Am 18. März 2011 erreichte der „Arabische Frühling“ auch Syrien. Tausende Menschen gingen auf die Straße, um friedlich für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad antwortete auf die Forderungen mit brutaler Gewalt. Seither haben sich auch Teile der Opposition bewaffnet und die blutigen Unruhen nehmen kein Ende. Der syrische Theologe Waseem Haddad ist schockiert über die Gewalt in seiner Heimat.

Bild rechts: Trotz der Gefahr ­getötet oder ­verhaftet zu werden gehen die Menschen in Syrien – im Bild in Binnish in der Nähe der Stadt Idlib – auf die Straße, um gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu protestieren.

Das Interview mit Mag. Waseem Haddad führte Susanne Huber

Die Unruhen in Syrien werden mehr und mehr zu einem militärischen Konflikt ...
Waseem Haddad:
Ja, und ich befürchte, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Ab dem siebten Monat nach Beginn der zunächst friedlichen Aufstände haben sich viele verschiedene Kräfte eingemischt. Die Opposition hat begonnen, bewaffnet gegen das Regime zu kämpfen. Das hat die Situation verändert – seither ist nicht nur das syrische Regime für die Gewalt im Land verantwortlich, sondern auch die Opposition. Soldaten des syrischen Militärs haben die Seite gewechselt und die sogenannte Freie Syrische Armee gegründet. Das Problem, das ich sehe, ist, dass sich auch viele andere Gruppierungen dieser Armee angeschlossen haben. Es gibt kriminelle und radikale Gruppen, bewaffnete Islamisten, Kämpfer aus Libyen, aus dem Irak, aus Saudi-Arabien, aus dem Libanon und auch aus Syrien. Sie alle arbeiten nun unter dem Deckmantel der Freien Syrischen Armee und wollen uns verkaufen, dass sie für Freiheit und Demokratie kämpfen. 

Welche Interessen verfolgen diese Gruppen stattdessen?
Waseem Haddad: Meiner Meinung nach geht es vor allem darum, wer nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien die Macht übernehmen wird. Ich befürchte, dass wir in Syrien einen Stellvertreterkrieg haben. Länder außerhalb Syriens wie zum Beispiel Saudi-Arabien und Katar, die einige Gruppen der syrischen Opposition stark finanziell unterstützen, folgen einem bewaffneten Kampf. Sie wollen auf keinen Fall Demokratie und Freiheit in Syrien fördern – auch wenn sie das behaupten.
Sie zielen auf ein islamisches Regime an der Spitze Syriens ab, das künftig auf ihrer Seite steht. Man muss die Problematik in einem großen Zusammenhang sehen. Es geht hier ja auch um den Konflikt zwischen den Golfstaaten wie eben Saudi-Arabien oder Katar und dem Iran, der als Verbündeter Syriens gilt. Der Iran wiederum will, dass das Assad-Regime in Syrien bleibt, weil der Iran beispielsweise die Hisbollah-Organisation im Libanon über die Grenze Syriens mit Waffen ausrüstet. Sie wissen, wenn ein anderes Regime kommt, das sich nicht mit dem Iran verbündet, haben sie ein großes Problem. 

Eine Syrien-Resolution durch den UN-Sicherheitsrat wurde durch das Doppelveto Russlands und Chinas verhindert. Was steckt dahinter?
Waseem Haddad: Auch Russland hat großes Interesse an Syrien. Das sind zum einen wirtschaftliche Interessen, Syrien kauft Waffen aus Russland. Das sind zum anderen aber auch militärische Interessen, denn Russland hat einen Stützpunkt in der am Mittelmeer gelegenen Stadt Tartus. Das ist ihr letzter militärischer Stützpunkt im Nahen Osten und den wollen sie auf keinen Fall verlieren. Ich denke, das Veto Chinas ist in Absprache mit Russland erfolgt, denn China hat kein großes Interesse an Syrien; vielmehr am Iran – wegen des Erdöls, das sie von dort bekommen.

Sollte es zu einem militärischen Eingreifen wie in Libyen kommen?
Waseem Haddad: Syrien ist ganz anders als Libyen. Ich glaube nicht, dass die NATO oder der Westen Interesse daran haben, noch einmal die Geschichte von Libyen zu wiederholen. Syrien liegt in einer konfliktbeladenen Region – es gibt den Iran, den Libanon, den Irak und Israel. Eskaliert die Situation in Syrien, kann das auch zu einem regionalen Krieg führen. Ich denke, der Westen ist hier sehr vorsichtig. Aber der Syrische Nationalrat zum Beispiel fordert seit etwa neun Monaten eine militärische Intervention des Auslands als Lösung zur Beseitigung des Konflikts in Syrien. Und er behauptet, die syrischen Demonstranten wollen das auch. Andere oppositionelle Gruppen in Syrien lehnen eine militärische Intervention kategorisch ab, weil sie glauben, dass das letztendlich zu einem Krieg führen wird. Bis jetzt konnten die oppositionellen Gruppen kein gemeinsames Programm vorstellen, und solange sie so gespalten sind, kann der Konflikt nicht gelöst werden.

