Wir alle sterben - das ist nun mal so. Doch zunehmend scheint nicht die Angst sterben zu müssen, sondern die Art wie es passieren könnte, Angst einzuflößen. Alleine, in einem Krankenhaus oder sogar würdelos? „Werte und Würde menschlichen Lebens“ waren Thema des Vorarlberger Hospiz- und Palliativtages vergangene Woche in Dornbirn.

„Würde ist ein Konjunktiv“ erklärte einst der Verhaltensforscher Wolfgang Wickler auf die Frage einer Definition. Eine Möglichkeitsform. Würde ist vor allem auch ein Begriff, der gerne in den Mund genommen und manchmal auch etwas zweckentfremdet wird. Ein Würdenträger beispielsweise müsste eigentlich „einer sein, der vermittelt dass Würde ein Wert ist“, erklärt der Politiker und Jurist Dr. Erhard Busek in seinem Vortrag. Müsste. Konjunktiv.

Keine Gefühlsduselei
„Würde ist dann ein Wert, wenn sie von menschlichem Verhalten getragen wird“, definiert Busek. Sie sei nicht nur ein Gefühl, sondern entstehe durch die Tat. „Fast nur die Liebe drängt uns zu Taten“, führt er weiter aus und so sei die Würde das Ergebnis der Relation von „Ich“ zu „Du“.

Unantastbar
Der Würde werden viele Adjektive angeheftet: sie ist ein unveräußerliches Gut, unverbrüchlich, verletzbar und laut Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes auch unantastbar. Aus jüdisch-christlicher Sicht sei Würde bereits früh als „zentrales Merkmal des Menschen“ erkannt worden, welches in der Schöpfungsgeschichte wurzle und deshalb „ausnahmslos jedem Menschen zugehörig“ sei, erläutert die Theologin Dr. Helga Kohler-Spiegel im Rahmen der interdisziplinären Tagung. Oder wie es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) heißt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Am Ende
Die Frage der Würde rückt vor allem dann in den Mittelpunkt der Debatten, wenn es um das Lebensende geht. Am Anfang und am Ende des Lebens ist man den Menschen „ausgeliefert“, erklärt Kohler-Spiegel. Und dann ist nicht nur wichtig, dass etwas getan wird, sondern auch wie. Denn während früher zu Hause gestorben wurde, beenden wir unser Leben heutzutage zunehmend in Institutionen wie einem Krankenhaus. Begleitet und umsorgt von Ärzten und Pflegepersonal.

Tun Sie nichts!
Die Hospiz- und Palliativstation kann in ihrer Entwicklung zwar viele Fortschritte vorweisen, zugleich hat sie aber auch „grandioses Entwicklungspotential“, spricht der norwegische Palliativmediziner Stein Huseboe aus Berufs- und persönlicher Erfahrung: Insbesondere bei der groben Diskriminierung der Alten oder bei Schmerzlinderung bei Menschen ohne Krebsdiagnose. Gleich zu Beginn seines Vortrags über das „Leben mit dem Tod“ stellt er fest, dass hier vor allem eines wichtig ist: Kommunikation, Zeit und Zuhören. Und statt der Philosophie „Stehen Sie nicht da herum! Tun Sie was!“, die den Ärzten eingetrichtert wird, hat er eine neue entwickelt: „Setzen Sie sich hin! Tun Sie nichts!“ Der Sessel sei das wichtigste Instrument guter Kommunikation, erklärt er, und die ist besonders am Lebensende wichtig. Der Arzt sollte sich Zeit nehmen - und zwar für den Patienten, nicht nur für die Diagnose. Neben dem Mut zur Pause ist außerdem die Art und Weise der Kommunikation von Bedeutung.

