Selten gelingt es einem Geschäftsmodell, so viele verschiedene Anliegen gut unter einen Hut zu bringen - die Bedürfnisse der Arbeitnehmer/innen, die Wünsche der Kund/innen, die Vision der Nachhaltigkeit. Mit dem neuen carla Store in Bludenz beginnen die sozialen Unternehmen carla der Caritas ein weiteres Kapitel ihrer Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Patricia Begle

Der carla Store liegt abseits der geschäftigen Einkaufszentren, die Ortswahl schon lässt vermuten, dass es hier anders ist. Und tatsächlich. Wer den Verkaufsraum betritt, staunt über dessen Größe. Viel Luft gibt es hier, nichts ist vollgestopft, kein Gedränge - weder von Menschenmassen noch von Verkaufsartikeln.
Im vergangenen November wechselte der Carla-Shop von der Innenstadt in die Klarenbrunnstraße. Die ehemalige Spinnerei wurde dafür adaptiert - ganz der Idee der Nachhaltigkeit verpflichtet. So dienen die Säulen der Raumteilung, die alten Spinde liefern Stauraum und Fenster wurden zu Wänden umfunktioniert und bilden nun einen Raum im Raum.

Schnäppchen und mehr
Angeboten werden hier Möbel, Wohnaccessoires und Kleidung. Alles aus zweiter Hand. Die Stammkund/innen wissen um die Vorteile des Angebotes. „Manche kommen, weil es hier Einzelstücke gibt, andere, weil sie etwas gegen die Wegwerfgesellschaft tun wollen, wieder andere kaufen hier ein, um das soziale Projekt zu unterstützen“, erklärt Christine Erath, Standortleiterin des carla Stores. Dass die Kleidungsstücke schon mehrmals gewaschen sind, garantiert nicht nur deren bleibende Form. Es sind dadurch auch die meisten Schadstoffe schon rausgewaschen.
„Und dann gibt es noch die Schnäppchenjäger“, erzählt Erath. „Sie kommen fast täglich, weil wir ja jeden Tag neue Ware ins Regal hängen.“ Die Freude über ein Hugo-Boss-Hemd um 15 Euro ist dann richtig groß. Die Preise gehen selten über 20 Euro hinaus, schließlich ist das Geschäft auch ein Ort, an dem Menschen einkaufen, die sich teure Kleidung nicht leisten können.

Konsumfrei
Neu im Store ist die Begegnungszone. Gemütliche Sofas laden zum Pause-Machen ein, meist gibt es Kuchen, Kaffee immer. „In der Begegnungszone gibt es keinen Konsumzwang“, erklärt Erath. „Einmal kamen zwei ältere Damen, die sich hier zum Kaffeetrinken verabredet hatten. Sie brachten dafür ihre selbstgebackenen Kekse mit.“ Die Begegnungszone soll in Zukunft auch für Veranstaltungen buchbar sein.  Vorträge, Lesungen, Konzerte - was eben zu solchen Räumlichkeiten passt.

Synergien
Neu hier in Bludenz ist auch die Kooperation mit anderen Caritas-Einrichtungen. So hat die „startbahn“ - ein Arbeits-Projekt für Jugendliche - und „gschickt  & gschwind“ - eine Werkstätte für Menschen mit Beeinträchtigung - gleich nebenan Platz gefunden. Das ermöglicht einen sehr einfachen Austausch: die Jugendlichen kommen zum Schnuppern in den Verkauf hierher, die Mitarbeiterinnen des Stores hinüber in die Werkstatt.

