Vor rund 30 Jahren hat er das 500 Jahre alte Familiengut auf „bio“ umgestellt. Warum „bio für alle“ kein Kann, sondern ein Muss ist, erzählt Felix Prinz zu Löwenstein am Tag der Mutter Erde in Dornbirn.

Er ist studierter Agrarwissenschaftler, Autor, sechsfacher Familienvater, Prinz und überzeugter Biolandwirt. Und er steht für ein Umdenken in der Nahrungsproduktion ein.  1992 stellte er sein Familiengut auf Öko-Landbau um - weil der Umgang mit Pestiziden ihm zunehmend Sorgen bereitet hatte. Wie Landwirtschaft und Ernährung Hand in Hand gehen, erzählt er im Interview und am 10. April an der FH Dornbirn.

KirchenBlatt: Ihr Vortrag trägt den Namen „Wohin mit Landwirtschaft und Ernährung? Die Zukunft gehört stabilen Systemen“. Warum ist das derzeitige System für Sie „instabil“?
zu Löwenstein:
Weil es nicht aus sich selbst heraus funktioniert, sondern nur durch den Einsatz von Hilfsmitteln, die ihrerseits das System immer unstabiler machen: durch Pestizide im Pflanzenbau, durch Medikamente in der Tierhaltung, durch den Import von immer mehr Stickstoff bedrohen wir die biologische Vielfalt, die Bodenfruchtbarkeit, die menschliche Gesundheit und sogar das Klima.

Und wie kann man das System stabilisieren? Oder braucht es gar ein vollkommen neues System?
Indem wir uns so nah wie möglich an natürlichen Systemen und ihrer Funktionsweise orientieren, wie möglich. Das wird immer eine Annährung bleiben, denn wir sind ja keine Jäger und Sammler mehr. Aber in den letzten Jahrzehnten haben wir uns von solchen natürlichen Systemen extrem weit entfernt – mit fatalen Folgen für die Menschlichen Lebensgrundlagen.

Sie haben ein eigenes Hofgut, das Sie von konventionell auf Öko-Landbau umgestellt haben. Warum? Würden Sie diesen Schritt auch anderen empfehlen?
Ich habe 1992 umgestellt, weil mir der Umgang mit Pestiziden zunehmend Sorge bereitet hat. Denn schließlich sind das Stoffe, die in der Natur nicht vorkommen, an die sich weder unsere Umwelt noch wir selbst in der Evolution angepasst haben. Das spüren immer mehr Bauern. Aber durch das enge wirtschaftliche Korsett sehen sie keinen Ausweg. Die Umstellung ist aber einer. Denn dann kann man für einen Markt produzieren, der Anstrengungen für Umwelt und artgerechte Haltung der Tiere durch angemessene Preise möglich macht.

Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Weil es um sehr viel geht! Niemand beeinflusst durch sein Handeln so viele öffentliche Güter, wie wir das in der Landwirtschaft tun. Schließlich wirtschaften wir in der freien Natur. Und diese Güter beeinträchtigt die zum Normalfall gewordene und deshalb konventionell genannte Landwirtschaft immer stärker. Ich spreche da vor allem von Biodiversität, der Gesundheit der Böden und der Stabilität des Klimas

Sie haben ein Buch mit dem provokanten Titel „FOOD CRASH: Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ verfasst. Die Weltbevölkerung wächst – und alle wollen und müssen essen. Können wir uns Bio für alle leisten? Oder wird es nicht doch immer ein Parallelsystem geben (müssen)?
Wir können uns alle die derzeitige Form unserer Lebensmittelproduktion nicht mehr leisten. Allen voran die Armen dieser Erde nicht, denn sie sind der Umwelt- und Klimakatastrophe am schutzlosesten ausgeliefert. Wenn wir die ökologische Landwirtschaft intelligent weiter entwickeln – und seit Jahrzehnten gehen die Forschungsmilliarden ins gegengesetzte Produktionssystem - werden wir sie sehr viel produktiver machen können. Aber schon die Beendigung der ungeheuren Lebensmittelverschwendung und eine Fleischkonsums, der unsere Gesundheit ebenso überfordert wie die des Planeten, würde völlig ausreichen, um auch eine substanziell größere globale Bevölkerung ernähren zu können.

In einem Interview haben Sie gesagt „Bio für alle ist nicht nur möglich, sondern unabdingbar.“ Gibt es auch Menschen, die Sie und Ihre Einstellung ablehnen? Scharfe KritikerInnen? Wie begegnen Sie diesen?
Natürlich passt es vielen wirtschaftlichen Interessen nicht, wenn der Ökolandbau sich ausweitet. Für die Agrarchemie bringen wir Umsatzverluste. Ich habe aber noch in keiner Diskussion erfahren müssen, dass meine Argumente entwertet würden. Schließlich kann man die Probleme unseres Agrar- und Ernährungssystems ja nicht mehr leugnen. Wie genau der Weg in eine enkeltaugliche Landwirtschaft aussehen muss, darüber kann und soll man streiten!

