Evelyn Fink-Mennel forscht seit Jahren zu „Frau und Musik“ und dabei auch zum Frauenbild im Volkslied. Im Interview teilt sie ihr umfassendes Wissen zu angeblichen Klischees und zum Nachholbedarf der Kirche.

Wolfgang Ölz

Was für ein Frauenbild wird in den Volksliedern vertreten?
Evelyn Fink-Mennel: Die Volksmusik und damit das Volkslied wurzelt sehr in der traditionellen Gesellschaft, wo seit jeher alles seine Ordnung hat. Bei der Arbeit, in der Familie und Partnerschaft, der Schule, in der Kirche - dort ganz besonders. Und Ordnung meint in diesem Verständnis: Die Frau hat ihren Platz, und den bestimmt der Mann. Dass es nun Lieder in dieser Überlieferung gibt, in der die „Frauen aus dieser Rolle fallen“ oder „ausbrechen“, kratzt berechtigt an der durch offizielle Liedersammlungen seit dem 19. Jahrhundert tendenziell vermittelten niedlichen, naiven, sexualisierten Frau im Umfeld gewachsener ungleicher Machtverhältnisse.

Warum gibt es dieses kritische Volksliedgut?
Fink-Mennel: Volkslieder sind ein Spiegel und Ventil der Gesellschaft und waren inhaltlich eng mit den „Alltagsgeschichten“ der Menschen, mit ihren Sorgen, Nöten und Freuden verbunden. Diese Rolle übernahm in der Nachkriegszeit ab 1945 die amerikanische Popularmusik. Die Volkslieder hatten nicht nur eine rein musikalische, sondern auch eine psychohygienische Funktion. Durch sie konnten Frustrationen des Alltags oder im Zwischenmenschlichen artikuliert werden. Da sind unter den bis heute gebrauchten Gattungen nicht nur Ehestandsklagen oder die großen Frauen-Domänen der Gattung Wiegenlied, Balladen oder Totenklage zu nennen, sondern auch elementare Auszähl- und Kinderreime. Hier werden überraschenderweise im Besonderen Alltagsthemen verarbeitet, aber auch die Abwesenheit des Mannes, Gewalt oder Vergewaltigung, das Sitzen-Gelassen-Sein, ungewollte Schwangerschaft oder übermäßiger, kaum bewältigbarer Kindersegen. Das Bild vom „romantischen Volkslied“ ist also einseitig und ein im 19. Jahrhundert Gemachtes, das durch offizielle Liederbücher festgeschrieben wurde. Archive und handschriftliche Liederbücher der Menschen selbst zeichnen nicht nur das romantische Bild, sondern ein reales.

Stimmt das im Volkslied artikulierte Klischee vom „Heimchen am Herd“?
Fink-Mennel: Ich denke, das ist kein Klischee, sondern die vorgesehene Rolle der Frau im patriarchalen Gesellschaftssystem. Im von Männern repräsentierten Wertesystem des Patriarchats obliegt den Männern die produktive, an die Öffentlichkeit gerichtete Rolle, der Frau kommt die reproduktive Rolle in Haushalt und Mutterschaft zu. Die Frauen erlangen erst für und durch den Mann eine eigene Identität. Es gehörte lange zur zugewiesenen Rolle der Frau, den Bund der Ehe einzugehen. Damit verpflichteten sie sich den familiären Aufgaben und waren auch finanziell abgesichert. In offiziellen Liederbüchern erscheint daher die Frau meist als (un)glücklich geliebtes oder verliebtes Mädchen, als die verführte oder zu verführende Frau, als heiratswilliges Mädchen, als treusorgende und liebende Mutter, als pfiffige Ehefrau, die ihren Mann betrügt, oder auch als zänkische Plage eines Ehemanns oder als alte Frau, die sexuell wertlos geworden ist.

Äußert sich im Volkslied auch der Nachholbedarf der männlichen Kirche bei den Frauen?
Fink-Mennel: Ich kann hier nur mit einer Textzeile aus einem Vorarlberger Volkslied argumentieren, wo es heißt, „s Wib ischt Hehr, und nüd do Ma“. Dieses Lied stammt aus der vorindustriellen Zeit des Landes. Damals waren Männer als Saisonarbeiter länger von zuhause weg, während die Frauen Haus und Hof managten. Das zeigt auch die schon lang existierende Fähigkeit von Frauen, „ihren Mann“ zu stellen. Ich nehme das Wort „Hehr“ wörtlich. Im Bregenzerwälder Dialekt steht es nämlich für „Priester“. Das bedeutet, dass die Frau zuhause für das „seelsorgerische“ Wohl zuständig ist. Das wäre doch auch eine schon lange fällige Stellenbeschreibung der Frauen in der Kirche! Jedenfalls wäre es wünschenswert, dass Frauen bei entsprechender Qualifikation mehr hohe Leitungsfunktionen übernehmen dürften. Maria ist schon zu lange die einzig offizielle weibliche „Ikone“ mit hohem Amt.

Noch eine Frage zu einer Unsitte: In manchen Bregenzerwälder Gemeinden durften die Frauen nach der Heirat nicht mehr beim Kirchenchor singen. Können Sie dazu Fallbeispiele nennen?
Fink-Mennel: Ich habe in den drei Mittelbregenzerwälder Gemeinden Andelsbuch, Egg und Schwarzenberg stichprobenartige Befragungen durchgeführt. Dort hat sich gezeigt, dass diese Regel bis in die 1960er/70er-Jahre praktiziert wurde. In Langenegg beispielsweise aber nicht. In Andelsbuch war dieses „Ende für Frauen im Kirchenchor mit der Eheschließung“ in den Statuten des 1873 gegründeten Pfarr-Cäcilienvereins festgeschrieben, wie Elisabeth Metzler 2008 in ihrer Diplomarbeit aufzeigt. Jede Sängerin erhielt als Andenken an den Chor ein Bild der heiligen Cäcilia. In den 1970er-Jahren scheint es eine strukturelle Wende zu geben. Ein Chorsänger in Egg erzählte, dass seine Frau mit der Heirat aus dem Chor austreten musste. In den frühen 1970er- Jahren durfte sie aber wieder - trotz Ehe - mitsingen, weil die Frauen unterbesetzt waren. «

Text der Tagung mit Liedbeispielen: www.vlk.ac.at - Reiter „Menü“ - Forschung -
Publikationen

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 4 vom 28. Jänner 2021)