Seit knapp zwei Wochen leitet Dr. Benno Elbs als Diözesanadministrator die Diözese Feldkirch. Ein Gespräch über Gott, die Menschen und Schätze, die es zu heben gilt. Lesen Sie hier das gesamte Interview des neuen Diözesanadministrators für das Vorarlberger KirchenBlatt (Nr. 47 vom 27. November 2011).

KirchenBlatt: Sie wurden vom Konsultorenkollegium einstimmig zum Diözesanadministrator gewählt. Welche Aufgaben und Schwerpunkte werden Ihre Arbeit in der nächsten Zeit bestimmen?

Benno Elbs:
Zuerst möchte ich Bischof Elmar ganz herzlich für seinen Dienst danken. Wir dürfen uns mit ihm über große Schritte, wie z.B. die „Wege der Pfarrgemeinden“, die Seligsprechung, die Marienweihe etc. freuen. Ich  bin den Mitgliedern des Konsultorenkollegiums sehr dankbar für das Vertrauen, das sie mir damit geschenkt haben. Nachdem der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI. den Rücktritt eines Diözesanbischofs angenommen hat, tritt binnen acht Tagen das Konsultorenkollegium einer Diözese zusammen und wählt einen Diözesanadministrator. Der, der Weihe nach dienstälteste Priester des Konsultorenkollegiums beruft die Versammlung der Konsultoren ein und leitet in der Zwischenzeit die Diözese.
Zurück zu Ihrer Frage: Als Diözesanadministrator war es zunächst eine meiner ersten Aufgaben, eine ständigen Stellvertreter zu bestellen. Und ich kann hier dem Feldkircher Dompfarrer Monsignore Rudolf Bischof nur danken, dass er bereit ist, die Vakanzzeit mitzugestalten. Ein Diözesanadministrator ist, wenn man im Kirchenrecht nachliest, „an die Pflichten gebunden und besitzt die Gewalt eines Diözesanbischofs“, darf aber nichts verändern, was den künftigen Bischof in seinen Rechten beeinträchtigen würde. Wir alle haben in den letzten Jahren in unseren Pfarren und in den diözesanen Bereichen überaus Großes geleistet. Wir dürfen uns in dieser Übergangszeit, glaube ich, ein „Durchatmen“ gönnen und der geistlichen Dynamik der „Wege der Pfarrgemeinden“ und der Seligsprechung den notwendigen Raum geben. 

KirchenBlatt: Die Seligsprechung Carl Lamperts war ein Höhepunkt der Katholischen Kirche Vorarlberg in diesem Jahr. Was nehmen Sie persönlich aus der Seligsprechungsfeier mit? Was kann man vom Lebensbeispiel eines Carl Lampert für das Christsein heute lernen?


Benno Elbs: Ich wünsche mir in erster Linie, dass diese positive Stimmung, die geistliche Dynamik, die große Zuversicht, die wir alle während der Vorbereitung auf die Seligsprechungsfeier erleben durften, nachwirkt. Wenn man gesehen hat, wie Carl Lampert, sein Leben und Sterben, nach und nach weitere und immer größere Kreise gezogen hat, wenn man beobachten konnte, wie viele Menschen am Gelingen dieses großen Festes mitgearbeitet haben, wenn man die ständig wachsende Begeisterung für diesen Menschen bemerken konnte, wenn man sah, welche Kraft das Thema entwickelte und wie viele Menschen im ganzen Land sich mit Carl Lampert auseinandersetzen, dann lässt das nur einen Schluss zu: Carl Lampert ist ein Seliger aus und für unsere Diözese.
Carl Lampert war auch vor dem Jahr der Seligsprechung kein Unbekannter. Ich möchte  daran erinnern, dass seit 1994 – damals fand unter dem Titel „Dass andere Zeit wird“ die erste größere Gedenkveranstaltung in Göfis statt – kontinuierlich am Thema der Erinnerung, des Gedenkens und damit auch an der Vorbereitung der Seligsprechung Carl Lamperts gearbeitet wurde. 2004 dann die erste Carl Lampert-Akademie, die bis heute jährlich stattfindet. Es tat und tut sich viel. Gott sei Dank bleiben Carl Lampert und seine Zeit nicht ungesehen.

