Der „Fremde“ und seine Schutzwürdigkeit begegnen immer wieder im Alten Testament. Auch für die ersten Christen war die Erfahrung des „Fremdseins“ grundlegend.

Bild: Seit Herbst 2012 stellt das Werk der Frohbotschaft das ­Mutterhaus in Batschuns für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung.

Dietmar Steinmair

In seinem glaubensphilosophischen Werk „Stern der Erlösung“ schreibt Franz Rosenzweig nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, dass für die Volkswerdung Israels die Erfahrung des Exils in Ägypten entscheidend gewesen sei. Noch weiter zurück in der Geschichte Israels liegt eine weitere entscheidende Erfahrung: Der Stammvater schlechthin, Abraham, war selbst ein Aus- bzw. Zuwanderer gewesen.

Weisungen
Die Exilserfahrung schlägt sich  nach der Volkswerdung auch in Gesetzestexten nieder. Im Alten Testament gilt drei sozial verwundbaren Gruppen besondere Aufmerksamkeit: Den Witwen, den Waisen, den Fremden. Zu letzteren heißt es im Buch Exodus: „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.“ (Ex 23,9). Und das Buch Leviticus fordert: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Lev 19,33-34)

Neues Testament und junge Kirche
In den Evangelien wendet sich Jesus immer wieder den Menschen an den Rändern, den Ausgestoßenen zu. Auch den Fremden. Bekannt ist das Gleichnis vom guten Samariter (Lukas 10). Oder eines der Werke der Barmherzigkeit in Jesu Rede vom Weltgericht: „…ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25,35)

Nach Jesu Tod und Auferstehung lebten die ersten Christen in der „Naherwartung“ einer baldigen Wiederkunft des Herrn. Sie hofften  auf die „himmlische Heimat“, und so kommt der Begriff des „Fremdseins“ in den frühen Schriften immer wieder vor. Die Jünger/innen Jesu waren zwar in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Im Brief des Klemens an die Korinther heißt es etwa: „Die Kirche Gottes, die in der Fremde in Rom lebt, an die Kirche Gottes, die in der Fremde in Korinth lebt.“ Paulus wiederum schreibt: „Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind.“ (2 Kor 5,6) Das Wissen um die Verstreutheit bildet auch den Auftakt des ersten Petrusbriefes: „Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Auserwählten, die als Fremde in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien in der Zerstreuung leben …“ (1 Petr 1,1).

Der Diognetbrief beschreibt im 2. Jh. die Christen folgendermaßen: „Sie leben zwar an ihrem jeweiligen Heimatort, doch wie Fremde. Sie beteiligen sich als Mitbürger an allem, doch ertragen sie es nur wie Durchreisende. Jede Fremde ist ihre Heimat, und jede Heimat ist ihnen fremd.“

Über das Gesetz hinaus
Vor knapp zwanzig Jahren äußerte sich Papst Johannes Paul II. zur damaligen Flüchtlingssituation. Bezogen auf Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis sagte er: „Das Phänomen der Migration mit seiner komplexen Problematik ruft heute mehr denn je die internationale Gemeinschaft und die einzelnen Staaten auf den Plan. Diese tendieren meistens dazu, durch eine Verschärfung der Ausländergesetze und eine Verstärkung der Systeme der Grenzkontrolle zu intervenieren, und die Migration verliert so die Dimension wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Entwicklung, die sie historisch besitzt.“ […]

„Niemand ist in der Kirche fremd, und die Kirche ist niemandem fremd. Als Sakrament der Einheit und somit sammelndes Zeichen und sammelnde Kraft für das ganze Menschengeschlecht ist die Kirche der Ort, wo auch die illegalen Immigranten anerkannt und als Brüder aufgenommen werden. Es ist Aufgabe der verschiedenen Diözesen, sich dafür einzusetzen, dass diese Menschen, die gezwungen sind, außerhalb des Schutznetzes der zivilen Gesellschaft zu leben, Brüderlichkeit in der christlichen Gemeinschaft erfahren.“ Und weiter: „Solidarität bedeutet, gegenüber dem, der in Schwierigkeiten ist, Verantwortung wahrzunehmen. Für den Christen ist der Migrant nicht einfach ein Individuum, das er nach gesetzlich festgelegten Vorschriften zu respektieren hat, sondern eine Person, deren Anwesenheit ihn herausfordert und deren Bedürfnisse seine Verantwortung verpflichten. ‚Was hast du mit deinem Bruder gemacht?‘ (vgl. Gen 4,9). Die Antwort ist nicht in den vom Gesetz vorgeschriebenen Grenzen, sondern im Stil der Solidarität zu geben.“ (Botschaft zum Welttag der Migranten 1996)

ZUR SACHE

Flüchtlinge in kirchlichen Herbergen

In Vorarlberg betreut die Caritas im Auftrag des Landes die Asylwerber/innen. Zur Unterbringung mietet sie Unterkünfte an, in denen die Flüchtlinge für die Dauer des Asylverfahrens untergebracht sind.
Auch Pfarren und kirchliche Einrichtungen stellen Unterkünfte zur Verfügung, unter anderem die Pfarren Blons, Frastanz, Doren, Hörbranz, Dornbirn-Oberdorf, Rankweil oder Lingenau. Flüchtlinge wohnen auch in einer Unterkunft der Propstei St. Gerold sowie im Mutterhaus des Werks der Frohbotschaft in Batschuns. Weitere Unterkünfte sind in Prüfung.
Auch von der evangelischen Pfarrgemeinde in Feldkirch hat die Caritas Wohnraum angemietet.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 25 vom 18. Juni 2015)