Zu Maria Himmelfahrt werden wieder landauf und landab duftende Kräuterbuschen gebunden und im Gottesdienst gesegnet und verteilt. Auch Susanne Türtscher pflegt diesen Brauch. Die Kräuterpädagogin aus dem Großen Walsertal erklärt, was es damit auf sich hat und was es beim Binden zu beachten gilt.

Die Bedeutung von Kräutern hat in den letzten Jahren eine wahre Renaissance erlebt – ob beim Kochen oder in der Medizin. Doch Pflanzen stehen im Verdacht, mehr zu können, als das, was wir mit dem Kopf verstehen; dieses „Mehr“ möchte Susanne Türtscher vermitteln: „Kräuter sind mir ein Herzensanliegen. Ich möchte das Sprachrohr für diese stillen Verbündeten sein.“ Schon seit Jahren setzt sich die Kräuterfrau aus Buchboden intensiv mit der Thematik auseinander: Kräuterpädagogik, alte Heilkunde, Mythologie, Religion, initiatorische Naturarbeit, „Visionssuche“-Leiterin. Dabei fand sie stets auch Parallelen zwischen dem vorchristlichen Jahrkreis und den Festen des Kirchenjahres. Sie ist den Wurzeln nachgegangen, die auf Götterglauben und Mythen basieren. „Das Christentum gibt Antwort auf diese alten Feste“, erklärt Türtscher, „mir geht es darum, den Strang zu erwischen, der eine Botschaft für uns hat und unserem Leben dient.“

Vorchristliche Rituale

Doch wie entstand die Verbindung zwischen Heilkräutern und Maria? Historisch betrachtet ist erst seit der Zeit Karls des Großen (8./9. Jahrhundert) im deutschsprachigen Raum für dieses Fest eine kirchliche Kräutersegnung bezeugt.
Die Kräutersegnung am Marienfest hat verschiedene Wurzeln. Zum einen sind es Legenden über wohlriechende Kräuter in Marias Grab, zum anderen auch alte kultische Rituale der Kelten und Germanen. „Die Kräutersegnung zu Maria Himmelfahrt geht auf das alte Schnitterinnenfest zurück, das zum Augustvollmond gefeiert wurde“, so Susanne Türtscher. Im Mittelpunkt dieser Feier stand in vorchristlichen Zeiten die Kornernte. Nach damaligem Glauben wanderte eine Göttin in Gestalt der Schnitterin mit einer Sichel über die Felder und brachte dem Korn den todbringenden Schnitt, damit die Menschen weiterleben konnten. Kräuterkundige banden in dieser Zeit ihren Kräuterbuschen, der alle Heilkräuter beinhaltete, die über den Winter helfen, wenn Krankheit oder Unheil nahte.
Die spätere Verbindung der Kräuterweihe mit dem Marienfest dürfte dazu gedient haben, beliebte heidnische Rituale in das christliche Kirchenjahr zu integrieren. Für Susanne Türtscher symbolisiert Maria Himmelfahrt aber noch mehr: „Wir feiern am 15. August einerseits die Schönheit der Erde sowie das tiefe Mysterium der Schöpfung und anderseits auch das Mütterliche und das Frau-Sein in dieser Welt. Dank Maria, die mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde.“

Sieben bis 99

Wie ein Kräuterstrauß gebunden sein sollte, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Von mindestens sieben bis maximal 99 verschiedenen Kräutern und Pflanzen, die in einem Marienstrauß gebunden werden, reicht die Palette an regionalen Traditionen. Jede Zahl trägt dabei eine ganz eigene Bedeutung:

  • Sieben – in sieben Tagen erschuf Gott die Welt. Die Sieben gilt daher auch als Zahl der Vollendung.
  • Neun – drei mal drei ist neun und drei ist die Zahl der Dreifaltigkeit.
  • Zwölf – verweist auf die zwölf Apostel, aber auch auf die zwölf Stämme Israels.
  • Vierzehn – so viele Nothelfer kennt der Volksglaube.
  • Vierundzwanzig – hier verdoppelt sich die Zwölf (Stämme Israels und Zahl der Apostel)
  • Neunundneunzig – eine weitere Zahlenkombination, die auf die Dreifaltigkeit verweist. Denn 99 ist dreiunddreißig mal drei.


Der Buschen von Susanne Türtscher enthält meist sieben bestimmte Kräuter und darüber hinaus das ein oder andere Kräutlein, das sie intuitiv hinzufügt. „Mein Kräuterbuschen schaut jedes Jahr etwas anders aus. Beim Pflücken gehe ich mit den Pflanzen und meinen inneren Themen in Resonanz und nehme jene Kräuter, die mir gerade etwas sagen“, so Türtscher.  
Aber ist es wichtig, dass man seinen Buschen selber zusammenstellt? „Wenn es nur darum geht, einen zu haben, dann nicht.“ Allerdings sei auch schon das Binden ein besonderer Vorgang und eine Achtsamkeitsübung, bei der eine gewisse Beziehung entsteht und der Buschen schon eine Wirkkraft entfalten kann. „Bei mir wird schon das Binden zu einer kleinen Zeremonie.“

Notfallapotheke

Grundsätzlich können für den Buschen alle Kräuter, Sträucher und Bäume verwendet werden, die einen ansprechen. Für Susanne Türtscher haben indes folgende Frauenkräuter eine besondere Bedeutung:

  • Königskerze – „Die Königin“ erinnert an unsere königliche Würde, ist aufgerichtet und richtet dadurch andere auf; sie ruht in sich und stiftet Frieden.
  • Beifuß – „Die Wilde“ erinnert uns an unsere Wildnatur und das Ursprüngliche in uns sowie bekräftigt Intuition und Kreativität.
  • Johanniskraut – „Die Liebhaberin“ kann kosmisches Licht in unserem Körper in Nervenkraft umwandeln.
  • Frauenmantel – „Die Wandlerin“ steht für das Leben und den Schutz der Geburten in jedem Wandlungsprozess.
  • Mädesüß – „Die Fremde“ ist die Pflanze des Neubeginns und hebt alles Unklare aus dem Sumpf.
  • Wegwarte – „Die mütterliche Frau“ weist auf die göttliche Quelle in uns, die sprudelt, ohne sich zu erschöpfen.
  • Engelwurz – „Die freie Frau“ erinnert an den Engel, der uns begleitet und uns zu unseren Wurzeln führt. So kann uns niemand unsere Würde absprechen.


Früher wurde der Buschen nach der Segnung im Herrgottswinkel aufgehängt und er diente so als Schutz für Haus und Hof. Die Kräuter waren eine Art Notfallapotheke bei verschiedenen Beschwerden und Krankheiten. Bei starkem Gewitter wurden einzelne Blüten in den Hausherd bzw. ins Feuer geworfen.
Susanne Türtscher verwendet auch heute noch in besonderen Situationen den Kräuterbuschen. Bei heranziehendem Hagel zum Beispiel. „Wenn irgendetwas Heftiges passiert, dann nehme ich nach wie vor den Kräuterbuschen zur Hand.“