Josef Zotter zählt zu den weltbesten Chocolatiers. Der 57-jährige Steirer ist gelernter Koch, Kellner und Konditormeister. Zum Gespräch erscheint er pünktlich auf die Minute. Den Kaffee in den zweiten Stock, wo das Interview stattfindet, trägt er selbst, und dass er zwei verschiedene Schuhe anhat, passt zu ihm. Denn Zotter ist „Andersmacher“ aus Leidenschaft. Im KirchenBlatt-Interview spricht er über soziale Verantwortung, faire Arbeitsbedingungen und gibt auch auf unbequeme Fragen bereitwillig Antwort.

Das Interview führte Petra Baur

Sie haben mit ihren Schokoladen internationale Anerkennung und etliche Auszeichnungen erhalten. Die Marke „Zotter“ hat eine beachtliche Erfolgsgeschichte. Das, obwohl sie gegen sämtliche „Marketing-Regeln“ verstoßen. „Frage nicht den Markt, sondern mache dein Ding so gut wie möglich“, ist eine Ihrer Aussagen. Wer sind Ihre Vorbilder bzw. wer hat Sie in ihrem Tun beeinflusst?
Josef Zotter: Man muss als Unternehmer ein bisschen egoistisch sein. Mich hat geprägt, dass ich sehr fleißige Eltern hatte und dass ich in einer Gegend aufgewachsen bin, die  ärmer war. Die Oststeiermark, wo ich herkomme, war immer eine eher rückständigere Region. Als junger Mensch habe ich das gespürt und wollte das ändern. Ich bin auch von christlichen Werten geprägt. Wir brauchen keine große Gesetzgebung, die zehn Gebote reichen aus. Darin steht eigentlich alles. Mehr muss es nicht sein.

Herr Zotter, sie verwenden zur Gänze Bio-Rohstoffe. Wie erreichen Sie ohne technische Hilfsmittel eine gewisse Haltbarkeit?
Zotter: Die Natur bietet eigentlich alles. Die Kakaobohne ist von Natur aus gut haltbar. Wenn viel Kakaobutter in der Masse ist, ist das schon einmal gut. Es geht darum, die Balance zu finden. Gerade genügend Zucker und Fett, und wenn es ein schwierigeres Produkt ist, wenn es etwas weicher sein soll, dann arbeiten wir mit Schnäpsen und Weinen. Mit der Chemie wäre es natürlich der einfachere Weg, aber ich finde es nicht schwierig, hier eine Balance zu finden. Der Kompromiss ist, dass meine Schokoladen nicht so lange halten. Im Schnitt maximal vier, fünf Monate.

Sie melden sich auch immer wieder zu sozialen und sozialpolitischen Themen auf ihrem Blog zu Wort. So jüngst zum Thema: Zerrissene Jeans. Warum?
Zotter: Ich war in Peru, in Lima, in einer riesige Industrieanlage, in der Kleidung nur zerrissen wird. Das muss man sich mal vorstellen. Da kommen riesige Container mit Jeans aus Bangladesch. Die Jeans kommen dann auf Zerreissmaschinen. Richtig professionelle Zerreissmaschinen. Dann kommt die Chemiekeule, damit die Jeans verschlissen aussehen. Die Leute arbeiten unter unvorstellbaren Bedingungen. Sie haben keine Handschuhe an, tragen keinen Gesichtsschutz. Das führt zu Hautverätzungen - und das alles nur, damit bei uns die Leute zerfetzte Jeans tragen. Das ist doch so dekadent. Deshalb habe ich den Blog-Text dazu gemacht. Weil ich glaube, die Gesellschaft tickt nicht mehr richtig. Zuerst habe ich gedacht, es kommt etwas zu hart rüber, aber die Resonanz war größtenteils sehr positiv.

