Stephan Sigg war als Gastreferent zum Impulstag zur Firmung eingeladen. Der Schweizer Autor ist bekannt für seine Art, den Glauben zur Sprache zu bringen - und zwar so, dass Jugendliche darauf einsteigen. Der Theologe im Gespräch über seine Erfahrungen.

Patricia Begle

Herr Sigg, Sie bieten Schreibwerkstätten für Kinder und Jugendliche an. Was passiert dort?
Schreiben und Jugend passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Aber ich habe ein paar Methoden, die jedem Spaß machen und über die jeder schreiben kann. Es geht nicht um ganze Sätze, die grammatisch korrekt sind. Es geht darum, dass man es sprudeln lässt, alles aufs Blatt bringt, was einem beschäftigt. Für viele oft ein AHA-Erlebnis weil sie merken, schreiben kann auch etwas ganz anderes sein.
Das hat auch leicht therapeutische Funktion, weil man Sachen die belasten, loswerden kann. Sachen, die die Jugendlichen beschäftigen wie Berufswahl oder Themen die in der Klasse grad aktuell sind, auch Ereignisse auf der Welt wie Krieg und Flüchtlinge und auch Wünsche und Träume.

Eine Sprache, die Jugendliche anspricht, ist ein wichtiges Thema für Sie. Was ist das für eine Sprache?
Es geht nicht darum, dass man die Jugendsprache übernimmt, das ist eher peinlich. Man sollte auf jeden Fall vermeiden, etwas vorzumachen oder bemüht jugendlich zu wirken. Das kommt überhaupt nicht an. Ich denke, wichtig ist, dass man so redet, dass es für einen selbst stimmt, und echt und authentisch wirkt. Natürlich muss man sich überlegen 'Wie verstehen sie mich' und 'Was muss ich erklären', aber ich erlebe oft, dass Jugendliche beeindruckt sind, wenn jemand sich so gibt, wie er ist. Denn das Echte ist in der heutigen Zeit etwas Exklusives. In den Medien geht es immer um Perfektes, Inszeniertes, Präsentiertes. Wenn man echten Menschen begegnet, ist das eine große Chance.
 
Youtuber haben derzeit für Jugendliche große Bedeutung. Kommen diese in Ihrer Arbeit auch vor?
Ja, ich nehme, wenn es sich thematisch anbietet, Bezug auf deren Themen oder frage bei den Jugendlichen, welche Themen zum Beispiel fehlen. Ich finde das sehr spannend. Man sieht dort, dass es den Jugendlichen nicht um Inhalte geht, sondern in erster Linie wieder um Beziehungen. Youtuber sind unmittelbare Bezugspersonen. Es ist wichtig, wofür sie stehen, welche Haltungen und Einstellungen sie haben.
Im Gegensatz zu Stars in früheren Zeiten kommunizieren sie auch mit ihren Fans. Sie verstehen sich als Teil von einer Community und das ist interaktiv. Hier muss die Kirche auch noch etwas lernen - wie kann sie Jugendlichen noch mehr Interaktionen ermöglichen? Wir sind immer noch oft in einer Einweg-Kommunikation.
Dabei geht es auch darum, von Jugendlichen zu lernen. Sie machen mich auf Sachen aufmerksam, die ich vergessen habe oder die in meinem Leben eher verdrängt worden sind.

Was haben Sie da gelernt?
Ich lerne immer wieder neu. Diese Feuer und Flamme für etwas sein, das sich immer wieder einlassen mit Begeisterung und nicht gleich tausend Probele und Gefahren sehen. Dieses 'Volle-Kraft-Voraus', da merk ich, dass man als Erwachsener viel verloren hat und sich dadruch auch behindern lässt.

Welche Verantwortung hat die Kirche gegenüber Jugendlichen?
Es geht darum, Jugendlichen Möglichkeiten zu bieten, also Räume, Kanäle, wo sie über das, was sie beschäftigt kommunizieren können - mündlich, schriftlich, in welcher Form auch immer. Da haben wir eine große Verantwortung. Wenn wir nicht die Möglichkeit bieten, finden sie die Möglichkeit nirgends, und das ist etwas, das in dieser Glaubensarmut, die oft wahrgenommen wird, sehr wichtig ist.

Wovon hängt geglückte Kommunikation ab?
Wir müssen uns überlegen, wie Jugendliche heute kommunizieren. Es wird sehr schnell kommuniziert, oft sehr knapp, spontan - ohne dass man wochenlang an einem Text arbeitet. Wenn wir das in der Kirche nicht so machen, dann ist das schon einmal ein Widerspruch, der für die Jugendlichen merkwürdig ist und ein wenig verdächtig. Sie wünschen sich Menschen, die spontan sind, auch mit dem Mut zur Lücke, dass man auch etwas sagt, das man dann wieder rückgängig machen würde - aber es ist echt und authentisch.
Man macht sich dadurch natürlich angreifbar, man zeigt dadurch auch, dass man bereit ist, sich auf etwas einzulassen.

Bei uns wurde die Frage des Firmalters diskutiert. Welche Erfahrungen haben Sie?
Bei uns in St. Gallen gibt es seit einigen Jahren schon Firmung ab 18. Wir machen sehr positive Erfahrungen damit. Ich finde, es macht Sinn, in einem späteren Alter zu firmen, weil Jugendliche an einem anderen Punkt in ihrem Leben stehen. Mit 13/14 Jahren ist man noch immer kindlich und in einem kindlichen Glauben daheim. Wenn man mit 17/18-Jährigen zu tun hat, trifft man auf ein neues Gottesbild. Das ist die letzte Chance, wenn sie es dort nicht machen, wann machen sie es dann? Es ist wichtig, dass wir ihnen helfen, zu einem erwachsenen Glauben zu kommen.

Wie reden Sie mit Jugendlichen über den Heiligen Geist?
Ich bin dafür, dass man die wichtigen Begriffe weiterhin nimmt, und nicht versucht, sie zu "umgehen". Jugendliche merken das sehr schnell.
Ich versuche mit vielen Beispielen sichtbar zu machen, wie man den Heiligen Geist erfahren kann - Kraft, Zusammenhalt in der Gruppe, wenn etwas gut läuft...
Ich verwende auch Videoclips, in denen Bilder und Symbole aufscheinen, Feuer zu Beispiel. In meinem Firmbuch "Funkenflug" habe ich das am dem Clip "Burn" von Ellie Goulding aufgezeigt. Diese Symbole sind eigentlich gar nicht so alt und verbraucht, sondern kommen in der heutigen Kultur und Medienwelt immer noch vor. Man hat heute einen unverkrampfteren Umgang damit, sie sind weniger vorbelastet. Der Umgang ist allgemeiner und unverbindlicher, aber er ist auch weniger vereinnahmend. Ich kann das Video anschauen und religiös deuten oder anders deuten. Vielleicht kommen die Jugendlichen später einmal auf die religiöse Deutung. Vielleicht sind sie noch nicht so weit und merken nur, dass das Symbol sie anspricht. Und merken durch spätere Erfahrungen, dass da mehr dahinter ist.

Stephan Sigg ist Theologe und Autor zahlreicher Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die mit jungen Menschen arbeiten. Mit diesen Gruppen macht der Schweizer auch Schreib-Workshops. Sigg lebt in St. Gallen. www.stephansigg.com

(Aus dem KirchenBlatt Nr. 5 vom 2. Februar 2017)