Rund 39.000 Muslime haben in Vorarlberg ein Zuhause gefunden. „Heimat wird für mich erst zur Heimat, wenn ich das Gefühl habe, über den Tod hinaus willkommen zu sein“, meinte der Integrationsexperte Attila Dincer anlässlich der Einweihung des ersten Islamischen Friedhofs Vorarlbergs in Altach. Was das Sterben mit Integration zu tun hat, erklärt Bürgermeister Gottfried Brändle im KirchenBlatt-Gespräch.

zur Sache: Islamischer Friedhof

Lebenszeit

von Simone Rinner

Altacher Bürgermeister Gottfried BrändleWarum haben Sie sich für den Bau des Islamischen Friedhofs engagiert? Stecken da vielleicht persönliche Motive dahinter?
Jeder Bürgermeister hat wahrscheinlich irgendwo in seinem Bereich Verantwortungsthemen, die ihm ein Anliegen sind. Für die Gemeinde Altach war das Thema „Integration“ schon damals - nicht zuletzt aufgrund einer sehr rührigen Sozialreferentin, die sich insbesondere in diesem Bereich stark eingesetzt hat - ein topaktuelles Thema. Außerdem profitieren wir alle von der Gemeinschaft. Wir sind 96 Gemeinden in Vorarlberg, zusammengefasst im Land und organisiert über den Gemeindeverband. Ich denke, jede Gemeinde profitiert von Highlights und Angeboten anderer Gemeinden. Und hier hatten wir die Möglichkeit, den übrigen 95 Gemeinden etwas zurückzugeben, das uns auch als Teil einer Gemeinschaft auszeichnet. Das war schon ein persönliches Anliegen und natürlich auch ein Anliegen, das alle politisch Verantwortlichen und schlussendlich auch die Bevölkerung gut mitgetragen hat.

Wie steht die Bevölkerung zum neuen Friedhof?
Es gab von Anfang an sehr positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung und ich muss zugestehen: Wenn wir hier nicht den Rückhalt der Bevölkerung gehabt hätten, wäre das Projekt gleich am Beginn gescheitert. Während der Projektjahre und bei der Eröffnung hat sich aber gezeigt, dass die Altacher/innen stolz auf dieses Projekt sind. Und dann weiß man, dass man auch als politisch Verantwortlicher das Richtige getan hat.

Gab es auch Rückmeldungen seitens der muslimischen Bevölkerung Vorarlbergs?
Natürlich hat es viele positive Rückmeldungen gegeben. Muslime reagieren hier zwar relativ zurückhaltend, aber doch mit großer Dankbarkeit. Eva Grabherr von „okay. zusammen leben“ erzählte mir zum Beispiel von einer ihr bekannten Migrantin, die bei der Friedhofseröffnung meinte: „Jetzt bin ich eine richtige Vorarlbergerin“. Das zeigt, dass auch der Aspekt der Integration, der in diesem Prozess ein wichtiger war, angekommen ist.

Das Projekt war und ist ja von einem „interreligiösen Dialog“ geprägt. Was konnten die jeweiligen Vertreter/innen der verschiedenen Kulturen und Religionen voneinander lernen?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir eigentlich gar nichts wissen voneinander. Im Dialog haben wir dann immer mehr voneinander gelernt. Und je mehr wir von der Gegenseite wussten, desto sicherer wurden wir in unseren Entscheidungen. Im ersten Dialog hat es Fragen gegeben wie: Wie ist es mit der ewigen Grabesruhe? Wie ist es mit der Erdbestattung? Wie ist es generell mit der Abwicklung innerhalb von 24 Stunden? Später ist man dann in die Tiefe gegangen. Die gegenseitigen Fragen und der Dialog waren eigentlich sehr vertrauensbildend.

Wenn Sie die Besonderheiten der islamischen Trauerkultur erwähnen: Welche rituellen Besonderheiten galt es für den Bau eines Islamischen Friedhofes zu beachten?
Es gibt ein paar markante Rituale, die sich von unseren Ritualen sehr unterscheiden. Das erste ist, dass der Islam vorschreibt, eine Bestattung innerhalb von 24 Stunden durchzuführen. Da dies in im Normalfall aufgrund behördlicher Aufgaben wie der Todesbestätigung nicht möglich ist, gibt es hier von muslimischer Seite her Ausnahmeregelungen.
Das zweite unterscheidende Merkmal ist, dass im Islam nur Erdbestattungen möglich sind. Es gibt für Muslime also keine Möglichkeit, sich verbrennen zu lassen. Das dritte Merkmal ist die sogenannte rituelle Waschung vor der Bestattung - das heißt jeder Leichnam wird vor der Bestattung gewaschen. Dazu braucht es eine entsprechende Einrichtung, die beim Bau des Friedhofes auch Bestandteil war.

