60 Frauen und Männer lassen sich an diesem Wochenende auf eine Zukunftskonferenz ein, tragen ihre Wünsche zusammen und suchen gemeinsam nach zukunftsträchtigen Orientierungsbildern - die Bregenzer Pfarren treffen sich.

von Patricia Begle

„Conferre“ - „zusammentragen“ - steckt in dem bedeutungsvollen Wort „Konferenz“. Damit ist schon erklärt, worum es geht: Menschen tragen ihre Anliegen und Vorstellungen, Ängste und Wünsche an einen Ort um herauszufinden, was tragfähig für die Zukunft ist. Damit stellt sich die Kirche in Bregenz der Herausforderung, die gesellschaftlichen Veränderungen in ihr Handeln mit einzubeziehen, sich von ihnen berühren und bewegen zu lassen. Wie das die Kirche selbst verändern wird, kann nicht vorhergesagt werden.

Vertrauen
Wer sich Veränderungen stellt, hat großes Vertrauen. Vertrauen ist überhaupt die Grundvoraussetzung für den Prozess, auch für die Zukunftskonferenz. Wer Angst hat, Gewohntes und Liebgewonnenes zu verlieren, tut sich ein Stück schwerer auf diesem Weg. „Menschen, die mit der Kirche nicht viel zu tun haben, zeigen großes Interesse am Prozess“, weiß Irmgard Heil von der Bregenzer Buchhandlung „Die Arche“ zu erzählen. „Sie haben auch nichts zu verlieren.“

Verabschieden
Wer Neues wagt, muss Altes zurücklassen. Das kann schmerzlich sein, ist aber ein notwendiger Schritt. Wird er gemeinsam getan, so wird er leichter. Die Frage, was denn gelassen werden kann, wird sicher eine der zentralen und auch konfliktreichsten sein. „Mir ist es zum Beispiel wichtig, dass die Kirche in St. Gallus nicht zum Museum wird“, erzählt Gertrud Wagner, pensionierte Pastoralassistentin. „Daneben gibt es aber sicher vieles, das die Pfarren gemeinsam machen können. Immerhin gab es vor 80 Jahren in Bregenz nur eine Pfarre.“

Hürden
Was dem Veränderungsprozess im Wege steht ist unter anderem die Tatsache, dass „wir noch immer gut versorgt sind. Die Not ist für die Leute nicht spürbar“, stellt Irmgard Heil fest. Immerhin stehen derzeit für die sechs Pfarreien fünf Priester zur Verfügung. In absehbarer Zukunft werden es nur noch drei sein. Auch der Alltagsbetrieb innerhalb der Pfarre erschwert den Prozess. „Wir sind so zufrieden und so beschäftigt, dass keine Luft zum Nachdenken bleibt“, beschreibt die engagierte Christin das Pfarrleben.

Verantwortung
Die Zukunftskonferenz ist ein Ort des Innehaltens und Nachdenkens. Die derzeitige Situation von Pfarre und Stadt wird dabei genau angeschaut. Aus den Ergebnissen der Erkundungsphase werden mögliche Veränderungsfelder festgesetzt und bearbeitet. Dabei geht es sowohl um Inhalte als auch um Strukturen, um Aufgaben und Personen, die mit diesen Aufgaben betraut werden. „Die Zukunft wird gebaut mit dem was da ist - an Personen, Lust, Energie, Ideen“, erklärt Hermine Feurstein, die das Projekt mit Damian Kaeser-Casutt aus St. Gallen begleitet. „Wichtig ist, dass die Menschen die Verantwortung nicht abgeben an die Diözese oder an die Priester und Hauptamtlichen oder an die Laien. Wir sind gemeinsam verantwortlich, wir, die wir uns hier treffen und Zukunft entwickeln.“

Zusammen tragen
In der Zukunftskonferenz wird zusammengetragen, was an Vorstellungen und Wünschen da ist. Welches Modell dabei auch zutage kommt - es wird eines sein, das von allen zusammen getragen wird.

Was wünschen Sie sich von der Kirche in Bregenz?

