Mit der Errichtung von „Humanitären Korridoren“ ist die Gemeinschaft Sant‘Egidio derzeit medial präsent. Sie hilft, wo viele in der Hilflosigkeit versinken. Der Besuch von Ursula Kalb und Vera Merkel in St. Arbogast zeigte, dass dieses beherzte Engagement jahrzehntelang gewachsen und weltweit an unzähligen Orten wirksam ist. Mitmachen kann jede und jeder.

Patricia Begle

„Gebet und Evangelium und die Freundschaft mit den Armen ist in unserer Gemeinschaft eine Einheit. Das eine ist ohne das andere nicht möglich.“ Mit diesen Worten bringt Ursula Kalb das Wesen und wohl auch das Geheimnis der Gemeinschaft auf den Punkt. Die Vorsitzende von Sant‘Egidio in Deutschland war schon als Jugendliche von dieser Einheit fasziniert und auch davon, dass es „ganz normale junge Leute“ sind, die dies leben.

Auf Augenhöhe
Tatsächlich basiert das Engagement auf der Freundschaft mit den Menschen in Not. Es gibt kein Gefälle, kein „ich habe etwas und du brauchst etwas“, hier begegnen sich Menschen auf Augenhöhe. Denn: niemand ist so reich, dass er nicht bedürftig wäre und niemand ist so arm, dass er nichts zu geben hätte. Aus dieser Freundschaft wächst das Engagement. „Wenn eine Frage kommt, dann finden wir gemeinsam eine Lösung“, erzählt Ursula Kalb. „Wir fangen einfach damit an - ohne zu wissen, ob wir genug Mittel oder Personen haben.“ Dabei ensteht manchmal Großartiges. Wie zum Bespiel das Weihnachtsfest in München. Es fanden sich Sponsoren, Köche, ein riesiges Essenszelt und auf eine kleine Notiz in der Zeitung meldeten sich 80 Helfer/innen. Eines kam zum anderen. „Es gibt so viele Leute, die Fähigkeiten haben - werden sie nicht abgefragt, verpuffen sie im Nichts“, überlegt die engagierte Theologin.

Positive Stimmung
Die Kraft jener Menschen, die „Gutes tun wollen und glücklich sind, wenn sie helfen können“ wurde im vergangenen Sommer und Herbst durch den beherzten Einsatz Tausender für Flüchtlinge erlebbar. Als die Angst ins Spiel kam und geschürt wurde, schien die Stimmung zu kippen. „Wir müssen hier gut informiert sein und für eine Versachlichung der Debatte sorgen. Wir sind Botschafter der guten Nachricht“, ist Ursula Kalb überzeugt.

Kreative Lösungen
Auf politischer Ebene führt die Gemeinschaft vor Augen, dass die Antwort auf die Flüchtlingsfrage auch eine menschenfreundliche sein kann. Im Dezember entstanden die „Humanitären Korridore“ (siehe Randspalte), die „das schöne Gesicht Europas“ zeigen, wie es in einer Presseaussendung hieß.
Vor Ort entstehen sehr kreative Wege in der Begleitung von Flüchtlingen. Sie werden zum Beispiel mit alten Menschen im Pflegeheim zusammengebracht. So gewinnen beide Seiten, was sie brauchen: Zeit und Zuwendung. In diesem Kontakt kam auch zum Vorschein, dass viele alte Menschen Fluchterfahrungen mit sich bringen. So wachsen Verbundenheit und Solidarität.

Tragendes Gebet 
Im Workshop in St. Arbogast, zu dem sich eine Gruppe Interessierter traf, wurde spürbar, wie wichtig Austausch und Vernetzung für sozial Engagierte sind. Denn immer wieder tauchen Fragen auf. Wie wir zum Beispiel mit Unverständnis umgehen, das beim Einsatz für Flüchtlinge aufkommt. Oder mit Meldungen über Zerstörungen durch extremistische Gruppierungen. Vera Merkel erzählt, wie wichtig ihre Innsbrucker Gruppe für sie ist, mit der sie sich zweimal wöchentlich zum Gebet bzw. zum Gottesdienst trifft. „Es ist ein großer Trost, wenn wir die Nöte vor Gott tragen können“, weiß die gebürtige Bregenzerin und zweifache Mutter. „Es kommen Antworten, oft auch Überraschungen und positive Wendungen. Die Gemeinschaft hat mich immer gestützt.“

ZUR SACHE

Die Gemeinschaft Sant‘Egidio ist 1968 in Rom durch eine Initiative von Jugendlichen entstanden, die damals unter zwanzig Jahre alt waren. Andrea Riccardi, selbst noch Schüler, begann eine Gruppe von Schülern zu versammeln, um auf das Evangelium zu hören und es ins Leben umzusetzen. Die Urgemeinde aus der Apostelgeschichte und Franziskus von Assisi waren dabei die Vorbilder. Mittlerweile hat sich die Gemeinschaft in über 70 Ländern und vier Kontinenten ausgebreitet. Die Mitglieder engagieren sich in ihrer Umgebung für Menschen in Not - vom Inhaftierten bis zum Obdachlosen. Sie wirken aber ebenso auf politischer Ebene und vermitteln in den Krisengebieten unserer Zeit.

Humanitäre Korridore
Das Projekt basiert auf einem Abkommen zwischen der italienischen Regierung (Außen- und Innenministerium) und der Gemeinschaft Sant‘Egidio, der Union der Evangelischen Kirchen in Italien (FCEI) und der Waldensertafel. Es ermöglicht Menschen auf der Flucht und mit besonderer „Bedürftigkeit“ (Opfer von Verfolgung, Folter und Gewalt, Familien mit Kindern, alleinstehende Frauen, alte Menschen, Kranke, Menschen mit Behinderung) auf sichere und legale Weise nach Italien zu reisen. Die Menschen erhalten humanitäre Visa und werden vor Ort betreut und begleitet. Die „Humanitären Korridore“ sind ein Beispiel von Gastfreundschaft und Integration - für ganz Europa. Ein Modell, das auch auf andere Länder der EU übertragen werden kann.

Finanziert werden die Humanitären Korridore
zur Gänze von den Trägervereinigungen und privaten Spenden:
Oberösterreichische Hypo Landesbank, BIC OBLAAT2L, IBAN AT46 5400 0000 1100 0411,
Verwendungszweck: „Sant‘Egidio - Flüchtlinge“
Mehr Informationen unter www.santegidio.org

(aus dem KirchenBlatt Nr. 19 vom 12. Mai 2016)