Landwirte pflegen Tradition. Alpwirtschaft gibt es in Vorarlberg schon über 5000 Jahre. Ebenso lange gibt es gewisse Rituale auf den Alpen, um die Götter wohlgesinnt zu stimmen. Diese Rituale wurden von Christen und Christinnen im Mittelalter übernommen und adaptiert. Es entstanden die Alpbenediktionen. Benediktion ist die lateinische Bezeichnung für Segnung. Wenn auf einer Alpe benediziert wird, erbitten sich die Landwirte den Segen Gottes für Menschen, Vieh und Alpe während des Alpsommers. Früher war das eine Selbstverständlichkeit. Und heute?

Bild: Alpsegnung - durch Pfarrer Friedl Kaufmann auf der Alpe Brongen auf Schetteregg in der Gemeinde Egg. Die Alpe Brongen liegt auf 1200 Meter Seehöhe. Rund 55 Kühe sind im Sommer auf dieser Alm.

Walter Stampfl

Wir haben in Vorarlberg 560 Alpen. Dort werden ca. 40.000 Stück Vieh gesömmert und von ca. 1.000 Menschen betreut, berichtet Josef Türtscher, Obmann des Vorarlberger Alpwirtschaftsvereins. „Es gibt keine offiziellen Zahlen, die belegen wie viele Alpen benedizieren. Das wird auf jeder Alpe eigenständig entschieden. Die Benediktion wird aber auch heutzutage vielerorts gepflegt. In den Talschaften, wie bei uns im Großen Walsertal, weiß ich es aus eigener Erfahrung.“ Dem Obmann des Vorarlberger Alpwirtschaftsvereins ist das Gebet um Schutz für Menschen und Tiere auf der Alpe wichtig. „Ich weiß, wie hilflos man manchmal als Hirte auf der Alpe den Elementen ausgesetzt ist. Da braucht es Schutz vom Himmel. Und das wissen auch viele Älpler von heute. Sie spüren die Abhängigkeit vom Segen Gottes. Wir beten auch zu den Tierheiligen Wendelin, Leonhard und Martin und für die Ahnen, wenn wir mit dem Vieh auf das Maisäß und die Alpe ziehen. Dabei verbrennen wir Teile der Palmbuschen. Ich kenne einen alten Alpsegen, den ich dann auf der Alpweide singe“, so Josef Türtscher.

Heutzutage ist die Situation für die Älpler anders.
Josef Schneider wurde in Schwarzenberg geboren und ist mit der Landwirtschaft aufgewachsen. „Das Benedizieren auf Vorsäß und Alpe war in dieser Zeit obligatorisch“, erzählt er. „Aber es war eine andere Zeit. Auf der Alpe war Hab und Gut in Gefahr, sei es durch Unwetter oder durch Abstürze vom Vieh. Ein Unglück bedrohte die Existenz. Die Segnungen sollten uns davor bewahren. Heutzutage ist die Situation für uns Älpler anders, auch was das Finanzielle angeht. Überhaupt ist alles viel schnelllebiger, und Traditionen gehen verloren. Aber das Benedizieren habe ich immer beibehalten, denn ich glaube an den Schutz Gottes und bitte um seinen Segen“, betont der Landwirt. Josef Schneider ist heuer im 10. Sommer Pächter der Alpe Almein oberhalb von Viktorsberg. Bis zur Pensionierung hat Dorfpfarrer Franz Eberle dort die Segnungen durchgeführt. Seit vier Jahren benediziert Ruedi Heim, ein Bekannter von Josef.

Kein magischer Schutz, sondern ganz Vertrauen
Ruedi Heim ist leitender Priester des Pastoralraumes Region Bern. Er sagt, dass das Benedizieren in verschiedenen Landesgegenden der Schweiz durchaus bekannt und sehr beliebt ist und von den Pfarrern gemacht wird, wenn die Älpler das wünschen. Was bedeutet die Segnung für ihn? „Der Segen ist für mich persönlich sehr wichtig. Wir erfahren im Leben, dass wir ganz vieles können und wissen, aber dass noch viel mehr unserer Verfügung und Möglichkeit entzogen ist. Umso mehr ist die Bitte um den Segen ein Ausdruck davon, dass ich mich jemandem anempfehle. Das ist kein magischer Schutz, der darauf folgt, aber es ist auch ein Ausdruck des Vertrauens, dass ich mich und meine Umwelt Gott anempfehle.“
Wie läuft so eine Benediktion eigentlich ab? Dabei handelt es sich um einen Wort-Gottesdienst - mit Bibeltext, kurzer Predigt, Litaneien, Gebet, Fürbitten, Liedern und Segen.

Wasser, Salz und Rauch
Charakteristisch ist die Weihe von Wasser und Salz. Ruedi Heim erklärt: „Wenn Weihwasser in einer Kirche geweiht wird, dann wird immer Salz dazugegeben, das auch gesegnet werden soll. Gerade auf einer Alpe ist ja unter anderem Salz für das Vieh bedeutend.“ Das Wasser soll, wo immer es ausgesprengt wird, Älpler und Vieh behüten. Des Weiteren ist das Entfachen eines Feuers wichtig. Dabei wird immer Tannenreisig angezündet. Es geht um den Rauch. Der Rauch soll böse Geister vertreiben und die Gebete sollen zu Gott gelangen. Vermutlich soll er auch ein Stück weit den Weihrauch ersetzen und die Weite der Alpe abstecken.

Anrufung der Patrone der Landwirte
Beim Segensgebet werden die Patrone der Landwirte und die Tierheiligen angerufen. Es wird um den Segen und den Schutz für die Alpe, die Menschen, die dort arbeiten, und das Vieh gebetet. „Es sollen aber auch diejenigen Menschen, die dort einkehren und in der Natur, der Schöpfung Gottes, Kraft und Erholung suchen, beschützt werden“, so der Priester. Mancherorts wird bei dieser Zeremonie den verstorbenen Älplern der jeweiligen Alpe gedacht. Am Schluss erfolgt der Wettersegen. 

NACHGEDACHT

von Walter Stampfl

Es geht tiefer

Wieso hält sich dieser Brauch des Benedizierens? Wieso ist den Landwirten dieses Ritual auf den Alpen nach wie vor wichtig? Heutzutage, in dieser säkularen Zeit, in der es für viele leicht ist, nicht zu glauben. 
Vor der Gebirgsnatur mit all ihren Gewalten konnten sich die Menschen nicht schützen. Also sollte Gott für diesen Schutz sorgen - Alpsegnungen, Alpkreuze, Kapellen, Wetterläuten. War es wirklich nur diese Angst um die Existenz, welche die Menschen auf Vorsäßen und Alpen früher so fromm handeln ließ? Glaube aus einer Notlage heraus? Notglaube? Aber heute ist die Situation doch anders. 
Wieso wird nach wie vor benediziert? Ich denke, es ist mehr. Durch ihr Leben und Arbeiten in der Natur und mit der Natur sind die Alpwirte der Schöpfung, dem Werk Gottes, besonders nahe. Sie spüren die Nähe Gottes, seine Kraft. Es ist nicht nur Angst vor einem Unglück. Die Älpler empfinden auch Ehrfurcht vor der Schöpfung und dieser Ehrfurcht verleihen sie Ausdruck.

Wenn Sie die Gelegenheit haben eine Alpbenediktion mitzuerleben, so kann ich Ihnen das nur empfehlen. Es ist anders als bei Alpmessen im Sommer. Es geht tiefer.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 23 vom 7. Juni 2018)