... als das tägliche Hetzen von Termin zu Termin: Die Soziologin Jutta Allmendinger hat selbst erlebt, wie schwierig es sein kann, sich gegen gängige Rollenvorstellungen zu behaupten, als sie als junge Professorin direkt nach der Geburt ihres Sohnes ihre Vorlesungen fortsetzte. Wie sich die Situation für junge Frauen heute darstellt, ist ihr Thema beim FrauenSalon am 3. Oktober im Bildungshaus St. Arbogast - und im Interview.

Die Fragen stellte Charlotte Schrimpff

Frau Prof. Allmendinger, in zwei großen Studien haben Sie 2007 und 2012 die Lebensentwürfe junger Frauen in Deutschland untersucht. Seither hat sich allerdings manches geändert: Die Geburtenraten sind wieder gestiegen (bei weiterhin immer späterer Mutterschaft) - genau wie die Angst vor den Folgen des Klimawandels. Ist „die“ junge Frau von damals noch „die“ junge Frau von heute?
Jutta Allmendinger: Ich plane tatsächlich eine vergleichbare Studie für 2020, das wäre dann ein Abstand von dreizehn Jahren zur ersten Erhebung. Meine Erwartung: Was wir 2007 bereits in Ansätzen gefunden haben, hat zwischenzeitlich ein stärkeres Momentum erreicht. Frauen trauen sich zwar Vollzeiterwerbstätigkeit, Karriere, Kinder, Freunde und Familie zu, wollen sich aber nicht permanent überfordern. Das Leben muss mehr bieten als das tägliche Hetzen von Termin zu Termin. Diese lebensbejahende und gesunde Einstellung, dieses Stoppzeichen, wird oft als „backlash“ bzw. Rückschlag bezeichnet. Das finde ich falsch. Ich empfinde es eher als emanzipativen Akt, der allerdings hart bestraft wird - man denke nur an die niedrigen Renten. Die ohne breite gesellschaftliche Diskussion eingeführte Norm der Vollzeit für alle erachte ich als nicht lebbar, wir brauchen neue Arbeitszeitmodelle.

Für die 32-Stunden-Woche treten Sie schon seit Jahren ein.
Allmendinger: Ja. Wir müssen die Lücke im Arbeitsvolumen von Männern und Frauen schließen. Solange Männer rund um die Uhr bereitstehen, Frauen aber nicht, wird man auf Männer zurückgreifen. Die Norm der Verfügbarkeit wird sich nicht brechen lassen. Jahrzehnte versuchen wir nun, diesen Spagat zu schaffen, indem Frauen mehr arbeiten, am besten so viel wie die Männer, aber das war ein Irrweg. Wir brauchen eine Anpassung nach unten, weniger Wochenstunden für Männer. So habe ich auch das 32-Stunden-Modell berechnet, das ja das Arbeitsvolumen insgesamt nicht senkt, sondern nur gerechter zwischen Männern und Frauen verteilt.

In Ihrer Untersuchung der Lebenswelten und Vorstellungen von jungen Frauen und Männern aus Bayern bin ich aber über den Gedanken gestolpert, dass gesellschaftliche Veränderungen in den eigenen vier Wänden beginnen müssten, also überspitzt formuliert: Wenn Frauen nicht lernen, die Verantwortung für den Haushalt mit Männern zu teilen, brauchen sie sich nicht wundern, wenn sie auch drumherum weiterhin nach gängigen Rollenmodellen behandelt werden. Habe ich das richtig verstanden, liegt wirklich so viel Verantwortung bei uns?
Allmendinger: Ich bleibe dabei, dass das Verhalten vieler Frauen die gegebenen Strukturen sehr stützt. Wenn wir junge Paare vor der Geburt ihres ersten Kindes fragen, wie sie sich die Arbeitsteilung im Haushalt wünschen, so singen sie ein Hohelied auf die partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit. Beide, Frauen wie Männer, wollen nach der Familiengründung ihre Erwerbsarbeit etwas zurückfahren, niemand ganz. Nach der Geburt der Kinder geben Frauen dann allzu leicht nach, oft aus sehr pragmatischen Gründen: Die Partner haben ein höheres Einkommen, deren Chefs murren mehr, "mann" hat Angst, schräg angeschaut zu werden. Etwas mehr loslassen können, etwas weniger Perfektionismus seitens der Frauen würden hier schon helfen. Ich spreche da durchaus auch aus eigener Erfahrung: Oft dauern mir Dinge zu lange, wenn ich sie jemand anderem übertrage und ich erledige sie lieber flugs selbst. Doch darum geht es ja nicht. Auch ich brauche Zeit! Dann gibt es das Essen halt etwas später, die Bluse ist etwas stärker zerknittert, das Toilettenpapier kommt erst beim nächsten Einkauf. Eigentlich ist das doch unerheblich. Wenn ich immer vorpresche, ändert sich ja auch nichts. Wie sollen die Männer dann lernen?