UN-Sondergesandter Kofi Annan hat bei seinem Treffen mit Präsident Assad unter anderem Waffenruhe in Syrien gefordert ...
Waseem Haddad: Ja, die Menschen in Syrien brauchen einen Waffenstillstand. Es wird dringend humanitäre Hilfe benötigt. In einigen Gebieten des Landes herrscht ein grau-samer Bürgerkrieg wie in Homs, in Daraa und in Idlib. Mehr als 8300 Menschen sind bereits gestorben, 40.000 sind verletzt, viele haben keine Häuser mehr, nichts zu essen, kein Geld, weil sie entlassen wurden oder sie leben als Flüchtlinge in anderen Ländern – mehr als 70.000 Syrer/innen sind alleine nach Jordanien geflüchtet. Das ist traurig, denn Syrien war immer die Zuflucht für viele Flüchtlinge aus dem Irak, aus dem Libanon. Jetzt leben Syrer als Flüchtlinge im Irak, in der Türkei, in Jordanien oder im Libanon.
Die einzige Lösung um humanitäre Hilfe leisten zu können ist ein Waffenstillstand. Dazu aber braucht es vermutlich die Hilfe von außen – der UNO, der EU, der USA, der Arabischen Liga …

Immer wieder hört man, dass viele Christen hinter dem Assad-Regime stehen. Wie sehen Sie das?
Waseem Haddad: Man muss unterscheiden zwischen der kirchlichen Führung und zwischen den Christen als Teil der syrischen Bevölkerung. Natürlich gibt es unter ihnen welche, die hinter dem Regime stehen. Es gibt auch viele Christen, die aus Angst schweigen, weil sie im Kopf haben, wie massiv die Christen im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins verfolgt und vertrieben wurden; und sie sehen jetzt, dass Christen beispielsweise in Ägypten Übergriffen ausgesetzt sind.
Aber es gibt natürlich auch Christen, die gegen das syrische Regime sind, vor allem die Intellektuellen. Die syrischen christlichen Kirchenführer – es gibt ja viele verschiedene Kirchen in Syrien wie etwa die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die Syrisch-Maronitische Kirche oder die Syrisch-katholische Kirche – haben da eine andere Meinung und das muss man anders betrachten. Zum einen weil sie unter Druck stehen und Angst haben – ich weiß, dass viele von ihnen sowohl vom syrischen Regime als auch von einigen Gruppen der syrischen Opposition bedroht wurden. Zum anderen weil einige von ihnen auch von diesem Regime profitiert haben. Die christlichen Kirchenführer haben den Fehler gemacht, dass sie von Anfang an im Namen aller Christen gesprochen haben. Ich hoffe nicht, dass die Christen als Bürgerinnen und Bürger Syriens dafür in der Zukunft bezahlen müssen. 

Sie waren einer von etwa 60 oppositionellen ­Syrer/innen, die außerhalb ihrer Heimat leben und die sich im Februar in Kairo getroffen haben, um über die Lage in Syrien zu diskutieren ...
Waseem Haddad: Ja. Wir haben das Treffen „Syrische demokratische Plattform“ genannt. Die Idee ist, dass wir einen Raum schaffen wollen für die verschiedenen Gruppierungen der syrischen Opposition, damit sie offen miteinander über unterschiedliche Themen diskutieren können. Viele Fragen wurden aufgeworfen, zum Beispiel ob wir überhaupt einen Dialog mit dem Regime führen können, nachdem so viele Leute gestorben sind, verschwunden sind, verhaftet wurden oder das Land verlassen mussten. Interessant war, dass die Teilnehmer aus verschiedenen politischen und religiösen Richtungen kamen. Alewiten waren dabei und viele Christen. Natürlich konnten wir jetzt keine Lösungen finden. Aber man hat gesehen – alle Beteiligten haben letztendlich Interesse daran, dass die verschiedenen Gruppen der syrischen Opposition Einigkeit zeigen müssen. Geplant ist, dass wir uns in einem Monat noch einmal treffen – wo, wissen wir noch nicht.

Mag. Waseem HaddadMag. Waseem Haddad

ist Assistent in Ausbildung am Lehrstuhl für Religionswissenschaften an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Haddad wurde im syrischen Tartus geboren. Nach der Matura studierte er zunächst im Libanon christliche Theologie, danach ging der Syrer nach Deutschland und begann an der Universität Erlangen das Studium der Evangelischen Theologie, das er 2008 abschloss. Seit drei Jahren lebt Waseem Haddad mit seiner Frau in Wien. Die Sorge um seine Familie in Syrien, mit der er stets telefonischen Kontakt hat, ist groß.