Erzbischof Dr. Georg Gänswein kam auf Einladung von Bruder Fidelis Ellensohn aus dem Vatikan nach Maria Bildstein, um ein Pontifikalamt zu feiern anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der KIM, der Jugendorganisation, die Bruder Fidelis aufgebaut hat. Das KirchenBlatt traf den Privatsekretär von Papst Benedikt XVI., der über seine Berufung und die erste Begegnung mit dem Papst erzählte.

Wolfgang Ölz

Das Ziel des KIM, des Kreises junger Missionare, war und ist es Jugendliche beim Finden ihrer Berufung zu helfen. Sie selbst wollten in Ihrer Jugend in den Kartäuserorden. Wie haben Sie zu Ihrer persönlichen Berufung gefunden?
Erzbischof Georg Gänswein: Ich bin nach dem Abitur ins Priesterseminar meiner Heimatdiözese Freiburg eingetreten mit dem zaghaften Wunsch, Priester zu werden. Im zweiten Studienjahr machte ich mit einem Mitbruder einen Besuch in der Kartause Marienau bei Leutkirch im Allgäu. Das Leben der Kartäusermönche hat mich mächtig beeindruckt, ja in den Bann gezogen. Am Ende des Besuchs habe ich bei einem alten Kartäusermönch gebeichtet und ihm meine Seelenlage geschildert. Er hat mir dringend geraten, zuerst das Theologiestudium abzuschließen. Wenn dann das Gefühl der Berufung zum Eintritt in den Kartäuserorden noch da ist, dann möge ich wieder anklopfen, wenn nicht, dann war das eine vorübergehende Hochstimmung, die wie alle solche Stimmungen und Verliebtheiten sich wieder legen; und so war es dann auch. Was am Anfang des Studiums lediglich ein Wunsch war, nämlich Priester zu werden, ist im Laufe der Zeit durch geistig-geistliches Reifen und inneres Ringen zu einer Überzeugung geworden. Ich habe gespürt, das ist der richtige Weg für mich. So bin ich dann für die Erzdiözese Freiburg 1984 zum Priester geweiht geworden.

Wie wäre es möglich, dass es in Mitteleuropa wieder mehr geistliche Berufungen gibt?
Gänswein: Rezepte gibt es keine. Für mich ist das Wort Christi wegweisend und hilfreich: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet den Herrn der Ernte, und er wird euch Arbeiter senden.“ Offensichtlich gab es schon zu Zeiten des Neuen Testaments Not mit den Berufungen! Das heißt konkret: Wir müssen das Wort des Herrn ernst nehmen und ihn mit Bitten um Berufungen bestürmen. Beten, beten und nochmals beten: Das ist die erste und wichtigste Antwort auf den Mangel an geistlichen Berufungen. Ich bin überzeugt, dass Christus, wenn wir ihn ehrlich und aufrichtig bitten, Berufungen schickt. Wir wissen nicht, wie lange die gegenwärtige Durststrecke dauert. Aber Christus hat sich nicht einfach aus dem Staub gemacht, auch wenn es manchmal so aussieht. Allerdings dürfen wir das Priesterbild nicht verwässern. Ein junger Mann, der sich auf den Weg zum Priestertum macht, muss wissen, was ihn erwartet und worauf er sich einlässt. Wir müssen den Mut aufbringen, voll und ganz zum Glauben der Kirche und zum Zölibat zu stehen. Dieser ist kein lästiges Hindernis, sondern ein Geschenk Christi!

Sie sind jetzt 27 Jahre in Rom. Wie hat sich der Vatikan in dieser Zeit verändert?
Gänswein: Um ehrlich zu sein: Wenn vom Vatikan die Rede ist, dann ist doch hauptsächlich von Klatsch und Skandälchen die Rede. Da kann man sehr viele abenteuerliche Dinge lesen oder hören, die zwar einer blühenden Phantasie entspringen, nicht aber die Wirklichkeit darstellen. Diese sieht anders aus. Die Vatikanmitarbeiter haben in erster Linie den Auftrag, dem Papst als dem Hirten der Universalkirche behilflich zu sein, dass er seinem hohen Dienst als Nachfolger Petri nachkommen kann. Um es in einem Bild zu sagen: Das Leben im Vatikan ist vergleichbar mit einem großen Baum, mit seinen vielen Ästen, Zweigen und Blättern. Mitunter muss Hand angelegt und das Baumwerk beschnitten werden, damit es nicht zum Wuchern kommt. Manch Dürres und Faules fällt von allein ab. Konkret geändert hat sich in den letzten drei Jahrzehnten wenig, allerdings ist bemerkenswert, dass die Mitarbeiterschaft internationaler und die Anzahl der Laien, Männer wie Frauen, gestiegen ist. Von großer Bedeutung ist vor allem auch, den Austausch zwischen den einzelnen Bischöfen weltweit mit dem Papst zu fördern und zu pflegen. Es geht um den einen Glauben, aber es geht um unterschiedliche Aufgaben.

