Fast viertausend Flüchtlinge leben zurzeit in Vorarlberg. Ungefähr dreihundert im Bregenzerwald und zehn im ehemaligen Kaplanshaus der Pfarre Lingenau. Ayid und Muhamed sind zwei davon. Seit zehn Monaten leben sie in Lingenau, lernen fleißig Deutsch, unterstützt von der wohl größten Antriebskraft der Flüchtlingsintegration: den freiwilligen Helferinnen und Helfern.

Isabel Natter

Im Flüchtlingshaus in Lingenau läutet die Glocke, ein kleines Ritual, das beim Eintreten erfolgt. Die Türen stehen immer offen für Besuch von Interessierten, Freunden, Lehrern oder Helfern.
Schon seit vor eineinhalb Jahren die ersten Flüchtlinge nach Lingenau gekommen sind, kümmert sich eine kleine, engagierte Gruppe von Freiwilligen um die Männer. Jeweils montags und freitags wird für zwei Stunden Deutsch gelernt. Der Anfang war natürlich etwas schwierig“, meint Ruth Berger-Holzknecht, Lehrerin und Freiwillige. „Wir haben Bilder aufgelegt, gestikuliert und vor allem: sehr viel gelacht!“ Während die einen Sprachbegleitung machen, organisieren andere Unternehmungen. „Muhamed ist im Winter zum ersten Mal auf einem Pferd geritten. Außerdem gibt es Geldspenden, von denen wir den Männern Monatskarten für das Fitnesscenter oder das Hallenbad in Lingenau kaufen konnten. Unter der Woche arbeiten die Männer hin und wieder bei der Nachbarschaftshilfe, ein gutes System, um ihnen vorläufig Arbeit zu verschaffen“, so Berger-Holzknecht. Denn solange sie keine Aufenthaltsgenehmigung haben, dürfen sie auch nicht offiziell arbeiten, egal wie gerne sie das tun würden.

Der lange Schatten des Gesetzes
Ein junger Mann meldet sich zu Wort, er ist erst seit einer Woche in Österreich. „Meine Familie ist in Belgien, meine Mutter und meine Geschwister. Sie alle. Nur mich hat man zurück nach Österreich geschickt, nach eineinhalb Jahren in Belgien haben sie uns einfach getrennt“, verständigt er sich teils in Englisch, teils in Deutsch. „Das hat seine Wurzeln im Dublin-Abkommen“, erklärt Berger-Holzknecht. „Man kann in das (sichere) Land zurückgeschickt werden, wo man zuletzt seinen Fingerabdruck abgegeben hat.“ Für den jungen Mann war das Österreich, für seine Familie Belgien.
„Wenn ich mir etwas für die Zukunft wünschen könnte, dann wäre das vor allem eine menschlichere Behandlung durch die Behörden. Mehr Transparenz. Gerade in solchen Fällen wäre es wichtig, zu sehen, dass mit einer solchen drastischen Handlung eine Familie entzweit wird“, gibt die freiwillige Helferin zu bedenken. Auch die anderen Männer sind von ihren Familien getrennt, Kontakt gibt es nur über das Mobiltelefon.

Gemeinsam in die Zukunft
Auch im Dorf kennt man die Männer. Gerade am Palmsonntag wurden sie der Gemeinde im Wäldersaal vorgestellt. „Im Dorf sind die Menschen sehr nett zu uns“, meint Ayid. „Man kennt einander.“ „Es gibt beide Seiten“, gibt Berger-Holzknecht zu bedenken. „Ein Teil ist sehr interessiert an den Flüchtlingen, der andere geht eher auf Distanz, die Hemmschwelle ist für manche groß. Ich glaube aber, dass gerade  in dieser Zeit alle zusammenhelfen müssen. Offenheit, friedliche Begegnung und Integration sind wohl die Kerngedanken einer Lösung.“ Dass die Männer muslimisch sind, stört die Lehrerin nicht, im Gegenteil. „Manchmal gehen die Männer mit in die Kirche. Auch die Überlegung eines interreligiösen Gebets steht im Raum. Es geht in dieser Situation ja nicht darum, unsere Differenzen aufzuzeigen, sondern das Verbindende zu entdecken. Wir müssen an einem Strang ziehen und das auf kontinentaler Ebene. Denn eines ist klar: das schaffen wir nur gemeinsam.“

(aus dem KirchenBlatt Nr. 26 vom 30. Juni 2016)