Druckfrei
Zwölf Mitarbeiterinnen unterschiedlichen Alters arbeiten hier, meist in Teilzeit. „Transitarbeiterinnen“ werden sie genannt, weil diese Stelle für sie nur Übergang ist. Übergang vom zweiten in den ersten Arbeitsmarkt. Zur Unterstützung in dieser Zeit stehen zudem auch ein Sozialarbeiter und ein Jobvermittler zur Verfügung. Vermittelt werden die Angestellten über das AMS, nach sechswöchiger Probezeit bekommen sie für vier bzw. sechseinhalb Monate einen befristeten Arbeitsvertrag. Ein Teil der Lohnkosten übernimmt das AMS, zur Hälfte muss sich das Geschäft allerdings selbst finanzieren. Kein leichtes Unterfangen bei den niedrigen Preisen.
Worin sich der zweite vom ersten Arbeitsmarkt sonst noch unterscheidet? „Wir geben den Leuten die Zeit, die sie brauchen - egal wie lange es geht“, bringt Erath die Sache auf den Punkt. So werden die Mitarbeiterinnen zum Beispiel an der Kassa nach Bedarf auch über zwei Tage hin eingeschult. In anderen Geschäften haben sie dafür vielleicht eine halbe Stunde Zeit. „Bei uns haben sie keinen Druck. Auch nicht jenen, etwas verkaufen zu müssen“, erklärt Erath.  

Gutes Arbeitsklima
Dass zur guten Arbeitsatmosphäre noch andere Faktoren beitragen, davon weiß Mitarbeiterin Brigitte Dobler einiges zu erzählen. „Hier geht man auf dich ein, nimmt Rücksicht, hat Verständnis“, so die Nenzingerin. „Wir arbeiten Hand in Hand, wir helfen einander, wir sind ein super Team.“ Der carla Store ist ein idealer Arbeitsplatz für die Endfünfzigerin. Sie hat hier viel Bewegung und muss nichts Schweres tragen - das kommt ihrem Bandscheibenleiden sehr entgegen. Außerdem sind die Tätigkeiten sehr abwechslungsreich: Kundenberatung, Regalbetreuung, Kassa, Sortierung, Reinigung und Preisauszeichnung im Lager. „Wir lernen hier viel“, erklärt Dobler. Dabei geht die Arbeit nie aus, denn der carla Store ist gleichzeitig auch Abgabestelle für Gebrauchtwaren. Und abgegeben wird hier sehr viel.

Arbeitslosigkeit
Carla ist für Brigitte Dobler schon jahrelang das einzige Unternehmen, das ihr einen Job gibt. Nicht nur wegen ihrer Bandscheiben ist sie schwer vermittelbar, es ist vor allem ihr Alter. „Beim AMS hat man mir vor Jahren gesagt, dass es ab 35 schwer wird“, erzählt sie. Die letzten Jahre wechselte sie deshalb zwischen der Arbeit bei carla und der Arbeitslosigkeit. Ein Jahr Arbeitslosigkeit macht sie zur „Langzeitarbeitslosen“ - und erst als solche darf sie ins Arbeitsprojekt der Caritas einsteigen.
„Ohne Arbeit fehlt mir der Rhythmus und die Verantwortung“, erklärt Dobler. „Wenn ich hier bin, treffe ich Leute, zuhause rede ich mit der Wand oder mit der Katze oder mit mir selber.“ Unangenehm ist für Dobler dann auch die Frage: „Wo arbeitest du?“ Denn ihre Antwort „Ich bin arbeitslos“ trifft nicht nur auf Verständnis. In ihrer Pensionszeit, die bald ansteht, will die Nenzingerin auf jeden Fall ehrenamtlich hier mitarbeiten. „Ich komme einfach gerne hierher und die Arbeit macht mir Freude.“ 

Carla in Zahlen

  • 3.200 Tonnen Kleider werden in Vorarlberg jährlich gespendet, 1.838 Kilogramm davon kamen in die Shops, 82.183 Kund/innen wurden dort 2016 begrüßt.
  • 184 Erwachsene erhielten 2016 in den Caritas-Arbeitsprojekten einen befristeten Arbeitsplatz, 30 Prozent davon fanden einen Arbeitsplatz.
  • 240 Tonnen Möbel werden jährlich gesammelt und weiterverwendet.
  • 2016 wurden 4,5 Tonnen wiederverwendbare Elektrogeräte gesammelt.

www.carla-vorarlberg.at

carla Store Bludenz 

Fabrik Klarenbrunn,
Klarenbrunnstraße 46, Bludenz.
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9 bis 17 Uhr, Sa 9 bis 13 Uhr. 

(aus dem KirchenBlatt Nr. 4 vom 25. Jänner 2018)