Caritas-Präsident Franz Küberl im Gespräch mit Hans Baumgartner

„Ich bin ein Stehaufmanderl, wenn es – auch im Blick auf das Evangelium – darum geht, für die Würde des Menschen in unserer Gesellschaft zu streiten“, sagt Franz Küberl. Rückschläge können den „hoffnungslos Hoffenden“ dabei nicht aufhalten. Bei der 60. Internationalen Pädagogischen Werktagung spricht er diese Woche über „Würde erstreiten“.

Wenn man für die Würde der Menschen streitet, erlebt man da nicht Unverständnis und frustrierende Situationen?
Küberl: Ich erlebe dabei, neben dem Zuspruch vieler engagierter Leute, häufig eine zwiespältige Situation: So lange es in der Theorie darum geht, dass jeder Mensch die gleiche Würde hat oder, um es religiös zu sagen, gottgewollt ist, da stimmt jeder zu. Wenn es um die konkrete Umsetzung geht, da  bröckelt „die Würde“ oft ziemlich rasch ab. Ich nenne hier ein paar Stichworte wie Asyl, Armut, Behinderung oder Menschen, die durch Drogen oder Alkohol Probleme bekommen haben.

Weil das Thema der Pädagogischen Werk-tagung, die von der Caritas mitveranstaltet wird, lautet „In Würde werden“: Wie steht es mit der „Würde“ im Bildungssystem?
Küberl: Ich sage das ganz offen: Ich glaube nicht, dass man bei uns in Österreich wirklich und ehrlich um die Zukunft jedes Kindes gleich engagiert kämpft. Das beginnt schon bei manchen Eltern, die, weil sie das Beste für ihr Kind wollen, es gar nicht gerne sehen, wenn in der Klasse auch behinderte oder ausländische Kinder sitzen. Das andere ist, dass wir aus allen Studien wissen, dass Kinder, die beispielsweise aus armutsgefährdeten Familien kommen, sehr häufig die Armut erben. Unser Bildungssystem durchbricht diesen Kreislauf nicht. Das ist eine Katastrophe. Und es hilft uns gar nicht weiter, wenn gesagt wird, die Eltern müssten sich für ihre Kinder interessieren. Wenn das aus sozialen, wirtschaftlichen, familiären oder kulturellen Gründen nicht ausreichend geschieht, dann haben die Kinder halt Pech gehabt. So geht das nicht, da brauchen wir ein radikales Umdenken.

Wieweit verhindert dieses System auch die Integration von Kindern von Zuwanderern?
Küberl: Unter den Zuwanderern hat ein Teil eine sehr gute Bildung. Der achtet auch auf eine gute Ausbildung der Kinder. Wir haben aber auch viele einfache Arbeiter/-innen unter den Migranten. Dass zwanzig Prozent von deren Kindern keinen Schulabschluss haben, darf nicht hingenommen werden, schon um der Kinder willen.

Erst vor wenigen Tagen wurden die Fremdengesetze erneut verschärft. Wie verträgt sich das mit der Würde der Menschen?
Küberl: Gar nicht. Denn die jetzt beschlossene zwangsweise Anhaltung von fünf bis sieben Tagen für neue Asylwerber ist eine reine Schikane, für die es keine sachliche Begründung gibt. Weder für die erste Einvernahme noch für die Sicherheit ist dieses Wegsperren notwendig. Ich war schon überrascht, dass man das im Parlament nicht ernsthafter hinterfragt hat. Aber wenn es um Asylfragen geht, wird bei vielen offenbar ein Schalter umgelegt, wo sich dann der Obrigkeitsstaat auch über Menschenrechte hinwegsetzt. Beim Thema Integration scheint man jetzt endlich bereit zu sein, einen neuen Weg einzuschlagen. Der hoffnungslos Hoffende in mir sagt, vielleicht kapieren sie das ja auch beim Asyl.

Was ist es, warum beim Thema Asyl die Caritas immer wieder aufschreit?
Küberl: Weil es hier immer wieder zu massiven Verletzungen der Menschenwürde kommt, zu der wir als Christen nicht schweigen dürfen. Natürlich ist es legitim, und dazu stehen wir auch, dass man die Asylgründe objektiv und mit der notwendigen Sorgfalt prüft. Die zweite Sache ist, wie man mit den Leuten umgeht: Denn ganz unabhängig davon, ob sie hier bleiben dürfen oder nicht, Menschen bleiben sie immer. Und von daher verdienen sie Respekt. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass man das nicht oft genug in Erinnerung rufen kann. Denn neben Fremdenfeindlichkeit und Aggressivität, die leider oft geschürt werden, gibt es auch so etwas
wie eine gedankenlose Gleichgültigkeit, so als ob Migranten keine Menschen wären.

