Mit dem Fest Christkönig geht diesen Sonntag das alte Kirchenjahr zu Ende. „König“ lässt aber, wie alle Worte, die eine Ahnung von Gott vermitteln sollen, nur einen Teil der Wirklichkeit erahnen.

Mit Liedern Richtung Weihnachten unterwegs
Teil 2 von 7: "Stimme, die Stein zerbricht" (Gotteslob Nr. 417)

Von Maria Ulrich-Neubauer, Pastoralassistentin im Pfarrverband Nofels-Tisis-Tosters

König – Herrscher
Ist es bei uns noch verständlich, Gott/Jesus Christus mit diesen Begriffen zu bezeichnen? Schließlich leben wir in einem Land, das vor fast 100 Jahren eine Demokratie geworden ist und in dem es schon lange keine Untertanen mehr gibt.  Wie könnte man das heute umformulieren? Ich habe darauf keine Antwort, aber ich denke, dass jede Rede über Gott und seinen Sohn am Angemessendsten ist, wenn sie Raum öffnet und geheimnisvoll bleibt.
Solch eine poetische Sprache finden wir im Lied „Stimme, die Stein zerbricht“, das für mich eine der kleinen Kostbarkeiten im neuen Gotteslob ist. Gott bzw. Jesus werden im Text des Liedes nicht genannt und doch weisen die Bilder, die verwendet werden, auf Gott/Jesus hin. Sie erzählen von jemandem, der mit mir in Beziehung tritt, wenn Angst und Leere mein Leben bestimmen – eine zunehmende Wirklichkeit.

Von Moll zu Dur
Beziehung entsteht unter uns Menschen oft durch Sprache. Das vorrangige Bild, das im Lied verwendet wird, ist dieses: Gott als Stimme, als jemand, der spricht. „Und Gott sprach“ findet sich sehr häufig im Alten Testament, im Neuen Testament sind es u. a. eindrückliche Worte Jesu, die seine Heilungen begleiten.
Das zweite Bild, das verwendet wird, ist der Name Gottes selbst: „Ich bin (da)“. Jede der vier Strophen endet mit diesem Zuspruch, dass Gott durch sein Dasein unser Leben trägt und hält. Musikalisch wird es dadurch ausgedrückt, dass aus Moll Dur wird. Dieser Gott kann mir die Furcht nehmen und mich frei machen.  „Fürchte dich nicht!“ kommt als Zuspruch hundertfach in der Bibel vor.Gott ist wie ein Elternteil, der sich um mich sorgt; eine „Queen Mum“? Die zarte und eingängige Melodie des Liedes hat einen Dreier-Rhythmus und erinnert ans Wiegen des Kindes. Vor diesen zarten Gottesbildern aber steht ein Anfang, der daran erinnert, dass unser Gott auch eine ganz andere Seite hat: „Stimme, die Stein zerbricht“ – gewaltig und mächtig. Er knüpft an Jeremia 23,29 an, aber auch an die Auferweckung Jesu von den Toten.

Urvertrauen
Diese Bandbreite der Gottesbilder sprengt die Melodie des Liedes. Als musikalische Ergänzung empfehle ich das „Rex tremendae“ in Mozarts Requiem, das den Bogen spannt vom gewaltigen und furchteinflößenden König hin zum unglaublich sanften Gnadenquell.
Bei aller Zuversicht und Zuwendung, die unser Lied ausdrückt: Es gibt nur ein bedingtes Happy End, wie das oft im Leben ist. Die Leere kann wieder kommen, Gott kann wieder ferne sein. Aber seine Nähe hat mich mit einem Urvertrauen erfüllt, das durch schwere Zeiten tragen kann.

Gotteslob 417
Die Vorlage für das Lied „Stimme, die Stein zerbricht“ stammt von dem in Schweden sehr bekannten Pfarrer und Liedermacher Anders Frostenson (1906–2006). Ins Deutsche übertragen hat sie der evangelische Theologe Jürgen Henkys (1929–2015), der neben eigenen Dichtungen ein besonderes Augenmerk auf die Übersetzung anderssprachiger Kirchenlieder legte. Henkys stammte aus einer ostpreußischen Pfarrerfamilie und zog nach seinem Studium in Westdeutschland auf Bitten der ostdeutschen Kirchen in die DDR. Vor seiner Emeritierung 1995 war er Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 45 vom 17. November 2016)

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