Können Sie sich erinnern wie Sie Joseph Kardinal Ratzinger das erste Mal begegnet sind?
Gänswein: Das weiß ich noch wie gestern. Kardinal Ratzinger hat in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation – das waren 23 Jahre! – jeden Donnerstagmorgen in der Kirche am Campo Santo Teutonico im Vatikan um 7.00 Uhr die heilige Messe in deutscher Sprache gefeiert. Es kamen immer viele Pilger. Nach dem Gottesdienst kam der Kardinal zum Frühstück ins anliegende Priesterkolleg, wo ich damals wohnte. Ich wurde ihm vorgestellt, damit er wusste, wem er beim Frühstück gegenübersitzt. Bei dieser Gelegenheit, es war kurz nach Dreikönig 1995, bin ich ihm das erste Mal persönlich begegnet. Er kannte mich natürlich nicht, ich ihn aber sehr wohl, weil ich als Seminarist alles, was von ihm greifbar war, studiert hatte. Deswegen war mir seine Theologie sehr vertraut. Wir haben uns, wenn ich das etwas salopp sagen darf, auf Anhieb bestens verstanden, auch weil ich mein Doktorat an der Universität seiner Heimatdiözese München erworben hatte.

Was haben Sie empfunden als Benedikt XVI. 2013 auf sein Amt verzichtet hat?
Gänswein: Ich war erschüttert, als er mir das einige Monate vorher unter dem päpstlichen Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte. Ich habe mit Engelszungen versucht, ihn umzustimmen. Vergeblich. Er sagte nur, dass er um diese Entscheidung in den letzten Monaten sehr gerungen und sie nach reiflicher Überlegung und viel Gebet gefällt hat. Daran werde sich nichts mehr ändern. In diesem Moment hatte ich verstanden, dass es nicht um Überlegungen eines möglichen Amtsverzichts ging, sondern um eine Mitteilung einer bereits gefällten, unumstößlichen Entscheidung.

Hat sich der Alltag des Papstes Emeritus wesentlich verändert?
Gänswein: Nach seinem Amtsverzicht Ende Februar 2013 hat sich relativ schnell ein neuer Tagesablauf eingestellt. Dieser ist mit kleineren Veränderungen bis heute so geblieben. Vergessen wir nicht, dass Benedikt XVI. am vergangenen 16. April 95 Jahre alt geworden ist. Jeder Tag beginnt mit der heiligen Messe in der Frühe, bei der ich Hauptzelebrant bin. Benedikt XVI. konzelebriert am Altar im Rollstuhl. Dann beten wir gemeinsam Brevier. Es folgt das Frühstück; dann legt er eine Ruhepause ein. Danach widmet er sich der Korrespondenz und lässt sich über das Geschehen in Kirche und Welt informieren. Zur Entspannung hört er immer wieder Musik. Das Klavierspielen ist sehr selten geworden. Die Finger wollen nicht mehr so richtig, so kommentiert er. Vor dem Mittagessen wird ein weiterer Teil des täglichen Breviers gebetet. Nach dem Mittagessen gehört die Mittagsruhe zum festen Bestandteil des Alltags. Anschließend ist es Zeit, die Vesper zu beten. Da die physischen Kräfte stark nachgelassen haben, empfängt er nur noch selten Besucher. Anschließend widmet er sich der Lektüre oder lässt sich vorlesen. Dann ist es Zeit, in die Vatikanischen Gärten zu gehen, um dort den Rosenkranz zu beten. Dazu nutzt der emeritierte Papst seit einigen Wochen einen Elektro-Rollstuhl, weil ihm das Gehen große Mühen bereitet. Von dort zurückgekehrt steht das Abendessen bereit. Danach schauen wir gemeinsam die Nachrichten im italienischen Fernsehen und beten die Komplet. Dann zieht Benedikt sich zur Nachtruhe zurück.

Haben Sie auch freie Zeit für sich selbst?
Gänswein: Wenig. Ich versuche, ein Minimum an freier Zeit freizuschaufeln. Meine ausschließliche Aufgabe derzeit ist, mich um Benedikt XVI. zu kümmern. Das ist ein Fulltimejob, den ich gerne und mit ganzem Herzen tue. «

 

Bruder Fidelis
Ein Leben für die Berufungen

Bruder Fidelis Ellensohn (Jahrgang 1944) stammt aus Rankweil und ist mit 18 Jahren in den Benediktinerorden in Fiecht in Tirol eingetreten. In Vorarlberg  legendär sind seine Hausbesuche, bei denen er für „seine“ KIM, den Kreis junger Missionare, warb. Im Mai feierte KIM sein fünfzigjähriges Bestehen in Maria Bildstein mit einem Pontifikalamt mit Erzbischof Georg Gänsewein als special guest.

Bruder Fidelis selbst beschreibt seine Aufgabe als „Mission“. Der Schwerpunkt der KIM-Idee war die Bibelarbeit. 14-tägig trafen sich die Jugendlichen und lasen in der Heiligen Schrift, oft das Sonntagsevangelium, und fragten sich, was können wir davon konkret in unserem Leben umsetzen. Ein Vorsatz wurde gefasst und bei der nächsten Gruppenstunde geschaut, wie dieser Vorsatz umgesetzt werden konnte. Bruder Fidelis: „Da ist die Liebe zum Glauben und zur Kirche gewachsen, und da sind dann auch einige Berufungen gereift.“ Die Jugendwochen am Achensee im Haus des Klosters Fiecht in Tirol weckten die Begeisterung der jungen Leute. „Wir waren offen für alle kirchlichen Einrichtungen“, sagt Bruder Fidelis. Die KIM-Jugendlichen sind in verschiedenen Ordensgemeinschaften oder auch in den Dienst der Diözese eingetreten, wie zum Beispiel der jetzige Generalvikar Hubert Lenz oder der amtierende Dompfarrer Fabian Jochum. Für die Zukunft hält Bruder Fidelis die geistige Führung der und Vertiefung in die Bibel für sehr wichtig.