Die Bestattungsrituale unterscheiden sich beim Christentum und Islam also. Wie sieht es mit Trauer und Trauerbewältigung aus?
Trauer und Sterben sind ja nicht religionsbezogen, da unterscheiden wir uns nicht. Ob Islam oder Christentum oder irgendeine andere Religion - Trauer bleibt gleich und jeder von uns weiß, dass es ihn irgendwann einmal treffen muss. Das war irgendwie der gemeinsame Nenner, der uns vom Projektteam die Arbeit sehr erleichtert hat. Auch in der Diskussion mit den islamischen Glaubensvertretern haben wir immer die Querverbindungen gesucht und mussten feststellen, dass wir uns da gar nicht unterscheiden. Es gibt natürlich Unterschiede im rituellen Ablauf, aber in der Frage des Zugangs zum Tod und dem Umgang mit dem Tod sind wir wirklich alle gleich.

Könnte man sagen, der Tod und die Trauer verbinden über Religionen hinweg?
Ich denke, wenn Menschen nahe Angehörige verlieren oder trauern, ist es wichtig, dass sie Menschen um sich haben, die sie in ihrem Schmerz unterstützen. Man kann hier den Leuten eigentlich nur den Rat geben, auf solche Menschen zuzugehen. Oft gibt es ein Hemmnis und oft traut man sich hier aus Respekt oder falsch verstandener Scheu nicht, auf diese Menschen zuzugehen. Ich habe aus meiner Erfahrung eher gelernt, dass Menschen hier sehr wohl auch den Dialog suchen und dass Menschen gerne auch in der Trauer mit anderen sprechen.

Auf dem Gebiet der Trauerbegleitung spielt auch die Hospizbewegung eine immer größere Rolle. Warum ist sie so wichtig?
Die Frage der Trauerbegleitung hat heute meines Erachtens einen anderen Zugang. Früher war Trauerbegleitung eigentlich Angelegenheit der direkten Angehörigen und sehr stark auch der Nachbarn. Heute verlieren wir teilweise den Aspekt der Nachbarn. Es bleibt also in erster Linie auf die Angehörigen beschränkt und bei den Angehörigen reduziert es sich auch auf eine kleine Gruppe. Darum sind heute Trauerbegleitung und die Hospiztätigkeit ganz wichtige Faktoren geworden.

Was ist an der Trauerbegleitung so wichtig?
Es ist wichtig, dass man den Angehörigen die Möglichkeit gibt, ihren Schmerz und ihre Trauer gut aufzuarbeiten. Da gibt es viele Formen und die Menschen sind auch sehr unterschiedlich zugänglich in diesem Bereich. Manche verdrängen von vornherein, manche sind sehr zugänglich, manche brauchen länger, manche weniger Zeit. Und in dieser Phase das Richtige zu finden, ist schwierig und wird uns wahrscheinlich auch immer ein bisschen begleiten. Ein wichtiger Teil ist aber sicher ein Friedhof oder ein Grab, weil ein Grab und das Wissen, dass ein Angehöriger hier bestattet wurde für die Trauerarbeit ein ganz wesentliches Element ist. Trauer in Form der Grabpflege oder des stillen Gebetes ist ein ganz wichtiger Teil.

Ist der Islamische Friedhof deshalb auch so wichtig für die Integration?
Es ist sicher wichtig, dass diesem Wunsch auf eine Bestattung, wie es der Glaube vorschreibt bzw. mit den rituellen Möglichkeiten, von nun an in Vorarlberg entsprochen werden kann. Hier hat ein Dialog stattgefunden, der ohne das Projekt nicht passiert wäre. Über diesen Dialog, meine ich, kann es durchaus auch Brücken geben zu anderen Integrationsthemen. Viele lassen sich jetzt nach ihrem Tod nicht mehr in ihre alte Heimat überführen, sondern sagen: „Doch, ich bin Vorarlberger, ich habe eigentlich hier mein Zuhause und möchte auch hier bestattet werden.“

zur Sache

Islamischer Friedhof

100 bis 150 Moslems sterben jährlich in Vorarlberg und konnten aufgrund traditioneller Bestattungsriten bisher nur wieder in ihr Herkunftsland überführt werden. Seit April 2012 ist das nicht mehr nötig, denn das „wichtigste Integrationsprojekt im Land“, wie es Integrationsexperte Attila Dincer nennt, wurde endlich umgesetzt.

Neun Jahre

Auf einer Fläche von 8.400 Quadratmetern bietet der Islamische Friedhof Platz für bis zu 700 Gräber. Neben der Grabanlage und der Verabschiedungshalle verfügt die Anlage auch über einen Raum für rituelle Waschungen und einen Gebetsraum. Begonnen hat alles im Jahr 2004 mit der Einrichtung einer Arbeitsgruppe im Vorarlberger Gemeindeverband und dem Aufruf an alle Gemeinden, einen geeigneten Standort zu finden. 2006 beschloss die Altacher Gemeindevertretung rund um Bürgermeister Brändle einstimmig, dass der Friedhof in Altach seinen Platz finden soll. Architekt Bernardo Bader plante das Projekt, und im März 2011 begannen schließlich die Bauarbeiten. Seit Juni 2012 ist der Friedhof offiziell eröffnet und ein Vorzeigeprojekt gelebter Integration, an dem Vertreter/innen der verschiedenen Konfessionen beteiligt waren.


Lebenszeit

Die neue Zeitschrift „Lebenszeit“ der Hospiz Vorarlberg zum Thema „Versöhnung. Kunst des Vergebens“ erscheint im September 2012.

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