Karin Dureggers Film „Die Rattenlinie“ zeigt die Flucht von Nazi-Verbrechern über Südtirol nach Übersee. Unlängst wurde er im Metrokino in Bregenz gezeigt.

Wolfgang Ölz

Der Film wurde erstmals 2015 in gesamter Länge von 45 Minuten als „Kreuz und Quer“ Dokumentation zu 70 Jahren Kriegsende ausgestrahlt. Die freie Filmemacherin und Südtirolerin Karin Duregger interviewte Zeitzeug/innen in ihrer Heimat. Da ist ein Priester, der aus Gründen der Nächstenliebe NS-Schergen zur Flucht geholfen hat. Da ist ein alter Schlepper, der für Geld flüchtige Nazis auf Schmugglerpfaden nach Italien geführt hat. Da sind aber auch die Nachfahr/innen von NS-Bonzen, die sich der Vergangenheit stellen und zwar keine Schuld tragen, aber Verantwortung übernehmen wollen.

Flucht nach Übersee

Der Südtiroler Moraltheologe Martin M. Lintner erklärt, dass die Begründung von Bischof Alois Hudal - dem damaligen Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell‘Anima in Rom - aus Nächstenliebe den Tätern geholfen zu haben, ein eklatanter Widerspruch sei, weil die Opfer dabei vergessen werden. Der Film versucht auch zu ergründen, warum in Südtirol die NS-Ideologie so stark werden konnte und wie NS-Sympathisanten, der Vatikan und das Rote Kreuz Kriegsverbrechern Geld, Papiere und Visa besorgten und ihnen so die Flucht nach Übersee ermöglichten.

Die Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie (ACUS), der ÖGB, erinnern.at, die Johann-August-Malin-Gesellschaft, das Filmforum Bregenz und weitere Organisationen luden nach dem Film zu einem Gespräch mit dem ehemaligen grünen Nationalratsabgeordneten, AHS-Lehrer und Historiker Harald Walser unter der Leitung von Johannes Spies.

Beitrag zur öffentlichen Debatte

Die öffentliche Aufführung von Filmen wie „Die Rattenlinie“ fördert die Diskussion darüber, welche Schuld die katholische Kirche bei der Flucht von NS-Kriegsverbrechern trägt. Der Historiker Harald Walser kam im Gespräch nach dem Film gleich auf den Punkt. Im Dialog mit Johannes Spies, der seit 2017 das „erinnern.at“-Netzwerk Vorarlberg leitet, sprach Walser davon, dass das Verhältnis der katholischen Kirche zur NS-Zeit lange als Gegnerschaft betrachtet wurde, er da aber auch Kooperation sehe.

Johannes Spies ergänzte, dass Papst Pius XII. „nachweislich geschwiegen“ habe, und verwies dazu auf ein Dossier des Kirchenhistorikers Hubert Wolf in der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Der Papst, der wusste und schwieg“.

Was wusste Papst Pius XII.?

Es steht außer Frage, dass Pius XII. über den Holocaust informiert war. Die Öffnung der Geheimarchive zu seinem Pontifikat am 2. März 2020 hat das bestätigt. Allerdings gibt es trotz Öffnung der Archive noch keine Beweise dafür, dass Pius XII. über die Machenschaften des NS-nahen Bischofs Hudal informiert war, der eigenmächtig falsche Papiere für Nazi-Schergen ausstellte. Die Arbeit in dem Geheimarchiv wurde nach einer Woche wegen Corona unterbrochen, deswegen muss man sich für ein endgültiges Urteil gedulden.
Harald Walser wurde aus dem Publikum aufgefordert, die Position der katholischen Kirche umfassend darzustellen. Dazu aber fehlte an diesem Abend ein Kirchengeschichtler, der die Rolle der katholischen Kirche historisch-kritisch hätte beleuchten können. «  Die Rattenlinie. Der Film ist auf orf.at in voller Länge zu sehen.

(Aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 43 vom 22. Oktober 2020)