Die Umstellung von der Liturgiesprache Latein auf Deutsch stellte eine bedeutsame Veränderung in den heimischen Gotteshäusern dar. Wie sich dieser Umbruch für einen jungen Ministranten anfühlte, lässt Albert Lingg, Psychiater im Ruhestand, Revue passieren.

Kathrin Groß

Bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) wurde die heilige Messe fast ausschließlich in lateinischer Sprache gefeiert. Ähnliches galt für das Stundengebet. Das Konzil gestand den Bischofskonferenzen der einzelnen Sprachgebiete dann schließlich zu, selber zu bestimmen, inwieweit die jeweilige Landessprache eingesetzt wird. So sollen sich die Gläubigen aktiver am Gottesdienst beteiligen können. Es hieß jedoch auch, dass der Gebrauch der lateinischen Sprache auf jeden Fall erhalten bleiben soll - es sollte also eine gemischte Liturgie entstehen.
Dies hat jedoch nicht so geklappt, wie ursprünglich geplant: Wie eine Art Selbstläufer verschwand die lateinische Sprache schlussendlich mehr und mehr aus den Gottesdiensten. 2017 schloss auch Papst Franziskus eine Rückkehr zur alten lateinischen Messe aus. Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei „unumkehrbar“, verkündete er bei einer liturgiewissenschaftlichen Tagung in Rom. Inzwischen darf die ursprüngliche tridentinische Messe nur noch unter eng gefassten Auflagen, etwa mit Erlaubnis des Ortsbischofs, gefeiert werden.

Erste deutsche Lesung

Albert Lingg, ehemaliger Chefarzt am LKH Rankweil, kann sich noch gut an die Liturgieumstellung erinnern. „Ich war damals ein junger Gymnasiast, um die 15 Jahre alt, und Ministrant in Au im Bregenzerwald“, so der 72-Jährige. „Zu dieser Zeit wurde man bereits als kleiner Volksschulbub in die Ministrantenriege aufgenommen. Wir mussten ganze lateinische Texte auswendig lernen, die wir noch gar nicht zur Gänze erfassen konnten.“ Lingg erinnert sich, dass er als „Nachbar“ der örtlichen Kirche auch oftmals in Ferienmonaten als Ministrant zum Einsatz kam: „Das hat mich aber nie gestört“, so der Mediziner. „Die Arbeit für die Kirche war für mich eine wichtige Jugenderfahrung und sehr spannend.“ Armin Michler, der damals in Au tätige Pfarrer und laut Lingg ein recht gestrenger Geistlicher, habe damals für die kleine Gemeinde ganze Kohorten an Ministranten aufgestellt. „Ich wurde schließlich von ihm dazu auserkoren, als erster eine deutsche Lesung vorzulesen“, erzählt er nicht ganz ohne Stolz. „Es handelte sich dabei um eine Lesung aus dem Buch Jesaja, Kapitel 60: Die Wallfahrt der Völker zum gesegneten Jerusalem. Damals wurden in den Messen noch keine Mikrofone, Verstärker oder Ähnliches verwendet und so traf ich mich viele Male mit unserem Pfarrer, um zu üben“, so Lingg. „Schlussendlich präsentierte sich mir während der Messe eine breite Zuhörerschaft, welche bisher gewohnt war, die Lesungen auf Latein zu hören. Diese erste deutsche Lesung war epochal.“ Doch dies sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass der ehemalige Ministrant sich mit ebendieser vor Publikum präsentieren durfte. „Heuer an Dreikönig durfte ich die Lesung in Lustenau nochmals vortragen. Das war mir ein Anliegen“, erzählt der 72-Jährige und muss zugeben, dass ihn in diesem Moment ein kurzer Anflug von Nostalgie einholte.

Albert Lingg
Albert Lingg begeisterte auch heuer nochmals mit „seiner“ Lesung aus dem Buch Jesaja. Lingg

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 4 vom 27. Jänner 2022)