Am 24. Jänner feiern wir den „Sonntag des Wortes Gottes“, den Papst Franziskus im letzten Jahr für die ganze Kirche eingeführt hat. Generalvikar Hubert Lenz nimmt dies zum Anlass, um über die Bedeutung des Wortes Gottes nachzudenken und von seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit den biblischen Texten zu erzählen.

Generalvikar Hubert Lenz

Der irische Schriftsteller Oscar Wilde, so wird berichtet, musste bei einer Griechischprüfung aus dem Neuen Testament vorlesen. Nach einer Weile unterbrach ihn der Lehrer und bat ihn, mit dem Übersetzen zu beginnen. Wilde aber las weiter, wurde wieder unterbrochen, las aber immer weiter und sagte schließlich: „Ich will wissen, wie es ausgeht.“

In der Bibel lesen, um zu wissen, „wie es ausgeht“. Wer die Bibel zur Hand nimmt, wird sogar noch mehr erfahren: nicht nur, wie es ausgeht, sondern auch, wie es angefangen hat und wie durch alle Höhen und Tiefen hindurch Gott an der Seite der Menschen stand.

Kraftquelle

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, merke ich, dass mich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen die biblischen Texte immer wieder getroffen und betroffen, berührt und angerührt haben. Viele Erzählungen oder auch nur einzelne Verse sind Kraftquelle, Ermutigung und Antrieb für mein Leben und meinen Alltag.

Dem Wort Gottes bin ich in der Vergangenheit auf verschiedene Art und Weise begegnet: durch das fortwährende Lesen in der Bibel, in Bibelrunden, im Gottesdienst, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung während des Studiums und danach, an den biblischen Stätten im Heiligen Land oder als Priester bei der Vorbereitung der Predigt. Immer wieder war und bin ich fasziniert, wie sehr die Bibel mit meinem Leben zu tun hat und wie sehr sie mir Halt gibt. Halt gibt vor allem Christus selbst, der für uns das Wort Gottes in Person ist. In ihm ist das Wort Gottes Mensch geworden, um all das wirklich werden zu lassen, was Gott den Menschen verheißen hat.

Das gefeierte Wort

In den letzten Jahren ist mir eine neue Dimension des Wortes Gottes aufgegangen: nämlich das gefeierte Wort Gottes. Damit meine ich, dass es neben der ganz persönlichen Auseinandersetzung mit den biblischen Texten auch die Begegnung mit dem Wort Gottes im Gottesdienst gibt, ganz egal, ob in der Eucharistiefeier, in einem Wortgottesdienst, in der Tagzeitenliturgie oder in einem anderen Gottesdienst. In den biblischen Lesungen spricht Gott selbst zu uns und baut uns als Gemeinde auf. Die biblischen Erzählungen sind daher nicht einfach Geschichten über Gott, sondern durch sie spricht Gott uns an und wirkt in uns: als Einzelne und als Gemeinschaft. Und wir antworten, indem wir in unserem Alltag seine Botschaft in Gebet, Solidarität und Nächstenliebe lebendig werden lassen. In diesem Sinne kann man sagen, dass auch beim Lesen oder Hören des Wortes Gottes Wandlung geschieht: Wandlung des Herzens, damit Glaube, Hoffnung und Liebe in und durch uns wachsen können.

„…ermutigt und geleitet durch dein Wort“

Dass Gott durch sein Wort wirkt und verwandelt, wird in der Heiligen Schrift an vielen Stellen deutlich. Das erste Wort, das Gott in der Bibel spricht, lautet: „Es werde Licht“. (Gen 1,3) Und dieses Wort wird sofort Wirklichkeit: „Und es wurde Licht“. Noch klarer wird das an einer Stelle aus dem Propheten Jesaja: „… so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“. (Jes 55,11)

Das Wort Gottes ist nie leer und wirkungslos. Das gilt auch für uns, wenn wir uns heute mit der Heiligen Schrift beschäftigen. Als gläubige Menschen lesen wir in der Bibel nicht in erster Linie aus historischem Interesse. Vielmehr können wir im Glauben gewiss sein, dass durch das Wort der Bibel Gott selbst zu uns spricht und heilen möchte, was in uns verwundet ist. Georg Steins hat dies in seinem Gedicht „In deinem Wort“ sehr schön auf den Punkt gebracht: „Gott, / du willst zu uns kommen / in Deinem Wort. Öffne unsere Ohren / für die leisen Töne, / öffne unsere Augen / für die zarten Farben Deines Wortes. Lass uns riechen und schmecken / den Trost, die Zuversicht / und die Verheißung deines Wortes, wenn wir nach Dir tasten / im Dunkel unseres Lebens, / ermutigt und geleitet durch dein Wort.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 3 vom 21. Jänner 2021)