Informiertes Einverständnis
Im Gespräch soll es Raum für Fragen, Reaktionen und Gefühle geben, betont Huseboe. Der Patient muss über seine Wahlmöglichkeiten und die Konsequenzen Bescheid wissen, um selbst bestimmen zu können, welche Behandlung er annehmen will - auch informiertes Einverständnis genannt. Eine besondere Herausforderung, oder wie es Huseboe nennt, „Test an die Reife der Gesellschaft“ ist die Frage, wie wir mit Menschen umgehen, die selbst nicht mehr entscheiden können. Besonders bei Demenzerkrankten soll Wert auf ihre Biografie bzw. ihr Lebensprojekt gelegt werden. Den Begriff Sterbebegleitung lehnt Huseboe ab, ersetzt ihn durch „Lebensbegleitung“ und zitiert Hermann Hesse: „Am Grab der meisten Menschen trauert tief verschleiert ihr ungelebtes Leben.“

Was kränkt macht krank
Das wissen nicht zuletzt die Menschen, die sich ein Magengeschwür „angeärgert“ haben. „Kranksein kränkt“ aber auch, hält der Arzt Dr. Peter Weyland im gleichnamigen Vortrag fest. Denn gerade weil der Körper von Anfang an als Teil des menschlichen Selbstverständnisses gesehen wird, stellt eine Krankheit eine tiefe seelische Verletzung dar. Der Körper gehorcht einem nicht mehr - man stößt an seine eigenen Grenzen. Die mögliche Lösung: Pflegende müssen den Patienten „nicht nur als körperlich krank, sondern auch als seelisch verletzten Menschen erleben“, so Weyland.

Was willst du, dass ich dir tue?
Gute Pflege ist weit mehr als „Satt, sauber, trocken“ - das ist nicht nur den 600 Professionellen und Ehrenamtlichen aus Medizin, Pflege, Psychotherapie und Seelsorge im Kunsthaus Dornbirn bewusst. Empathie, also die wohlwollende Aufmerksamkeit und das Wahrnehmen der Schwächen des anderen sind ebenso wesentlicher Bestandteil. Die Autonomie des Patienten muss gewahrt bleiben, erklärt Weyland und schlägt für den Umgang mit Patienten die „Jesus-Frage“ vor: Was willst du, das ich dir tue? Die Schmerzpumpe sei hierbei sicher ein hilfreiches Instrument.

Der Kodex
Einen Blick auf Werte und Würde menschlichen Lebens aus Sicht der Pflegenden wirft MSc Palliative Care, Angelika Feichtner. Die Pflege könne die Würde des Menschen verletzen, aber es brauche die Pflege als würdebewahrendes Instrument, hält sie fest. Sie sei nicht von der „Achtung der Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf Leben, auf Würde und respektvolle Behandlung“ zu trennen, zitiert sie den Ethikkodex für Pflegende.

Sterben wollen
Schwerkranke und Sterbende brauchen vor allem eines: Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen, spricht Feichtner aus Erfahrung. Eine Aufgabe, die angesichts steigender Patienten- und sinkender Pflegenderzahlen samt -zeiten nicht leicht zu bewältigen ist. Ständig werde alten Menschen vorgerechnet, wie teuer ihre Pflege sei, hält Feichtner fest. Die Folge: „Sie fühlen sich entwertet und entwürdigt und wollen sterben.“ Auch die Pflegenden, die entgegen ihrem Berufsethos pflegen müssen, werden dabei in ihrer Würde verletzt. Dabei heißt es doch: Würde erzeugt Würde.

 

Zur Sache

10 Jahre Hospiz-und Palliativtag

Ein Jubiläum der besonderen Art feierte heuer die ARGE Weiterbildung Palliative Care mit ihrem 10. Hospiz- und Palliativtag am 10. November im Kulturhaus Dornbirn. Über 600 Professionelle und Ehrenamtliche aus Medizin, Pflege, Psychotherapie und Seelsorge waren der Einladung gefolgt, um Koryphäen aus den Bereichen Medizin, Politik, Psychotherapie, Hospizarbeit und Palliative Care zum Thema „Werte und Würde menschlichen Lebens“ referieren zu hören.

Angesichts der Tatsache, dass beim ersten Hospiz- und Palliativtag am 11. Oktober 2003 „nur“ 350 Gäste zugegen waren, eine beachtliche Steigerung. Seither zeichnet sich die Tagung nicht nur durch hervorragende Referenten, sondern auch durch interessante Themen aus: Von „Lebensqualität bis zuletzt“ (2003) über „Intimität“ (2006), „Grenzen erfahren“ (2009) bis hin zu „Wenn die Luft ausgeht“ (2011).