Wie streng leben Sie selbst (und Ihre Familie) diesen Bio-Gedanken? Also was kommt zu Hause auf den Tisch und worauf verzichten Sie bewusst (Stichwort Kleidung, Mobilität …)? Und schmerzt der Verzicht (falls es einen gibt) manchmal?
Wir ernähren uns ausschließlich ökologisch und tun das auch, wenn wir viele Gäste im Haus haben. Ein paarmal im Jahr kocht meine Frau für mehr als 60 Leute. Das geht aber ohne Verzicht – man kann ja beim Fleisch sparen. Wenn man dann gut kochen kann – und das tut sie – dann empfindet das keiner als Verlust. Bei der Kleidung sehe ich noch Luft nach oben, auch wenn ich mich bemühe, ausschließlich Bio oder Second Hand zu kaufen. Und unterwegs bin ich, wenn’s irgendwie geht, mit dem Zug. Alles andere ist ja auch Zeitverschwendung!

Sind Sie z.B. Vegetarier?
Zwei Drittel der Welt-Agrarfläche sind für Ackerbau nicht nutzbar. Deren Aufwuchs können wir nur über den Tiermagen zu Nahrung für den Menschen machen. Deshalb – und weil mir Fleisch gut schmeckt – bin ich kein Vegetarier. Dass  der Fleischkonsum deutlich geringer wird, wenn man sich für hochpreisiges Bio-Fleisch entscheidet, ist logisch – das ist auch bei uns zu Hause so.

Bio-Gemüse und Obst aus dem eigenen Land wären der Idealfall. Wie stehen Sie zu Bio-Produkten, die aus fernen Ländern eingeflogen werden müssen?
Wenn Bauern in fernen Erdteilen ein höheres Einkommen erzielen können, wenn sie für unseren Markt Bioprodukte erzeugen können, dann ist das positiv – ebenso, wie die Tatsache, dass sie dann ihre Umwelt und ihre eigene Gesundheit schonen können. Trotzdem sollten wir so viel von unserer Nahrung wie irgendwie geht zu Hause erzeugen. Wegen des Transportaufwandes, aber auch, weil ja nur Bio zu Hause die Umweltleistungen dort erbringt wo wir wohnen. Wir müssen auch die Folgen unseres Ernährungsstiles für die Menschen sehen, deren Grundnahrungsmittel (von Süsskartoffeln bis Quinoa) wir essen. Vor allem, wenn das von Ausländern auf Flächen erzeugt wird, die man den Einheimischen weggenommen hat. („Land-Grabbing“). Ich finde, das müssen wir dringend diskutieren – egal ob wir über Bio oder über konventionell sprechen.

Ein Gedankenspiel: Wie würden wir uns in einer – Ihrer Ansicht nach „optimalen“ Welt – ernähren? SelbstversorgerInnen? Nur noch Bio? VegetarierInnen oder gar VeganerInnen?
Schon über die Hälfte der Erdbewohner lebt in Städten – mit steigender Tendenz. Auch wenn „Urban Farming“ – also Lebensmittelerzeugung in Städten eine wichtige Rolle spielt, wird es auch zukünftig Arbeitsteilung und damit Bäuerinnen und Bauern brauchen, die Nahrung für ihre Mitmenschen produzieren. Dabei haben aber in vielen Teilen der Welt kleinbäuerliche Betriebe eine entscheidende Rolle – auch in der Zukunft.
Fleischlos braucht und kann die globale Ernährung nicht werden. Nur müssen wir unseren Fleischkonsum deutlich verringern. Wenn wir unsere Nutztiere respektvoll und artgerecht halten und ernähren, wird das ganz von selbst passieren. Es war ja erst die industrielle Tierhaltung, die zu so unfasslich geringen Fleischpreisen geführt hat, dass wir vergessen konnten, was es mit dem „Sonntagsbraten“ auf sich hat!

Abschließend: Wer sollte Ihren Vortrag auf keinen Fall verpassen? Und warum?
Ich würde mir sehr wünschen, dass auch konventionelle Kolleginnen und Kollegen kommen, damit wir ins Gespräch kommen. Es ist nicht sehr produktiv, wenn man nur in der eigenen Suppe herumrührt….

Hier geht es zur Webseite des Hofguts von zu Löwenstein

Vortrag „Wohin mit Landwirtschaft und Ernährung? Die Zukunft gehört stabilen Systemen“

mit Dr. Felix Prinz zu Löwenstein.
Mi 10. April, 19 Uhr, Foyer der FH Vorarlberg Dornbirn