Sie sind ein sozial engagierter Unternehmer, der auf eigene Energieerzeugung setzt. 2014 haben Sie ein Zotter Schoko-Laden-Theater in Shanghai eröffnet, in dem sie in Österreich hergestellte Schokolade verkaufen. Machen Sie sich damit nicht angreifbar?
Zotter: Ja, sicher bin ich da angreifbar. Aber ich versuche, Ihnen das zu erklären. Ich bin nicht nach China gegangen, um dort günstige Ware zu produzieren. Es wird  in China nichts produziert. Das ist überprüfbar. Wir produzieren Schokolade in Österreich und bringen sie nach China. Wir sind das erste bio und faire Unternehmen im ganzen Süßwarenbereich in China. Und es ist auch schon was passiert. Bei der Eröffnung ist auch der Bürgermeister von Shanghai gekommen. Der Bürgermeister von 22 Millionen Menschen. Kurz nach der Eröffnung habe ich von ihm einen Brief erhalten, in dem er sich für die Einladung bedankt hat und im letzten Satz ist gestanden: „Ich glaube, dass ich jetzt verstanden habe, was fairer Handel bedeutet.“ Da ist es mir schon kalt über den Rücken gelaufen.
Unser Schoko-Laden-Theater besuchen auch sehr viele chinesische Schulklassen. Die haben 14 Tage davor Projektarbeit in ihren Klassen und lernen dabei nicht nur über Kakao-Produktion, sondern auch über fairen Handel und biologische Landwirtschaft. Bio ist in China sehr stark im Kommen und der faire Handel kommt jetzt mit. Man kann ja Vorbild sein.

Seit 2017 arbeiten die ersten Zotter-Roboter in Ihrem Werk. Warum dieser Schritt?
Zotter: Die zwei Roboter verwenden wir, um individuelle Produkte zu produzieren. Das wird in der Zukunft immer wichtiger. Durch die Lebensmittelindustrie kamen mit den Jahren die Allergien. Plötzlich ist alles produziert worden. Fertiggekochtes essen wurde gekauft. Produziert für tausende Menschen. Und dann kamen die  Unverträglichkeiten.
Ich könnte so z.B. in der Zukunft eine individuelle, nur auf sie passende Schokolade produzieren. Unter Beachtung gesundheitlicher Werte. Dafür ist der Roboter super. Das kann der Mensch nicht. Prozessoptimierung ohne Reduktion. Für die anderen Handgriffe bei der Schokoladeherstellung wird es immer Menschen benötigen. Das geht gar nicht anders.

ZUR SACHE

Zotter Schokolade

Zotter Schokolade(Bild: Wolfurter Schlossolade - anlässlich des 35-Jahr-Jubiläums des Weltladens Wolfurt)

  • 1987 gründet Josef Zotter zusammen mit seiner Frau Ulrike eine eigene  Konditorei.
  • 1992 beginnt er im Hinterstübchen der Grazer Konditorei Schokoladen zu produzieren und erfindet die handgeschöpfte Schokolade.
  • 1996 muss Zotter Insolvenz anmelden. Das Scheitern wird für ihn zu einer der prägendsten Lebenserfahrungen.
  • 1999 entschließen sich die Zotters, ganz auf Schokolade zu setzen. Im ehemaligen Stall am elterlichen Hof wird die Zotter Schokoladen Manufaktur eröffnet.
  • 2001 beginnt Zotter in die Anbauländer zu reisen: Nicaragua, Peru, Bolivien, Brasilien, Dominikanische Republik, Indien. Ziel: Die Lebensqualität der Bauern und die Rohstoffqualität zu verbessern.
  • 2004 wird das gesamte Sortiment auf Fairtrade umgestellt.
  • 2006 wird das gesamte Sortiment auf Bio umgestellt.
  • 2007 Ausbau der Manufaktur zur Bean-to-Bar Produktion. Komplette Produktion von der Bohne bis zum fertigen Schokoriegel an einem Ort. Bau des Schoko-Laden-Theaters.
  • 2014 Zotter eröffnet ein Schoko-Laden-Theater in Shanghai.
  • 2015 Zotter zählt zu den Top 25 Chocolatiers der Welt.
  • 2017 Die ersten Choco-Roboter der Welt arbeiten bei Zotter.

Produktionsmenge: ca. 190 Tonnen Kakaobohnen und 150 Tonnen Kakaobutter werden jährlich zu 600 Tonnen Schokolade verarbeitet.
Zutaten: ca. 400 unterschiedliche Bio-Zutaten.
Umsatz 2016/17: 21 Millionen Euro.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 18 vom 3. Mai 2018)