Ein anderes Thema: Die Caritas hat sich sehr energisch für eine Reform der Sozialhilfe eingesetzt – zur besseren Armutsbekämpfung, aber auch um den entwürdigenden Bittstellerstatus zu überwinden. Ist das durch die neue Mindestsicherung gelungen?
Küberl: Vom Grundsatz her wäre das, was die Minister Bartenstein und Buchinger seinerzeit vereinbart haben, eine gute Grundlage für mehr Rechtssicherheit und eine respektvollere Behandlung von Menschen, die ohnedies schon unten sind und sich oft dafür auch schämen. Doch in der Umsetzung kracht es leider gewaltig im Gebälk. Es gibt einige Bezirke in Österreich, die haben sogar jene, die für eine Mindestsicherung in Frage kämen, angeschrieben. Aber sie sind die Ausnahme. Es gibt leider viele Regionen, wie etwa Wien, Teile der Steiermark und anderer Bundesländer, wo die bürokratischen Hürden gewaltig sind und die Menschen dabei immer wieder Willkürakten und Demütigungen ausgesetzt sind. Wir haben deshalb bereits in einigen Regionen eigene Beratungstage eingeführt. Wenn wir Glück haben, dann sind das Anfangsschwierigkeiten, wenn wir Pech haben, ist das eine gewollte Strategie, um bei den Armen zu sparen. Jetzt muss man hartnäckig sein und Politikern und Beamten klarmachen: Würde haben alle die gleiche, der/die Arme wie der Bürgermeister.

Im Bereich Pflege gibt es mit dem neu errichteten Pflegegfonds Fortschritte – ist die Caritas zufrieden?
Küberl: Es ist ein erster Schritt, aber eine nachhaltige Lösung ist das noch nicht. Man drückt sich noch immer darum herum, dem Ernst der Lage entsprechend zu handeln. Sowohl im Blick auf die Pflegebedürftigen als auch was die Pflegenden (Angehörige, Ehrenamtliche und Pflegekräfte) angeht, brauchen wir eine solidarische Finanzierung ähnlich der Krankenversicherung. Denn Pflegebedürftigkeit ist genauso ein Grundrisiko, das von der Gesellschaft mitgetragen werden muss, wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter. Eine ordentliche Pflege, das ist eine Gesellschaft der Würde des Menschen schuldig. Das gilt übrigens auch für die Begleitung und (Schmerz-)Betreuung von Sterbenden. Ob jemand in Würde aus dem Leben scheiden kann, darf nicht vom Geld, das jemand hat oder nicht, abhängen.

Sie haben eingangs auch die Behinderten angesprochen. Was steht da an?
Küberl: Da ist in den vergangenen 25 Jahren wirklich viel Positives passiert, wie etwa die schulische Integration. Aber diese darf nicht mit der Pflichtschule aufhören. Wir brauchen mehr Anstrengungen für die berufliche Einbindung von Behinderten, für deren Teilnahmechancen am „normalen“ Leben oder für deren Altersabsicherung. Wenn jetzt, wie in der Steiermark, bei der Behindertenarbeit der Sparstift angesetzt wird, dann kann ich davor nur warnen. Das tut auch was mit der Wertschätzung der Menschen gegenüber Behinderten. Und das wäre fatal.

Sie haben wiederholt scharf die österreichische Entwicklungshilfe kritisiert. Warum?
Küberl: Ich war oft genug in armen Ländern und habe gesehen, was Armut, Hunger, mangelnde Bildung oder schlechte Gesundheitsversorgung mit Menschen anstellt. Ich halte es daher für einen Skandal, dass wir sofort, wenn es im Budget ein wenig zwickt, alle unsere Versprechungen über Bord werfen und bei der ohnedies beschämend geringen Entwicklungshilfe auch noch kürzen. Ich weiß schon, dass die Entwicklungshilfe nur ein Instrument von vielen ist, um den Menschen in den armen Ländern zu helfen. Aber sie ist auch ein Indikator, wie ernst die Politik die anderen Bereiche, etwa das Eintreten gegen Nahrungsmittelspekulationen oder für faire Handelsbeziehungen, nimmt.

Ihre Arbeit exponiert Sie. Wie gehen Sie mit Rückschlägen und Anfeindungen um?
Küberl: Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Leute getroffen, denen es wirklich mies geht, und so viele, die sich wirklich toll für andere einsetzen, da darf auch ich etwas an Strapazen auf mich nehmen. Und wenn ich auf das Evangelium schaue: Aufgeben ist keine christliche Tugend. Angerührtsein auch nicht. Und so bin ich ein Stehaufmanderl …

(aus KirchenBlatt Nr. 28 vom 17. Juni)