Zum Welttag des Buches am 23. April erscheint im Hohenemser Bucherverlag der Roman „Der Papst und das Mädchen“ von Robert Schneider in einer neu bearbeiteten Fassung. Im KirchenBlatt spricht der Vorarlberger Schriftsteller in einem seiner selten gegebenen Interviews über seine kritische Haltung gegenüber Kirche, Gesellschaft und Medienwelt. Außerdem verrät der Autor, dass er an einem langfristigen Romanprojekt arbeitet.

Die Fragen stellte Wolfgang Ölz

Warum haben Sie sich entschlossen, die Novelle „Der Papst und das Mädchen“ von 2001, nun neu bearbeitet, als Roman herauszubringen? Was unterscheidet die jetzige Version von der ersten?
Robert Schneider: Ich traf vor ­Weihnachten Günter Bucher, dessen Verlagsarbeit ich sehr schätze. Er bedauerte, dass die meisten meiner Bücher vergriffen sind. Also kamen wir überein, diese kleine Novelle, die fast niemand kennt, neu aufzulegen. Für mich eine Nagelprobe. Der Text ist 20 Jahre alt. Trägt er noch? Wo stehe ich jetzt? Der Unterschied zur ersten Version besteht darin, dass ich das Pädagogische - ich bin nun mal katholisch geprägt - komplett herausstrich zugunsten der reinen Erzählung. Außerdem habe ich in den Jahren handwerklich dazugelernt.

Wie wird die menschliche Ohnmacht in dieser an C.G. Jung geschulten Parabel thematisiert?
Schneider: Ich unterscheide zwischen einer Ohnmacht, die deshalb so schmerzlich ist, weil sie die Freiheit des Anderen niemals antasten würde - erfahrbar in der unerwiderten Liebe, im Verlust eines Menschen - und einer gesellschaftlichen Ohnmacht, deren Grund Mutlosigkeit und Feigheit ist.

Welche Verbindung sehen Sie zur Corona-Krise?
Schneider: Die Ohnmacht der Mutlosigkeit und Feigheit. Es bleibt mir unbegreiflich, dass gerade Christen das Versammlungsverbot stillschweigend hinnehmen. Die ­Kirche ist kritiklos dem Angstgespenst der ­Politik gefolgt, ohne zu sehen, dass die Politiker nicht Angst vor Corona haben, sondern Angst vor dem, was danach auf sie zukommen könnte. Nur darum wurde die Demokratie vorsorglich in Vollnarkose gesetzt.

Hat die Ohnmacht Gottes in Ihrem Buch mit der Ohnmacht des Gekreuzigten zu tun?
Schneider: Wenn Sie möchten. Für mich ist Aylan Kurdi, der ertrunkene Flüchtlingsjunge, auch ein Gekreuzigter, oder die Millionen von Menschen in Afrika und Indien, die aufgrund der Corona-Maßnahmen vermutlich verhungern werden. Aber auch die durch das Generalversagen der kritischen Medien tief verunsicherten Menschen hierzulande sind jetzt Gekreuzigte in einem übertragenen Sinn, zumindest Betrogene.

Sie sagen „Für mich gibt es nur eine Sinnhaftigkeit im Leben: Heimkommen zu mir selbst“. Gibt es da bei Ihnen noch Platz für eine metaphysische Instanz, für Gott?
Schneider: Heimkommen bedeutet für mich, vergessen, was ich bin, war, sein wollte. Das Nichts und das Alles. Das ist Gott.

Die menschlichen Züge des Papstes in Ihrem Text können heute kaum ohne das außergewöhnliche Pontifikat von Papst Franziskus gesehen werden. Hat der Papst aus Argentinien einen Teil ihrer prophetischen Erzählung eingelöst?
Schneider: Nein. Ob er nun im Vatikan wohnt oder nicht, rote Schuhe trägt oder nicht, er ist kein Erneuerer. Er ist ein zauberhafter Mann. Corona hätte seine ganz große Stunde werden können oder die des Dalai Lama. Das wären nämlich unabhängige, große Männer gewesen, auf die die Welt vielleicht gehört hätte. Sie haben geschwiegen, anstatt zu sagen: Schaut her, der Kaiser ist nackt! Es ist natürlich ungefährlicher in Zeiten wie diesen, die Ostermesse in einer leeren Basilika zu lesen.

2007 haben Sie sich als Schriftsteller für das Verstummen entschieden. Was unterscheidet die rein literarische Arbeit von der des Journalisten und Dokumentarfilmers Robert Schneider?
Schneider: Es gab einfach keine Notwendigkeit mehr, ein Buch zu schreiben. Die Not, um im Bild zu bleiben, hatte sich gewendet. Ich bin Vater von drei Buben geworden. Das war ein neues Leben. Ein unvergleichliches Leben. Die Dokumentarfilmerei ist nur eine andere Form des Schreibens.

Könnte es sein, dass Robert Schneider die Welt noch mit einem gänzlich anderen literarischen Werk überraschen wird?
Schneider: Seit vielen Jahren arbeite ich an meinem Roman „Die Alben“, einer Familiengeschichte über mehrere Generationen, wo die blanke Gier am Ende fast das ganze Dorf auslöscht. Es geht in diesem Buch um die in jeder Generation wiederkehrenden und nicht bewältigten Traumata einer dörflichen Gesellschaft.

Wie sehen Sie die grausame Dramatisierung der Religiosität der Menschen im fiktiven Dorf Eschberg in Ihrem gefeierten Debüt-Roman „Schlafes Bruder“ heute, nach fast 30 Jahren?
Schneider: Die Umstände sind austauschbar. War es in „Schlafes Bruder“ die grausame, unumschränkte Macht der Kirche, ist es heute das nicht minder grausame Diktat des Kapitalismus, an dem die Welt beinahe zugrunde geht. Aber nur beinahe, denn das Gute hat am Ende immer das Böse besiegt. «

Zur Person

Robert Schneider (58) verfasste sechs Romane, eine Novelle, einige Theaterstücke und zwei Lyrikbände. Der Vorarlberger Schriftsteller lebt heute mit seiner Familie in Meschach bei Götzis.

Cover: Robert Schneider – Der Papst und das MädchenRobert Schneider: Der Papst und das Mädchen. Roman. Bucherverlag 2020, 112 Seiten, geb.
€ 16,50.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 17 vom 23. April 2020)