausgefordert fand. Als Chefredakteur i. R. der Zeitschrift Publik-Forum und Buchautor plädiert der gebürtige Ravensburger seit mehr als 20 Jahren für ein faires Wirtschaften. Vor seinem Besuch bei der Werkversammlung der Frohbotinnen in Batschuns am 2. August sprach er mit dem KirchenBlatt darüber, ob die Wende noch gelingen kann.

Das Interview führte Charlotte Schrimpff

Hitzesommer, Dürreflüchtlinge, Plastik im Meer: Was muss noch passieren, damit sich endlich bei allen von uns die Erkenntnis durchsetzt, dass wir dringend etwas ändern müssen an der Art wie wir leben und wirtschaften?
Wolfgang Kessler: Dazu müssen zwei Dinge zusammenkommen: Es braucht einerseits Krisen bzw. Bilder von Krisen wie die, die wir gerade erleben. Sonst ist die Betroffenheit gleich null. Es braucht aber auch Menschen, die sich selbstbewusst umorientieren und ein Lebensmodell wählen, das ganz anders aussieht als das derzeit als „normal“ empfundene Leben. Diese Menschen müssen den ehrlichen Eindruck erwecken, als wären sie dabei sehr glücklich. Je mehr solcher Pioniere es gibt, desto mehr trauen sich auch andere, diesen Weg zu gehen.

Der/Die Einzelne ist also nicht aus der Verantwortung entlassen, auch wenn es Entscheidungen gibt, die nur auf politischer Ebene getroffen werden können?
Wolfgang KesslerKessler: Es muss beides geben. Gerade in christlichen Milieus trifft man immer wieder die, die meinen: Wenn jede und jeder sein Leben ändert, dann ändert sich das große Ganze. Das stimmt leider nur teilweise, denn es gibt Bereiche, in denen wirken die Spielregeln der Politik so stark, dass das Engagement Einzelner fast nichts nützt. Nehmen sie nur den Bereich Fleisch: In Deutschland gibt es inzwischen fast dreimal so viele Vegetarier und Veganer wie vor zehn Jahren, aber die Fleischproduktion und die Massentierhaltung haben zugenommen, weil sie politisch belohnt werden. Auf bestimmte Bereiche wie Investitionen in die Bahn, Investitionen in die Straßen, ein gerechtes Steuer- oder Rentensystem hat der Einzelne so gut wie keinen Einfluss. Das heißt: Es ist richtig, sein Leben zu verändern, mehr Bio- und fair gehandelte Produkte zu kaufen, sein Geld nachhaltig anzulegen, kritisch mit technischen Geräten umzugehen und insgesamt bewusster zu konsumieren. Aber das ist vor allem deshalb wichtig, um Zeichen zu setzen, dass man zu Veränderungen bereit ist. Denn dann hat die Politik viel weniger Argumente, nicht das zu tun, was eigentlich notwendig wäre.

Aber ist es wahrscheinlich, dass Politikerinnen und Politiker gewählt werden, die die Einschränkungen ankündigen, die ein klimaverträgliches Handeln für jeden von uns bedeuten würden?
Kessler: Nein, im Augenblick halte ich eine wirkungsvolle Klimapolitik für nicht mehrheitsfähig, denn zwischen Politik und Wirtschaft gibt es ein Machtkartell, das sich einem neoliberalen Wachstum verschrieben hat. Diese Union wird von etwas wie der Klimakatastrophe zwar erschüttert, wehrt sich zugleich aber gegen Abstriche. Und die gleiche Tendenz erleben wir in der Bevölkerung. Natürlich gibt es in Österreich und Deutschland eine Minderheit von kritischen Konsumentinnen und Konsumenten, die ihr Leben möglichst nachhaltig gestaltet. Aber die große Mehrheit profitiert von den Ergüssen der Globalisierung und genießt die Möglichkeit, dreimal im Jahr in den Urlaub zu fliegen und ständig neue Dinge anzuschaffen. Sie betrachtet Freiheit vor allem als Freiheit zum Konsum und daraus ergeben sich große Widerstände gegenüber allen Politikerinnen und Politikern, die sagen: weniger ist mehr.

Aber gerade das wäre wichtig!
Kessler: Genau. Und das lässt sich nur ändern, wenn eine Bewegung heranwächst, die die Politik, aber auch die Bevölkerung und ihr Konsumdenken ins Gebet nimmt und deutlich macht: Ihr lebt euer Leben und macht eure Politik auf unsere Kosten. Wir müssen morgen ausbaden, was ihr heute anrichtet. Wenn das glaubwürdig in die Öffentlichkeit gebracht wird wie derzeit von den Fridays-for-Future-Protesten, wenn das auch die Eltern und Großeltern dieser Jugendlichen hören, dann kann es schon sein, dass sich politisch mehr bewegt als man im Augenblick spürt.

