Neustart - die KirchenBlatt-Fastenserie mit Barbara Pachl-Eeberhart, Autorin, Clownin und Erwachsenen-Bildnerin.

Heute lesen wir uns zum letzten Mal – zumindest im Rahmen der Fastenserie. Ein Abschied. Passt der zum Neubeginn? Ich finde: ja. Darüber habe ich auch bei dem Online-Abend gesprochen, der dieser Serie gewidmet war. Worum es da ging? Um meine Erfahrungswerte zum Thema „gut neu beginnen“.
Neustart braucht Abschied: das zu sagen war mir wichtig. Denn würden wir immer nur anfangen, ohne jemals etwas loszulassen, wären wir bald übervoll in Seele und Kopf.

Freiheit

Muss Abschied traurig oder gar fürchterlich sein? Nicht unbedingt. Das Wort „Trauer“, die Schwester des Abschieds, führt uns auf eine etwas einseitige Fährte. Etwas betrauern: Wer sich darauf einlässt, kennt auch den Lohn des gelungenen Abschiednehmens: Dankbarkeit, Erfüllung, Erinnerungen, die uns niemand mehr nehmen kann. Und das Gefühl, in Freiheit weiterzugehen.
Atem. Die schönste und einfachste Möglichkeit, Abschiede zu bejahen, kann man jederzeit üben – einfach, indem man atmet. Jeder Atemzug, den wir machen (machen? Komisches Wort. Bekommen passt besser!) ist neu, vorher nie dagewesen. Er kann nur Raum nehmen, wenn der alte, der vor ihm war, ganz gehen darf.

Dauer

Die Seite, die Sie gerade aufgeschlagen haben: In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung wird sie etwas anderes enthalten. Ein neues Thema, neue Gedanken von jemand anderem. Bedauern Sie, dass es schon vorbei ist mit unserem Thema? Wie wäre es, wenn wir einen kleinen Bindestrich herzaubern, um das Bedauern zu etwas zu machen, das wir gern tun? Ein guter Abschied hilft uns, zu be-dauern: Vergangenem Dauer zu verleihen. Es lohnt sich, etwas gut zu bedauern. Man schaut zurück, sammelt ein, was mitkommen darf. Und tut das, was Vergangenheit wird, ins Schatzkästchen des Lebens. Auf diesem Kästchen steht etwas wie: Das habe ich erlebt. Auch das war ich einmal.

Erleben

Ich stelle mir Gott ja ganz gern als alles Mögliche vor. Ein Bild, das ich mir oft denke, ist das einer lieben Frau, die mich nach meinem Tod zum Gespräch auf einer Wolke einladen wird (wahrscheinlich bei Keksen und Tee). Ich glaube, dass mir Gott eine Frage stellen wird. Sie wird so ähnlich lauten wie die, die ich meiner Tochter jeden Tag stelle, wenn ich sie vom Kindergarten abhole: „Wie war’s, was hast Du erlebt?“ Wenn Gott mir die Frage stellt, klingt sie so: „Weißt Du jetzt, wie es ist, ein Mensch zu sein? Hast Du es ganz und gar erlebt, mit allem, was dazugehört?“ Ich richte mein Leben danach aus, eines Tages laut „Ja“ antworten zu können. Auch deshalb ist es mir wichtig, Dinge hinter mir zu lassen. Sogar dann, wenn sie mir eigentlich gefallen haben.  Neuanfang bedeutet nicht nur, froh voranzuschreiten, weil das Alte nicht mehr passt. Neuanfang kann heißen, dass sich etwas wendet, das wunderbar war.

(Un)freiwillig

Neben allen Erfahrungswerten, die ich in meinem Vortrag geteilt habe, war das die zentrale Frage, die ich in meiner Vorbereitung selbst erst erforschen musste: Gibt es ein Prinzip, das den freiwilligen und den unfreiwilligen Neuanfängen gemeinsam ist? Gibt es etwas, das beide verbindet und uns hilft, das Ja zum Neustart auch bei ungewollten Anfängen zu fühlen?

„Es“

Ich habe herumgespielt mit den Gedanken zur einen und zur anderen Art. Habe die Sätze „Es passt nicht mehr“ und „Es war doch gerade so schön“, „Es muss sein“ und „Es will sein“ nebeneinandergestellt. Und erkannt: Das Einzige, was hier gleich ist, ist dieses „Es“.
Was will „Es“ von uns, mit uns (und für uns vielleicht)? Es will, dass wir Neuland betreten. Es will, dass wir unsere Schlüssel zum Glück aus der Hand fallen lassen und uns auf die Suche nach weiteren machen. Es will uns öffnen. Es will uns Angst nehmen, indem es uns mit der Angst konfrontiert.

Werden

„Es“ – wie auch immer wir es nennen wollen: Schicksal, Universum oder Gott. Es ruft uns auf, weiterzugehen. Nein: weiter zu werden. Dieses Wort gefällt mir noch besser. Denn „weitergehen“ tut so, als gäbe es einen Weg von A nach B. Ich glaube, Mensch zu sein ist kein Weg, sondern ein Wachstum. Von Ich nach Ich. Erweiternd, erkundend, durchfühlend.
Die Bereitschaft, sich dem „Es“ anzuvertrauen, ist kein Zeitpunkt, keine einzelne Handlung, kein Entschluss. Sie ist eine Haltung, die wir „Neuanfänglichkeit“ taufen könnten

Satt werden

Neuanfängliche Menschen sind keine, die um jeden Preis vorwärtsrennen. Sondern Menschen, die in der Lage sind, innezuhalten. Es sind Menschen, die Dankbarkeit fühlen und sich sättigen können am „Es ist gewesen“. Menschen, die auskosten, was ist, um es später gut gehen zu lassen. Menschen, die „Es“ rufen hören, von innendrin oder von außen. Menschen, die sich erlauben, ihre Angst zu fühlen, um sich ihr zu stellen.

Danke

Lassen Sie uns neu anfangen, mit dem nächsten Atem, morgen und immer, wenn es dran ist. Für heute ist es Zeit für das „Auf Wiedersehen“. Danke fürs Lesen. Und für diese schöne, wirklich erlebte Fastenzeit.