Vorbeigefahren, ja, das ist man schon einige Male. Sogar dann, wenn man nicht im Großraum Bregenz zu Hause ist. Aber gewusst, dass da eine hübsche kleine Wallfahrtskapelle am Straßenrand gelegen ist, die auch noch Geschichte in sich trägt, das haben wohl die wenigsten. Aber das kann sich ja ändern.

Irgendwie ja passend, dass im Zeitalter von Corona und Co. die Siechenkapelle an der Bregenzer Gallusstraße immer wieder Interessierte zu den Kirchenführungen lockt. Er selbst sei auch immer wieder überrascht, wie viele Menschen die Kapelle direkt an der Straße nicht kennen, erzählt Kirchenraumpädagoge Thomas Steurer kurz vor seiner Führung durch das schmucke Kleinod. Gut für ihn, so mangelt es ihm auf jeden Fall nicht am Publikum. Vielleicht hat es sich aber auch schon herumgesprochen, dass die Kirchenführungen einfach die Gelegenheit sind, Neues über scheinbar Vertrautes in der Nachbarschaft zu erfahren.
Wie zum Beispiel, dass es im Vorarlberg des 13./14 Jahrhunderts mindestens drei Siechenhäuser gegeben hat. Eines in Feldkirch, eines in Nenzing und eines in Bregenz. Die Siechenhäuser in Feldkirch und Bregenz haben es durch die Jahrhunderte geschafft. Auch wenn sie heute natürlich anders genutzt werden. Aber, und da holt Kirchenführer Thomas Steurer noch einmal aus, warum brauchte man überhaupt so etwas wie Siechenhäuser. „Man kann sich das tatsächlich ein bisschen so vorstellen wie heute noch. Was macht man, wenn es da eine schwer fassbare Krankheit gibt? Man isoliert zunächst einmal die Erkrankten“, wobei Isolation hier sicher noch sehr gnädig formuliert war. Denn eigentlich schloss man die am Aussatz Erkrankten kurzerhand aus der Gesellschaft aus.

Ein Haus in guter Lage

Bevor es Siechenhäuser gab, lebten sie in armseligen Hütten, in den Wäldern und versuchten dort, ihr Auskommen zu finden.
Aber dann kamen die Grafen von Montfort und mit ihnen das Bregenzer Siechenhaus. „Das musste natürlich gut gelegen sein. Schließlich mussten die Kranken sich ihren Lebensunterhalt erbetteln können. Also wurde das Haus zwar außerhalb der Siedlung, aber doch nahe an einem Verkehrsknotenpunkt gebaut“, erklärt Thomas Steurer. Gekleidet in den typischen schwarzen Mänteln der Aussätzigen baten sie so um Almosen. Gleichzeitig aber mussten sie Vorbeiziehende mit Klappern oder Glöckchen auf ihre Krankheit hinweisen. Nicht selten übrigens, weiß Thomas Steurer zu berichten, war der Aussatz auch ein Vorwand, um wohlhabende aber ungeliebte Verwandte loszuwerden. „Denn ins Siechenhaus kam man schnell, hinaus ging es dann nicht mehr so schnell.“ Der Abschied von der Gesellschaft war übrigens für heutige Verhältnisse sehr makaber. Der oder die Kranke wurden in einem Totenzug von zu Hause abgeholt. Dann wurde eine Totenmesse auf den Kranken gehalten und er auf dem Friedhof teilweise mit geweihter Erde beworfen. „Danach galt der Kranke für die Gesellschaft als tot“, fährt Thomas Steurer fort. Erst 1831 zog der letzte Kranke aus dem Bregenzer Siechenhaus aus. Das Verhältnis zur Krankheit und auch der Umgang damit hatten sich im Laufe der Zeit sehr verändert. So, dass es phasenweise sogar im Siechenhaus recht fidel zugegangen war.

Wozu eine Kapelle?

Soviel im Schnelldurchlauf zum Siechenwesen des 13. und 14. Jahrhunderts. Und warum brauchte man dann in direkter Nachbarschaft zum Siechenhaus eine Kapelle? Für die besagten Totenmessen, für die Sonntagsmessen, die die Kranken ja auch mitfeiern wollten, und für die Hochzeit unter Kranken. Die war natürlich die absolute Ausnahme, aber auch das gab es mit Erlaubnis des zuständigen Vogts einmal.