Irmi HeilIrmgard Heil
Projektgruppe

Experimentieren
Wir brauchen Mut, um neue Wege zu beschreiten, Mut zum Experimentieren. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft Leute erreichen, die sich in den derzeitigen Formen der Kirche nicht finden. In der Kirche soll es Orte geben, wo „Pilger“ vorbeischauen können, wo sie sich wohl und zuhause fühlen. Solche Orte könnten eine zusätzliche Säule des Pfarrlebens sein und eine Bereicherung für alle. 

Wagner GertrudGertrud Wagner
ehrenamtlich Tätige

Gerechtigkeit
Der Prozess ist eine wichtige Sache. Dinge bewegen sich und wir müssen uns den Realitäten stellen. Für die Zukunft wünsche ich mir in der Kirche mehr Gerechtigkeit. Frauen und Laien brauchen Mitspracherecht, das ihnen ganz offiziell zukommt und nicht vom Pfarrer abhängt. Für mich ist Kirche eine Gemeinschaft, die mit Gott unterwegs ist, das Hierarchische hat dabei nicht so eine große Bedeutung. 

Hermine FeursteinHermine Feurstein
Projektbegleiterin

Vielfalt
Die zentralen Fragen und Herausforderungen sind für mich: Wie kommen wir mit Menschen, in deren Vielfalt und Unterschiedlichkeit in Berührung? Wie gelingt es uns, die Liebe Gottes spürbar und erfahrbar zu machen, auch Menschen gegenüber, die in einer ganz anderen Welt leben und eine andere Sprache sprechen. Können wir mit ihnen in Kontakt kommen, sodass sie erleben: Kirche tut gut.

Girardi HermannHermann Girardi
engagierter Pensionist

Zwei Seiten
Damit sich Veränderung vollziehen kann, muss auf zwei Ebenen gearbeitet werden: auf der gesellschaftspolitischen Ebene und auf der persönlichen. Es braucht für einen solchen Prozess spirituell gefestigte Menschen. Damit die Veränderung gelingen kann, muss man den Einzelnen fit machen für den Prozess, ansonsten bleibt er hängen und das Ganze erschöpft sich im Bereden und Zerreden.

HINTERGRUND

Kirche in der Stadt

Der Prozess „Kirche in der Stadt“ ist aus dem Pastoralgespräch erwachsen. An fünf Orten in Vorarlberg (Bregenz, Bludenz, Dornbirn, Hohenems und Lustenau) wurde je eine Projektgruppe ins Leben gerufen, die den Prozess organisiert und verantwortet. Sie hat den Auftrag,  nach einer „angemessenen Erneuerung“ zu forschen und folgenden Fragen nachzugehen:

  • Wie wollen wir als Christinnen und Christen in unserer Stadt leben?
  • Wie wollen wir die Botschaft Jesu ins Gespräch bringen?
  • Wie können wir gut für die Menschen da sein?
  • Welche Strukturen wollen wir wählen, um unseren Auftrag als Kirche mit den verfügbaren Ressourcen bestmöglich zu erfüllen? Welche Aufgaben haben dabei künftig die Priester und die Verantwortlichen in den Pfarren?

Zentrale Schritte auf diesem Weg:

  • Gemeinsame Auftaktveranstaltung
  • Erkundungsphase
  • Zukunftskonferenz

Das Konzept, das aus diesem zweijährigen Prozess entsteht, muss nicht einhellig sein, aber gut begründet, d.h. dass Vor- und Nachteile bzw. mögliche Konsequenzen eines Modells dargestellt werden. Es wird in seiner Endfassung der Diözesanleitung vorgelegt. Dann wird über die anstehenden Schritte entschieden werden.
Charakteristisch für diesen Prozess ist die Beteiligung aller Interessierten. Auch der Kirche Fernstehende werden in das Gespräch mit einbezogen. Zudem finden sich Vertreter/innen diverser Institutionen in der Projektgruppe, die die pastorale Arbeit mitgestalten (Schule, Krankenhaus, Caritas,...).

Weitere Informationen unter:
www.kirche-in-der-stadt.at