Kardinal Dr. Christoph Schönborn wurde vergangene Woche im Landhaus das Goldene Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg verliehen. Das KirchenBlatt traf den Erzbischof von Wien zum Gespräch im Kloster Mehrerau.

Was bedeutet es für Sie, dass Sie nun das Goldene Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg bekommen?

Kardinal Christoph Schönborn: Diese Auszeichnung berührt mich persönlich sehr. Ich denke an den sechsjährigen Buben, der zum ersten Mal in einer Flüchtlingsfamilie nach Vorarlberg gekommen ist und hier eine Heimat, ein Zuhause gefunden hat. Ich bin dankbar in Vorarlberg aufgewachsen zu sein. Ich bin dankbar sagen zu können, ich bin ein Vorarlberger.

Wie geht es Ihnen damit, dass vor kurzem ihre Mutter Eleonore verstorben ist?

Schönborn: Das kann man schwer in Worte fassen. Wir und sie selber waren darauf eingestellt, dass das Leben mit fast 102 Jahren zu Ende geht. Sie wollte auch sterben. Sie war ja geistig ganz präsent, aber sie hat gesagt: Es ist genug. Sie hat gebetet, dass Gott sie abholt, aber trotzdem ist diese Leerstelle, sie war ja der Mittelpunkt der Großfamilie, sehr spürbar. Es tut weh, auch wenn der Kopf weiß, man lebt eben nicht mehr als hundert Jahre, aber das Herz muss eben nachkommen.

Ihre Mutter hat sich ja gesorgt, dass Sie Papst werden könnten und Sie dann nicht mehr treffen würde. Wie ernst war diese „Gefahr“?

Schönborn: Ich habe darauf eine generelle Antwort. Die sogenannten „Papabile“ werden von den Medien gemacht, aber der Papst wird von den Kardinälen gewählt und die Kardinäle haben einen anderen gewählt und sie werden gute Gründe dafür gehabt haben.

Sie waren bei den Konklaven 2005 und 2013 dabei. Hat es etwas Existentielles, wenn man die Pflicht und das Recht hat den nächsten Papst zu wählen?

Schönborn: Absolut. Es ist der Hauptzweck, warum es Kardinäle gibt. Das Einzige wofür sie wirklich gebraucht werden, ist die Wahl des Papstes. Es ist beeindruckend und auch ein bisschen unheimlich, denn man schwört einen Eid in dem es heißt: Vor Gott, der mein Richter sein wird, sage und bekenne ich, dass ich dem die Stimme geben werde, von dem ich glaube, dass Gott ihn erwählt hat. Das ist kein politisches Spiel, das ist schon eine sehr ernste Sache.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche? Kommt jetzt eine Diasporakirche statt der Volkskirche?

Schönborn: Ich erinnere an das, was wir im dritten Hochgebet der Messe sagen. Dort heißt es „bis ans Ende der Zeiten versammelst Du Dir ein Volk“. Ich denke immer daran, dass das Entscheidende Gott selber macht. Den Glauben kann keine PR-Aktion machen, den Glauben kann auch ein toller Prediger nicht bewirken, höchstens anregen. Dass jemand wirklich gläubig wird, ist ein Geschehen zwischen Gott und diesem Menschen. Das ist vielleicht früher zugedeckt gewesen durch das Traditionelle. In meiner Kinderzeit in Schruns, wie es überall in Vorarlberg war, sind die Kirchen rammelvoll gewesen. Es war eigentlich gesellschaftlich undenkbar, dass man nicht in die Kirche geht. Heute wissen wir, wer zur Kirche geht, macht es aus echter Überzeugung. Das hat natürlich auch eine Auswirkung auf die Gestalt der Kirche, ob man das jetzt Diasporakirche oder die kleine Herde nennt, aber wir dürfen das eine nicht vergessen: Gott ist ja trotzdem am Werk, in jedem Menschenleben, weil jeder Mensch eine unsterbliche Seele hat und jeder Mensch unmittelbar zu Gott ist. Es wird heute weniger traditionell gebetet, aber ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen in der einen oder anderen Form beten.

Wie haben Sie in ihrem langen Leben mit der Kirche zu so viel Glaubensgewissheit finden können?

Schönborn: Ich habe in der Jugend den Glauben selber für mich entdeckt. Im Laufe der Jahre ist die Gewissheit immer stärker geworden, Gott ist in jedem Menschenleben am Werk. Wenn die Kirche in ihrer äußeren Gestalt an Bedeutung verloren hat, hat Gott nicht an Bedeutung verloren.

Was haben Sie vor, wenn der Papst Ihren – gemäß dem Kirchenrecht mit 75 Jahren angebotenen - Rücktritt annimmt?

Schönborn: Ich möchte weiter als Priester und Bischof Dienst tun, auch wenn ich nicht mehr im Amt bin.

Wie war für Sie die Zeit in den 1990er Jahre in Wien als sich die Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Vorgänger Erzbischof Hans Hermann Groer erhärteten?

Schönborn: Es waren schwierige Zeiten. Im Rückblick kann ich aber dennoch sagen, die Fügungen Gottes sind wunderbar – auch wenn schreckliche Dinge ans Tageslicht gekommen sind. Missbrauchsgeschichten sind etwas vom Schrecklichsten, das man sich vorstellen kann. Trotzdem ist dadurch meine Liebe zur Kirche nicht gebrochen, sondern umso mehr geht es darum, dass wir alles tun, dass so etwas nicht wieder passiert. Auch dass wir generell bei uns selber anfangen und sagen, wir müssen uns bekehren.

Auch aus der Mitte der Kirche wird von Frauen das Weiheamt für Frauen gefordert. Wie beurteilen Sie diese drängende Not?

Schönborn: Es ist klar, dass die Lehre der Kirche diesbezüglich für viele Frauen und Männer, jüngere und ältere, völlig unverständlich ist. Sie sagen: Warum sollen nicht Frauen genauso wie Männer das Weiheamt haben? Karl Rahner hat allgemein gesagt: Wenn etwas in der kirchlichen Lehre Dir unverständlich oder unsinnig erscheint, dann sag nicht von vornherein so ein Unsinn, sondern halte Dir innerlich einen Raum offen, dass hier vielleicht ein Sinngehalt ist, der mir jetzt verschlossen ist, der sich mir aber erschließen könnte. Diese Offenheit der Haltung würde ich mir in der Debatte wünschen. Weil einfach zu sagen: zweittausend Jahre Kirchengeschichte, zweitausend Jahre Glaubensgeschichte ist völlig daneben, dass kommt mir ein bisschen vorschnell vor.

Sehen wir in Christus-Ikonen das Antlitz Gottes?

Schönborn: Als Philippus zu Jesus gesagt hat „Zeig uns den Vater!“, hat Jesus ihm geantwortet: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen!“ (vgl. Joh 14,8f). Das heißt, Jesus ist die Sichtbarkeit des Vaters. Das  ist natürlich auch durch die Ikonen zum Ausdruck gebracht. Die zweite Frage ist: Wissen wir wie Jesus ausgesehen hat? Da würde ich sagen: Nein, wir wissen es nicht mit Sicherheit, aber eines wissen wir mit Sicherheit: Wir können ihn darstellen, weil er ein Mensch war und jeder Mensch kann dargestellt werden. Ich glaube, dass die Ikonen eine Erinnerung und eine Ahnung an das echte Aussehen Jesu enthalten.

 

Das Gespräch führte Wolfgang Ölz.