Der Südtiroler Bildhauer Lois Anvidalfarei zeigt in der Johanniterkirche seine radikalen Bronzearbeiten. Nicht Schock, sondern Bewusstmachung von Leid ist seine künstlerische Absicht.

Wolfgang Ölz

Den Eingang der Johanniterkirche hat Lois Anvidalfarei mit einem Metallgerüst beinahe verstellt, an dem in Bronze gegossene, menschliche Körperteile hängen. Der Künstler nennt es eine „Schlachtung“, doch nicht Schock, sondern Wahrnehmung der eigenen Emotionen sei die Absicht, Bewusstmachung der Conditio Humana, der Natur des Menschen - als eine, die vom bösen Willen des Menschen geprägt ist. Dieses Leid ist vom Menschen absichtlich herbeigeführt. Anvidalfarei verweist auf die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten, wo aus kriegstaktischen Gründen unschuldige Kinder in Stücke gerissen werden. Der Titel der Ausstellung lautet „Passus“, das bedeutet „Gelitten“. Der Künstler entnimmt es dem lateinischen Credo, wo es von Christus heißt „passus et sepultus est“ - eben dass Christus „gelitten hat und begraben worden ist“. Dem in einem südtiroler Bergdorf aufgewachsenen Lois Anvidalfarei ist die lateinische Sprache vertraut, weil er selbst als Muttersprache Ladinisch spricht, eine alte lateinische Mischsprache, die dem Rätoromanischen entspricht.

Lois Anvidalfarei steht mit seinen Bronzearbeiten, die als Ausdruckskunst an den Spätexpressionismus erinnern, in der Tradition der Wiener Klassik. Sein Lehrer Johannis Avramidis war selbst Schüler des berühmten Fritz Wotruba, und unter den Mitstudenten Anvidalfareis an der Akademie war der Vorarlberger Bildhauer Albrecht Zauner, der Anvidalfarei seit 30 Jahren auch im Land bekannt gemacht hat. Ausstellungen in der Villa Falkenhorst oder der Galerie Arthouse bei Herbert Alber verbinden sich mit einer Arbeit für den öffentlichen Raum in Hörbranz (Die Einbeinige) und einer Bronzearbeit für das Sozialzentrum in Bezau. Jener Gekreuzigte für Bezau führte allerdings im Bregenzerwald im Jahr 2000 zu Entrüstungsstürmen und einer Unterschriftenliste, die zu einer Entfernung der Skulptur führte. Nichtsdestotrotz hat Lois Anvidalfarei auch für den sakralen Bereich bedeutende und stimmige Werke geschaffen. Ein schönes Beispiel ist der Altarraum in der Basilika am Sonntagsberg (NÖ).

Lois Anvidalfarei
(Foto: KKV/Ölz)

Zur Person:
Lois Anvidalfarei (geb. 1962). Der in Abtei gebürtige Südtiroler besuchte 1976-1981 die Kunstschule St. Ulrich im Grödnertal. 1983-1989 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Joannis Avramidis. Rückkehr nach Abtei, Arbeit als freischaffender Bildhauer und  Bewirtschaftung des Hofes der Eltern bis 2020. Teilnahme an der Biennale Venedig 2011.

Ausstellung Johanniterkirche Feldkirch
Di bis Fr, 10 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 14 Uhr, bis 30 Juli 2021.
Kontakt: 05522 304 1271,
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(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 23 vom 10. Juni 2021)