Am 24. April 1622 wird in Seewis ein Kapuzinermönch erschlagen. Wer ist das Opfer, wer die Täter und was das Motiv? Die Ausstellung „Der Fall Fidelis“ im Feldkircher Palais Liechtenstein begibt sich auf Spurensuche und fördert mehr zutage als einen „simplen Mordfall“.

Simone Rinner

Der „typische“ Leichenumriss am Boden zeigt: Hier ist ein Verbrechen geschehen. An den Wänden geben Karten, Tatwerkzeug und verschiedene Zeugenaussagen Aufschluss über einen möglichen Tathergang. „Wir wollten den Raum wie einen Kriminalfall angehen und nicht zu stark mystifizieren“, erklärt Kurator Hans Gruber.

Und damit nicht genug

Die Ausstellung „Der Fall Fidelis“ beleuchtet die Geschichte des heiligen Fidelis auf verschiedenen Ebenen. Sie erzählt von einer Zeit, in der Religion zum Streitthema wurde, thematisiert Heiligsprechungen, fragt nach dem persönlichen Sinn im Leben und wirft einen kritischen Blick auf den hl. Fidelis, dessen (Nach-)Leben und Sterben im Mittelpunkt stehen.

„Wer sagt mir, woran ich glauben soll?“ – mit diesen Worten werden die Besucher/innen im ersten von neun Räumen empfangen. Er schildert den historischen Hintergrund, zeigt wie es zu den jahrhundertelangen Auseinandersetzungen gekommen ist und gibt Aufschluss, wie das Heilige Römische Reich zur Zeit des Fidelis um 1620 konfessionell gespalten war. Eine ausgeklügelte Installation offenbart je nach Blickrichtung die wichtigsten Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus und lädt auf der Rückseite dank Spiegel und Hörstation nicht nur zu neuen Perspektiven, sondern auch zum genauen Hinhören ein. Gespielt werden 13 Stücke – vom Kinderspiel über ein Gedicht bis hin zum Gebet und einer Hassrede von Hitler. Man weiß erst was man hört, wenn man es hört.

Widersprüchliche Persönlichkeit

Auch Markus Roy – besser bekannt als Fidelis – kommt man in der Ausstellung naturgemäß nahe. Der (spätere) Kapuzinermönch sei eine ambivalente Persönlichkeit, erklärt Gruber: Auf der einen Seite mild und sanftmütig den Armen gegenüber, auf der anderen Seite aber auch unbeugsam und unnachgiebig, wenn es um die Einhaltung „religiöser und moralischer Gesittung“ ging. Nach seinem Studium der Rechte und einem kurzen Exkurs in die Arbeitswelt, tritt der 34-jährige Markus Roy (wie sein jüngerer Bruder Jahre zuvor) in das Kapuzinerkloster von Freiburg ein und wählt den Ordensnamen „Fidelis“. Eine Vitrine mit Objekten wie seinen Sandalen, Zingulum, Messkleid oder einer Trinkschale macht Fidelis fast greifbar – zumal Klebstreifen am Boden zeigen, wie groß seine Zelle war.

„bald ein speyß der würmer“

Er sei ein Mann gewesen, der für seinen Glauben einstand und sich für die Rekatholisierung stark machte, erklärt Gruber. Und genau mit dieser „Rätischen Mission“ beginnt Fidelis auch 1622, als nur noch ein Drittel der Gesamtbevölkerung katholisch war. Fidelis scheint mehrfach vorgewarnt worden zu sein, dass die Stimmung im Prättigau einem Pulverfass gleiche und sein Leben in Gefahr sein könnte. Er verabschiedet sich in Feldkirch mit der Vorahnung, nicht mehr zurückzukehren und unterzeichnet Briefe mit „brevi vermium esca“, „bald ein speyß der würmer“.

Zerschmettert und durchbohrt

Nach einer Messe macht er sich in Begleitung von Soldaten auf nach Seewis. Was an diesem 24. April 1622 genau geschah, lässt sich nur schwer rekonstruieren – und wird in der Ausstellung versucht. Während eine Zeugenaussage aus reformierter Sicht berichtet, dass er auf der Flucht gestorben sei, erzählt die katholische Sicht vom Stürmen der Kirche und einem stoischen Fidelis, den 18 bis 20 Männer „wie brüllende Löwen“  verfolgten und umzingelten, bis er „zerschmettert“ und „durchbohrt“ wurde. Spuren, die übrigens auch auf der ausgestellten Robe sichtbar sind.

124 Jahre

Fidelis ist der einzige deutschsprachige Heilige in der Zeit der Gegenreformation von 1588 bis 1767 – und um die und das Heilige geht es in der Ausstellung ebenfalls. Zwar gab es frühe Bestrebungen, Fidelis „zur Ehre der Altäre“ zu erheben, weil das Verfahren 1631 aber reformiert wurde, dauerte es 124 Jahre, bis Fidelis von Papst Benedikt XIV. heiliggesprochen wurde. Damit liegt er übrigens unter dem Durchschnitt (185,4 Jahre) – die Ausstellung zeigt nämlich nicht nur woher die Heiligen kommen, wie alt sie waren, welchen Stand und Funktionen sie hatten, sondern auch, wie lange es bis zu ihrer Heiligsprechung dauerte.

Ein sinnvolles Leben

Viele spätere Heilige gehörten einem christlichen Orden an – welche das waren, zeigen kleine Figuren an der Wand, die die 56 Frauen und Männer, die zwischen 1588 bis 1767 heiliggesprochen wurden, aufschlüsseln. Einen Raum weiter schafft die Ausstellung einen Sprung ins Hier und Jetzt – zu den Orden in Feldkirch. In kurzen Videosequenzen erzählen drei Vorarlberger Ordensleute vom Leben und Wirken der Orden – und stellen gleichzeitig die Frage nach einem gelingenden Leben. Oder: Was gibt Ihnen Sinn?

443 Wunder

Heilige werden oft mit Wundern in Verbindung gebracht, die zum Zweck der Heiligsprechung gesammelt werden. Für die 107 Jahre vom Tod des Fidelis bis zu seiner Seligsprechung sind 443 von ihm bewirkte Wunder bezeugt. Die meisten Wunder bezogen sich auf Kopfschmerzen (63) und auf Schwangerschaften bzw. schwierige Geburten (58). Und so ist der letzte Bereich der Ausstellung den Fragen gewidmet, ob man an Wunder glaubt und was einem heilig ist.

„Ich“

Die Ausstellung werfe nicht nur einen Blick auf das Leben und Wirken des hl. Fidelis, sondern möchte auch auf die Gefahren einer polarisierten Welt hinweisen und zum Zuhören auffordern, betont Gruber den Subtext.  Begreif- und vor allem begehbar wird dies mit der „Ich“-Installation von Künstler Marbod Fritsch im Eingangsbereich, die uns vor Augen führt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das „Ich“ oft im Mittelpunkt steht.

Der Fall Fidelis
Ausstellung im Palais Liechtenstein, Feldkirch
Öffnungszeiten:  bis 20. November 2022
Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr
Samstag und Sonntag 10-16 Uhr
Preise: Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro;
Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre frei
Öffentliche Führungen: 22. Juni, 17 Uhr;
28. Juli, 17 Uhr (Dauer 60-70 Minuten)
Info und Anmeldung: T 05522 304 1255 oder

(aus dem KirchenBlatt Nr. 21 vom 26. Mai 2022)