Was müsste sich konkret ändern?
Kessler: Wir müssen unseren ganzen Wohlstandsmaßstab grundlegend überdenken. Im Augenblick zählt in Industrieländern wie Österreich oder Deutschland im Bruttoinlandsprodukt alles als Wohlstand, was hergestellt und verkauft wird. Egal, ob es Waffen sind, die töten, egal, ob es Produkte sind, die ungeheure Folgen für die Umwelt haben oder für Menschen, die zum Beispiel in baufälligen Textilfabriken in Bangladesch sterben. Wir bräuchten stattdessen eine Wohlstandsmessung, die schädliche Folgen der Produktion wie den Ausstoß von Schadstoffen oder die Zerstörung eines Waldes in die Kalkulation miteinbezieht. Dann hätten wir eine ehrlichere Ziffer. Und wenn man dann noch familiäres, nachbarschaftliches und ehrenamtliches Engagement zum Bruttoinlandsprodukt hinzunimmt, ergäbe das einen ganz anderen Wohlstandsmaßstab. Dann würde nicht nur als Wohlstand gelten, was produziert, verkauft und zu Geld gemacht wurde, sondern das, was geleistet wird, ohne Menschen auszubeuten, ohne Umwelt zu zerstören, und unter Umständen auch, ohne damit Geld zu verdienen. Es gibt solche Modelle - nur: Man muss sich trauen, sie anzuwenden. Und dann muss sie sich natürlich gegen die Wirtschaftslobby durchsetzen, die einen ganz anderen Wohlstandsbegriff hat.

Ist das auch eine Frage schlechten Marketings - werden solche Alternativen einfach nicht gut genug „verkauft“?
Kessler: Ja und nein: Zum einen ist das Marketing insofern schlecht, als dass alle fürchten, dass man mit einer wirkungsvollen und ganzheitlichen Klimapolitik automatisch in die Krise taumelt. Dem ist nicht so, denn eine solche Politik wäre um Beispiel mit Investitionen in erneuerbare Energien verbunden, eine biologische Landwirtschaft braucht mehr Arbeitskräfte als die konventionelle, es wäre mit einer Aufwertung von Handwerks- und Reparaturbetrieben zu rechnen - also, da kann man schon wirtschaftliche Visionen ausmalen, die einen positiven Grundtenor hätten. Andererseits darf man zum Beispiel in einem Autoland wie Deutschland natürlich nicht verschweigen, dass eine wirklich effektive Klimapolitik für harte Energiezweige wie die Energie- und die Auto- und Chemieindustrie durchaus grundlegende Veränderungen fordert, die einerseits Arbeitsplätze schaffen, aber auch Arbeitsplätze kosten.

Glauben Sie, dass das gelingen kann?
Kessler: Angesichts der letzten Jahrzehnte ist man versucht zu sagen: Es gelingt nicht. Verstandesmäßig sind Pessimisten derzeit auf der Gewinnerseite. Aber die Geschichte hat auch gezeigt, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, in Krisensituationen bemerkenswerte Kräfte zu mobilisieren, die dann auch Dinge verändern.

Wo in dieser Gemengelage sehen Sie die Rolle der Kirchen?
Kessler: Die Kirchen müssten in dieser Diskussion eigentlich eine große Rolle spielen, denn sie sind ja mit die einzigen Institutionen, die wirklich ethische Maßstäbe an die Wirtschaft setzen. Das tut die katholische Soziallehre genauso wie die evangelische Sozialethik, und die katholische Kirche hat zudem den Vorteil, dass sie einen Papst hat, der mit seiner Enzyklika Laudato si‘ und mehreren Rundschreiben die Grundprobleme dieses Kapitalismus offen gegeißelt hat und klar zu Alternativen auffordert. Es ist für mich vollkommen unverständlich, warum sich insbesondere die katholische Kirche vor allem um sich selbst dreht statt diese Steilpässe des Papstes aufzugreifen, um in dieser Welt wirklich als weltumspannende Kirche für eine ethische Wirtschaftsweise mobil zu machen.

Mehr dazu

  • Nachzulesen sind die Überlegungen von Dr. Wolfgang Kessler in seinem neuen Buch „Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“, Publik-Forum Edition, Mai 2019.
  • Zu hören ist Dr. Wolfgang Kessler bei der Werkversammlung der Frohbotinnen, die unter dem Thema „Fair wirtschaften, anders leben“ am Fr 2. August von 9 bis 19 Uhr im Bildungshaus Batschuns stattfindet. Eintritt und Verpflegung sind frei. Anmeldungen (bis Fr 26. Juli) unter: E oder T 05572 401019. www.frohbotinnen.at

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 30/31 vom 25. Juli 2019)