Um die Gelegenheiten ergreifen zu können, die uns das Leben bietet, braucht es das Lebensvertrauen – den Glauben, sagt Bruder David Steindl-Rast. Doch wir leben in einer unzufriedenen Welt. Warum ist das so? Was fehlt uns?

Den Atem des Lebens schöpfen (3)
Ein Gespräch in sechs Teilen mit Bruder David Steindl-Rast

Die Unzufriedenheit, die wir empfinden, hängt damit zusammen, dass wir dem Leben nicht vertrauen; wir bezweifeln, dass es uns genug gibt. Wir wollen immer etwas anderes oder mehr. Dabei gehört es ganz wesentlich zum Lebensvertrauen, daran zu glauben, dass uns das Leben immer gibt, was wir brauchen.

Herz 
Es ist wie mit einer Schale, die wir dem Leben hinhalten und die von der Quelle des Lebens immer gefüllt wird. Wenn sie übervoll ist, dann kommt diese große Freude. Wir sagen ja auch: „Mein Herz fließt über.“ Wenn wir genau beobachten, wie wir diese Dankbarkeit erfahren, dann erkennen wir: Das Herz wird immer voller, zum Beispiel, wenn Eltern ihren Kindern beim Spielen zuschauen oder wir gute Musik hören. Schließlich fließt das Herz über und in diesem Augenblick kommt die große Freude über uns.

Reklame 
Aber in unserer Gesellschaft kommt in dem Augenblick, da das Herz überfließen will, die Reklame: Da gibt es noch ein besseres Modell, oder der Nachbar hat ein größeres, neueres ... Und anstatt in diesem Moment die Freude überfließen zu lassen, machen wir die Schale größer und sie kann nicht voll werden.

Tropfen
Wenn wir in Länder reisen, in denen die Menschen sehr wenig haben, wundern wir uns oft, warum die Leute so fröhlich sind. Dabei ist es ganz klar: Ihre Schale ist so klein, dass schon ein Tropfen sie überfließen lässt. Es ist für uns aber gar nicht notwendig, die Schale immer kleiner zu machen. Wir dürfen sie nur nicht ständig größer machen und wir dürfen vertrauen, dass genug da ist, auch um mit anderen zu teilen.  Es ist auch nicht so, dass zuerst die Freude kommt und dann die Dankbarkeit. Wenn wir genau hinsehen, wird klar, dass zuerst die Dankbarkeit kommen muss und dann die Freude. Wir kennen ja Menschen, die alles haben, was man brauchen würde, um sich zu freuen. Doch sie freuen sich nicht. Warum freuen wir Menschen uns nicht, obwohl wir alle Voraussetzungen dafür haben? Weil wir nicht dankbar sind, sondern mehr oder etwas anderes wollen. Die Dankbarkeit ist eigentlich selbst schon die Freude, wenn wir sie zulassen. Die Undankbarkeit besteht darin, etwas anderes oder mehr zu wollen und nicht darauf zu vertrauen, dass ich genau das brauche, was das Leben mir jetzt schenkt. Das, was ich brauche, muss schließlich nicht das sein, was ich will.

Vertrauen
Zum Lebensvertrauen, das ja dasselbe ist wie Gottvertrauen, gehört die Kreativität im Vertrauen darauf, dass ich aus meinem Leben etwas machen kann. Das Leben bietet mir immer die Gelegenheit, etwas daraus zu machen, es zwingt mich nicht. Aus dem Augenblick etwas zu machen, ist viel mehr als sich einfach mit „Zwängen des Lebens“ zu arrangieren. Das ist keine kreative Lösung. Lebensvertrauen heißt ja auch, dass das Leben mich nicht zwingt, sondern, dass es mir Gelegenheit anbietet.

Bruder David Steindl-RastBruder David Steindl-Rast

Der Benediktiner ist einer der großen spirituellen Lehrer und Autoren der Gegenwart. 1926 in Wien geboren, wo er Kunst, Psychologie und Anthropologie studierte, folgte er in den 50er Jahren seiner zuvor emigrierten Familie in die USA. Dort trat er in das Benediktinerkloster Mount Saviour ein. Früh wurde er von seinen Ordensoberen zum interreligiösen Dialog beauftragt, insbesondere mit dem Buddhismus. Teilweise lebt er heute in den USA und im Kloster Gut Aich bei St. Gilgen. Sein großes Anliegen ist, dass Menschen zu einem dankbaren und daher freudvollen Leben finden: www.dankbar-leben.org und gratefulness.org.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 35 vom 31. August 2017)