Homosexualität ist auch heute noch ein Thema, das mit Vorbehalten, Ängsten und Sorgen behaftet ist. Deshalb lud der Arbeitskreis für Homosexuellenpastoral (DAHOP) der Katholischen Kirche Vorarlberg vergangenen Donnerstag zum Vortrag mit einer Sexualmedizinerin und einem Moraltheologen.

Bild: Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger und Dr.in Marianne Greil-Soyka stellten sich den Fragen aus dem Publikum.

Patricia Begle

Der Einblick in die medizinischen Erkenntnisse bezüglich Sexualität und sexueller Orientierung war detailliert und informativ. Es wurde klar, dass sich hier in den vergangenen Jahrzehnten viel geändert hat - an Forschungsmethoden und dementsprechend an den Ergebnissen. „Sexuelle Orientierung ist die zutiefst in der Persönlichkeit verankerte sexuell erotische Attraktion“, definierte die Sexualmedizinerin und -therapeutin Marianne Greil-Soyka. „Sie ist unveränderbar und dauert ein Leben lang. Sie ist keine Entscheidung.“

Keine Krankheit
Auf die Ergebnisse der Naturwissenschaften greift auch die Moraltheologie zurück. Sie gehörten immer schon zu ihrer Wissensquelle. Michael Rosenberger, Professor für für Moraltheologie in Linz, brachte dazu ein interessantes Detail. 1973 erklärte die amerikanische psychiatrische Gesellschaft aufgrund neuer medizinischer Erkenntnisse, dass Homosexualität keine Krankheit sei. Zwei Jahre später übernahm die Glaubenskongregation diese Haltung und anerkannte die dauerhafte sexuelle Ausrichtung. Es gehe darum, diesen Menschen mit Verständnis zu begegnen und sie anzunehmen.  Für die damalige Zeit war dies ein mutiger Schritt. Die Weltgesundheitsorganisation dagegen strich Homosexualität erst 1992 von der Liste der Krankheiten.

„Was ist natürlich?“
Der Haken an der Sache war jedoch, dass das Lehramt homosexuelle Handlungen als „nicht in Ordnung“ betrachtete. Der Grund dafür liegt darin, dass im lehramtlichen Verständnis sexuelles Handeln - neben Sinnbestimmungen wie Respekt, Verantwortung und Bedürfnisbefriedigung - immer auch mit der Offenheit für die Zeugung von Nachkommen verbunden ist. Untrennbar. Fehlt einer dieser sexuellen Aspekte, ist es „nicht in Ordnung“, entspricht es nicht der Natur. Bis heute ist diese Grundthese bestimmend, zum Tragen kommt sie auch in Fragen der Verhütung oder künstlichen Befruchtung.
Rosenberger verwies in seinen Ausführungen darauf, dass es Situationen gibt, in denen nicht alle sexuellen Aspekte gleichzeitig erreicht werden. Nach der Menopause zum Beispiel ist die Offenheit für Nachkommen nicht mehr gegeben. „Die Natur trennt hier Fortpflanzung von anderen Zielen. Das ist natürlich“, erklärte er.

Kirche als Weltkirche 
Eine zweite Erkenntnisquelle der Moraltheologie ist das Recht. Hier spiegeln sich ja viele ethische Einsichten einer Gesellschaft wider. „Sexuelle Selbstbestimmung ist Teil der Menschenwürde und ein Grundrecht“, erläuterte der Theologe. In immer mehr Ländern wird ein rechtlicher Rahmen für gleichgeschlechtliche Paare gesetzt - bis hin zur Ehe. „Das muss uns in der Moraltheologie eine bedenkenswerte Tatsache sein.“ Was in einer Partnerschaft gelebt wird, ist wertvoll. „Die Kirche müsste deshalb homosexuelle Partnerschaften in einer institutionellen Weise unterstützen“, so Rosenberger.
Was diese Frage allerdings zu einer sehr heiklen macht, ist die Tatsache, dass Kirche immer auch Weltkirche ist. In Afrika (Südafrika ausgenommen), Osteuropa und Südasien wird Homosexualität heute noch unter Strafe gestellt. Hier bestehe die echte Gefahr einer Kirchenspaltung - die Anglikanische Kirche erlebt dies gerade.

Mut 
Dennoch. „Der Papst hat uns ermutigt, auch Dinge zu probieren“, zitierte Rosenberger Bischof Benno Elbs, der mit diesem mutmachenden Satz von der Familiensynode aus Rom zurückkehrte. „Wir müssen nicht immer warten, bis aus Rom ein Gesetz kommt“, so Rosenberger. Der Theologe verwies auf den „sensus fidei“, das „Gespür der Gläubigen“, auf das Bischöfe hören und das sie ernst nehmen müssen. 90 Prozent der Katholik/innen finden, „das ist gut so“, wenn zwei Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, erläuterte Rosenberger. Für Jugendliche sind unterschiedliche sexuelle Orientierungen selbstverständlich.
Und wer die Bibel durchsucht, findet äußerst wenige Aussagen zu diesem Thema. Die Priesterschrift erwähnt es im Zusammenhang von Gewalt und Gastfreundschaft (Gen 19,1-9; Ri 19,15-30). Bei Paulus wird homosexueller Verkehr als „widernatürlich“ bezeichnet. Die stoische Philosophie, die hier im Hintergrund steht, ging davon aus, dass nur heterosexuelle Beziehungen natürlich sind, erklärte Rosenberger. Diese wissenschaftliche These von damals ist heute widerlegt. In den Evangelien, merkte der Moraltheologe an, gibt es kein Wort von Jesus zur Homosexualität. Für Jesus war dies scheinbar kein Thema. 

DAHOP

Der Diözesane Arbeitskreis für Homosexuellenpastoral steht für einen neuen Umgang der Kirche mit Homosexuellen.
Kontakt: 
oder T 0676 83240 7603;
www.efz.at