Wäre es nicht aber auch an den Männern, Haltung zu zeigen, wenn ihnen beispielsweise von Arbeitgeberseite her bei Karenzwünschen mit Karriereknicks gedroht wird?
Allmendinger: Es gibt Männer, die Elternzeiten nehmen - nur eben wesentlich kürzer. Und sie kehren in Vollzeit zurück, während Mütter nach der Geburt Teilzeit arbeiten. Ja: Männer müssen lernen, gegen den Strom zu schwimmen und ihren Überzeugungen treu zu bleiben. Arbeitgeber müssen endlich Führung in Teilzeit anbieten. Und der Staat sollte die Zahl der Vätermonate erhöhen. Männer scheinen sich leichter zu tun, wenn sie darauf verweisen können, dass bei Nichtinanspruchnahme Leistungen verfallen würden.
 
Solche Vorschläge, wie Frauen und Männer gleichberechtigter dastehen könnten, machen Sie seit Jahren. Verlieren Sie nicht langsam die Geduld?
Allmendinger: Kulturen sind veränderungsträge, da braucht es eben einen langen Atem. Und etwas Bewegung sehen wir ja. Hätten wir noch vor 20 Jahren gedacht, dass die Zusammensetzung von Aufsichtsräten quotiert werden würde? Dass die Geschlechterparität auch der Wissenschaft quasi verordnet wird? Dass wir über den Gender Wage bzw. Pay Gap, also die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern in gleichen Positionen, immer und immer wieder reden. Für mich ist das Glas halbvoll. Aufgeben ist mein Ding allemal nicht. Und auch kein Hochmut: warum sollte man auf mich hören? Die Wissenschaft ist ein Wasserträger…

Unter den jungen Bayerinnen konnten Sie trotzdem ein „schockierend“ geringes politisches Interesse feststellen. Warum sind vor all diesen Vorzeichen nicht gerade Frauen politischer - oder eben wenigstens politisch interessiert?
Allmendinger: Wir beobachten, dass sich hier gerade viel verändert. Greta Thunberg zeigt Wirkung, zeigt, dass sich etwas ändern lässt. Auch von Annalena Baerbock, der Co-Vorsitzenden der Grünen Partei in Deutschland, würde ich das sagen. Über lange Zeit fehlten ja gerade in der Politik die jungen Frauen - die Politik hatte kein weibliches Gesicht, mit dem man sich als junge Frau identifiziert hätte. Ältere sind oft für die Jungen zu weit weg.

In einem „ZEIT“-Interview haben Sie gesagt, dass es „keine Institutionen auf der Höhe der Zeit gibt, die Halt bieten, die unterstützen, die Hilfe anbieten, die Wege, Orientierung, Möglichkeiten anbieten und bei der Umsetzung helfen“. Inhaltlich klingt das für mich nach dem Programm, dass sich die christlichen Kirchen vorgenommen haben. Haben wir in ihren Augen versagt?
Allmendinger: Ich meine das gar nicht in einem spirituellen Sinn. Ich frage mich ganz profan: Was mache ich mit meiner Angst, in fünf Jahren meine Arbeit an einen Roboter verloren zu haben? An wen kann ich mich für einen solchen Digitalisierungscheckup wenden? Wer nimmt mich ernst, wenn ich mir Sorgen um die Bildung meiner Kinder mache? Wir brauchen Formen aufsuchender Hilfe und dürfen die Menschen nicht im eigenen Saft schmoren lassen. «

Jutta Allmendinger

Jutta Allmendinger, Foto Boris SchaarschmidtDie Soziologin Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D., geboren 1956 in Mannheim, ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Soziologie, Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung. Zuvor war sie Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg sowie Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Forschungsschwerpunkte sind die Lebens- und Bildungsverläufe von Menschen z. B. im Übergang von der (Aus-)Bildung zum Arbeitsmarkt sowie die Verflechtung der Lebensverläufe von Frauen und Männern. Jutta Allmendinger ist u. a. Mitglied des Herausgeberrats der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie im International Scientific Advisory Board des Austrian Science Fund (FWF).

» Am 3. Oktober 2019 ist sie ab 19 Uhr zu Gast beim FrauenSalon im Bildungshaus St. Arbogast. Anmeldung: T 05523 62501 E

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 38 vom 19. September 2019)