Details, die man nur entdecken muss

Die Messe feierten die Kranken übrigens nicht im Schiff der Kapelle, sondern von der Empore aus mit. Wie sie hinaufkamen? Nur von außen, denn isoliert bleibt isoliert und deshalb gab und gibt es bis heute vom Innenraum der Kirche aus keinen direkten Aufgang zur Empore.
Das ist aber nur eine der vielen kleinen Besonderheiten der Kapelle. Gestiftet wurde sie von einem der Montforten Grafen Hugo - der mit dem Beinamen „der Minnesänger“, wie Thomas Steurer ergänzt - gebaut wurde dann um 1400. Das weiß man so genau, weil das Kloster Mehrerau quasi die „Baugenehmigung“ erteilen musste. An den edlen Stifter erinnern übrigens die vielen Montforter-Wappen, die sich immer wieder an den Wänden oder Altären der Kapelle finden. „Dass es sich hier um eine Kapelle für Kranke handelte sieht man auch daran, dass die Heiligenfiguren, die hier gezeigt werden, alle mit Krankheit, Leid und Schmerz zu tun haben“, betont Thomas Steurer. Und tatsächlich, der heilige Sebastian findet sich hier beispielsweise neben einem „Siechen auf der Bahre“ wieder. Kleine Details, die man erst entdecken muss und dann überall im Raum findet.

Eine Wallfahrt etabliert sich

Ja und dann natürlich die Madonna am Hochaltar. Sie ist etwas Besonderes. Gotisch sei sie, wie der Bregenzer Bildschnitzer Alois Reich einmal feststellte. Und „verpfuscht“ habe man sie über die Jahrhunderte hinweg. „Man musste da etliche Schichten an Übermalungen abtragen. Aber auch so sei der eigentliche Schöpfer der Madonna kein großes Talent gewesen, meinte Reich. Denn das Jesuskind sei völlig aus der Proportion geraten“, lächelt Thomas Steurer, denn es stimmt. Die Ohren sind viel zu groß.
Die Wallfahrt zur Madonna hat sich dennoch lange erhalten. Bis heute kommen immer wieder Menschen mit ihren Bitten hierher. In weit kleinerem Ausmaß natürlich, als zum Beispiel nach den Appenzellerkriegen, als man, wie Thomas Steurer berichtet, sogar Zäune niederreißen musste, damit der Strom der Wallfahrerinnen und Wallfahrer Platz fand. Aus dieser regen Wallfahrtstradition stammt dann auch tatsächlich der Spruch, dass zwei Wallfahrten zum Siechensteig so viel „wert“ waren wie eine Wallfahrt nach St. Gallen. Dass die Wallfahrerinnen und Wallfahrer sich heute noch die Kapelle am Bregenzer Siechensteig zum Ziel nehmen können, verdanke man dem damaligen Pfarrer Anton Bereuter, betont Thomas Steurer. In den 1970er Jahren gab es nämlich Pläne, den gesamten Gebäudekomplex am Siechensteig abzureißen. Aber für Pfarrer Bereuter war klar: Die Kapelle bleibt. Und so blieb sie und das ehemalige Siechenhaus auch.

Von damals ins Heute

Und dann ist da noch eine kleine Geschichte, die man über die Kapelle zu erzählen weiß. An der Rückwand findet sich nämlich ein nicht allzu großes, quadratisches Mosaik. Es zeigt Maria. Gestiftet wurde es von einer Mutter, deren drei Söhne aus dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich auch wieder heimkehrten. Die Enkelinnen dieser Mutter von damals, sorgen bis heute für den Blumenschmuck in der Kapelle. So ergibt eine Geschichte die nächste und es sind noch längst nicht alle erzählt. Aber eines ist sicher, wenn man das nächste Mal vorbei fährt, fällt jeder und jedem, der bei dieser Kirchenführung dabei war, mindestens eine davon wieder ein.   «

Das Angebot an Kirchenführungen im Land finden Sie unter: www.kirchenraum.at