Dezember 1816. Unzählige Menschen ­leiden an den Folgen eines schrecklichen Krieges. Es herrschen Armut und Misstrauen. Die schlechte Ernte des Sommers lässt die Bevölkerung hungern. Viel zu ­viele Kinder sterben. Eine hoffnungslose Situation. Und doch schreibt da jemand dieses eine Gedicht, das tatsächlich bald „bei Ferne und Nah“ eine Friedensbotschaft ertönen lässt: „Jesus, der Retter ist da!“

von Veronika Bonelli

Dezember 2016. Wenn wir es noch wagen, einen Blick in die Medien zu werfen, sehen wir immer noch unzählige Menschen, die den Schrecken eines Krieges ausgesetzt sind. Ausbeutung und Klimawandel lassen immer noch Millionen von Menschen hungern und viel zu viele Kinder sterben. Und immer noch gibt es dieses, jedem von uns bekannte Lied, das eine stille Hoffnung bringt.

Bekannt sind uns heute allerdings meist nur noch drei Strophen von „Stille Nacht“. Die Strophen 3, 4 und 5 (siehe rechts) scheinen in Vergessenheit geraten zu sein.
Noch einmal zurück ins Jahr 1816: Die napoleonischen Kriege sind erst seit kurzem vorbei, die französische Belagerung sitzt den meisten Menschen allerdings noch tief in den Knochen. Das Fürstentum Salzburg etwa zerfällt, ein Teil wird bayrisch, der andere kommt zu Österreich. Eine Trennung, die nicht nur Landstriche, sondern vor allem Menschen betrifft. Salzburg verlor seine Eigenständigkeit und Machtposition, was zu großen wirtschaftlichen Einbußen und Unsicherheiten führte. Dazu kam eine außergewöhnliche Kälte, das dem Jahr 1816 den Namen „Jahr ohne Sommer“ bescherte und hohe Ernteausfälle zur Folge hatte. Viele Familien verloren ihre Kinder durch Hunger, Kälte und Krankheiten.
 
In diesem Jahr war ein gewisser Joseph Mohr Aushilfspfarrer in Mariapfarr im Salzburger Lungau. Selbst aus armen Verhältnissen kommend, war er täglich mit dem Elend seiner Gemeinde, den Streitigkeiten und der Hoffnungslosigkeit konfrontiert. Für Weihnachten 1816 schrieb er das uns allen vertraute Gedicht. Es zeugt von seinem tiefen Glauben und davon, dass es ihm wohl geschenkt war, mit seinen einfachen Worten das Geheimnis von Weihnachten zu erfassen. Der erwartete Messias kommt nicht mit Pomp und Trompeten, sondern als schutzloses Kind. Der Fürst des Friedens (Jes 9,5) zeigt sich denen, die „arm sind vor Gott“ (Mt 5,3), zaubert das Leiden nicht weg,
aber trägt es mit uns.

Diese Sehnsucht nach der Rettung der Welt - nicht durch Waffen, sondern durch die Liebe - kommt vor allem in der vierten Strophe zum Ausdruck. Vielleicht lernen wir diese ganz bewusst im Jahr 2016 ­auswendig, um sie dann an der Krippe zu singen. 

Stille Nacht - der Originaltext

1. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab’ im lockigten Haar,
||: Schlafe in himmlischer Ruh! :||

2. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus deinem göttlichen Mund,
Da schlägt uns die rettende Stund’.
||: Jesus! in deiner Geburt! :||

3. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
||: Jesum in Menschengestalt! :||

4. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß
Und als Bruder huldvoll umschloß
||: Jesus die Völker der Welt! :||

5. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreit,
In der Väter urgrauer Zeit
||: Aller Welt Schonung verhieß! :||

6. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Halleluja!“
Tönt es laut bei Ferne und Nah:
||: „Jesus der Retter ist da!“ :||

(aus dem KirchenBlatt Nr. 51/52 vom 22./29. Dezember 2016)