Wie war das denn damals? Die 68-jährige Luise Groß lässt die Nikolaustage ihrer Kindheit im Südtirol, aber auch die Feiern mit ihren Kindern Revue passieren und erzählt im KirchenBlatt über ihre Erlebnisse mit dem Gast mit der roten Bischofsmütze.

Der heilige Nikolaus ist wohl einer der bekanntesten Heiligen unserer Kirche. Was nicht jeder weiß, ist, dass dem heiligen Nikolaus laut Forschern zwei historische Persönlichkeiten zugrunde liegen: Dies ist zum einen der bekanntere Nikolaus von Myra, zum anderen Nikolaus von Sion. Im Christentum wird am 6. Dezember jedoch der Todestag des Nikolaus von Myra gefeiert.

Erinnerungen.

Der Duft nach Keksen und Kerzen, die leuchtenden Kinderaugen und die in der Luft liegende Spannung, welche erst dann weicht, wenn es endlich an der Tür klopft und der mit so viel Vorfreude erwartete Besucher da ist: Dies alles gehört zu einem gelungenen Nikolausabend bei den meisten Familien mit dazu. Doch war das immer schon so? Wie lief ein Nikolausbesuch noch vor über 60 Jahren ab und was hat sich bis zum heutigen Tag geändert? Die 68-jährige Luise Groß aus Thüringerberg erzählt von freudigen, lustigen, aber auch aufregenden Momenten, lässt ein klein wenig Wehmut mit einfließen und berichtet von ihren ganz persönlichen Erfahrungen.

Hafer fürs „Esele“.

Luise Groß ist Mutter von fünf inzwischen erwachsenen Kindern sowie Oma von bereits neun Enkelkindern. Auch heute noch feiert sie mit den Jüngsten gerne das Nikolausfest mit, allerdings in einer anderen Form als in ihrer eigenen Kindheit, wo Luise Groß in St. Felix im Südtirol lebte. Was sich nicht verändert hat, ist der familiäre Rahmen, in welchem der Nikolausabend zelebriert wird. Von ihren eigenen Erfahrungen abweichend ist die Tatsache, dass sie in ihrer Kindheit den gütigen Bischof nie persönlich zu Gesicht bekommen hat. „Der Nikolaus kam heimlich mitten in der Nacht“, erinnert sie sich. „Bevor wir ins Bett gingen, stellte jedes Kind stets einen Teller auf die Fensterbank. Darin waren ein Zettel mit seinem Namen und Hafer für den Esel des Nikolaus, damit dieser sich bei ihrem Besuch stärken konnte. Wir waren sechs Kinder und jedes wollte noch mehr Hafer in sein Tellerchen geben, damit der brave Esel auch genug zum Fressen hatte.“
Die größte Angst war für die Thüringerbergerin und ihre Geschwister, dass ihre Mutter nachts den Fensterladen zu fest schließt. „Dann wären ja der Nikolaus und sein treuer Begleiter nicht ins Haus gekommen!“ Wenn die Kinder morgens aufwachten, hatte der stille Besucher stets etwas Gutes in ihre Teller gegeben. „Das war meist ein Lebkuchen und eine Mandarine“, erzählt Groß. Sie kann sich jedoch noch allzu gut erinnern, dass die Kinder ein einziges Mal am Morgen noch etwas anderes beim Fenster fanden: „An einem Nikolausmorgen stand im Fenster eine lange Rute. Das war ein Schock für uns. Ich habe das Bild heute noch vor Augen“, so die 68-Jährige. Da hatte der Nikolaus wohl unsere üblichen Streitigkeiten unter Geschwistern mitbekommen...“

„Schreckensmomente“.

Auch bei den Kindern von Luise Groß kam der Nikolaus nicht persönlich vorbei. „Er und Knecht Ruprecht haben stets einen Korb mit Nikolaussäckchen für die Kinder vor die Tür gestellt“, erinnert sie sich. „Dazu gibt es auch lustige Geschichten. Ich habe beispielsweise dem Nikolaus jedes Jahr außer dem Korb noch einen Janker und einen Hut für ‚Knecht Ruprecht‘ zur Verkleidung ausgeliehen, falls diesen doch jemand zu Gesicht bekommen sollte. Als er die Sachen zurückbringen wollte, klingelte er an der Haustüre und mein Jüngster öffnete. Er erschrak so, dass Knecht Ruprecht nun auch persönlich zu uns kommt, dass er ihm wieder die Tür vor der Nase zumachte. Er kam nach oben gerannt und sagte ganz aufgeregt, der Nikolaus habe sich wohl in der Tür geirrt“, lacht die 68-Jährige. „Ein anderes Mal hat der Nikolaus die Säckchen statt vor die Balkontüre ums Eck des Hauses gestellt. Keine Geschenke vor der Tür - man kann sich vorstellen, dass dies sehr aufregend für uns alle war!“
Leider wird der Nikolaustag heuer bei Groß‘ Enkelkindern wieder ohne persönlichen Besuch ausfallen, doch für die nächsten Jahre sind noch viele weitere eindrückliche Momente geplant. Auf diese freut sich die Thüringerbergerin und genießt jeden 6. Dezember, den sie mit ihrer Großfamilie verbringen kann.

Luise Groß

 

 

 

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 48 vom 2. Dezember 2021)