Carl Lampert ist für uns der „Patron der Erinnerung“ geworden. Jener Einzelne, der an die vielen Frauen und Männer erinnert, die im Kleinen und im Großen Widerstand geleistet haben. Das zum einen. Zum anderen habe ich, als ich dabei sein durfte, wie in Göfis die Urne Carl Lamperts geöffnet wurde, mit eigenen Augen gesehen, was es heißt, für seinen Glauben, für seine Überzeugungen, für Mut und Zivilcourage zu sterben. Wobei erleben hier sicher der falsche Ausdruck ist. Ich durfte es erahnen und es hat mich tief berührt. Ich habe mich zurückversetzt gefühlt an den Ort der Hinrichtung Carl Lamperts, den wir auf einer der Gedenkfahrten besucht hatten. Ich habe mich an diesen kalten, düsteren Raum erinnert, in dem so viele Menschen sterben mussten – und was blieb, war eine Ehrfurcht, die Achtung vor diesem Menschen Carl Lampert, der das Leben liebte und doch starb, weil er Gott und seine Überzeugungen nicht verraten wollte. Wenn Sie also danach fragen, was mir von der Seligsprechung bleibt, dann ist es die Achtung und die innere Berührtheit und die Hoffnung auf Zukunft bei Gott.

„Dass Menschen wieder Menschen werden“, Carl Lampert lieferte mit diesem Briefzitat selbst das große Leitthema für die Seligsprechung. Dass Menschen Menschen bleiben können, fügen wir heute hinzu. Und wer diesen Kernsatz ernst nimmt, der ist in seinem Christsein angesprochen – damals wie heute. Das fängt damit an, dass wir nicht wegschauen, wenn irgendwo Unrecht geschieht und das führt hin zu jenem Gottvertrauen, das Carl Lampert während der schrecklichsten Stunden seines Lebens begleitet hat. Was bedeutet das für uns Christen heute – dass wir, nehmen wir das Wort Gottes ernst, nicht gleichgültig sein können gegenüber dem Unrecht. Das Bild des barmherzigen Samariters zeichnet diese Haltung nach. Ein Mensch braucht Hilfe, er liegt am Boden, ist geschlagen und gebrochen. Alle drehen sich weg, wollen ihn nicht gesehen haben. Allein der barmherzige Samariter sieht, dass hier ein Mensch leidet und er hilft ihm. Das ist für mich ein Aspekt des Hinsehens, das auch Carl Lamperts Haltung bestimmte. Und es ist ein Hinsehen, das jenseits aller Zeiten Gültigkeit hat.

KirchenBlatt: Themawechsel: Wie geht es mit der Umsetzung des Pastoralgespräches „Die Wege der Pfarrgemeinden“ weiter?

Benno Elbs:
Die ersten Pfarrverbände wurden errichtet. Göfis und Satteins ist einer davon. Die beiden Gemeinden werden von Pfarrer Dr. Norman Buschauer geleitet und betreut, unterstützt wird er von Kaplan Noby Acharuparambil einerseits und den ehrenamtlich Engagierten beider Pfarren andererseits. Jede Pfarre behält ihre Eigenständigkeit und gestaltet doch auch das „große“ Miteinander.
Gleichzeitig beginnen nun die ersten Gespräche in den urbanen Seelsorgeräumen. „Kirche vor Ort“ zu sein ist hier das Ziel. Das Pastoralgespräch „Die Wege der Pfarrgemeinden“ sieht für Ballungsräume wie größere Marktgemeinden und Städte das Modell des Seelsorgeraums vor, in dem ein Team von Priestern sich gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen der Bedürfnisse, Sorgen, Ängste und der Freuden der Menschen annimmt. Erste Schritte sind gesetzt und werden während der kommenden zwei Jahre das pfarrliche Leben unserer Diözese begleiten. Ein neuer Diözesanbischof könnte natürlich diesen Prozess stoppen, wenn das der Hintergrund Ihrer Frage war, wird das aber klugerweise nicht tun: erstens, weil dieser Prozess eine geistliche Kraft entwickelt und zweitens weil wir immer darauf  geachtet haben, dass er in Übereinstimmung mit der Universalkirche geschieht.

KirchenBlatt: Und noch einmal ein anderes Thema. Wie und wo ist Gott den Menschen nahe? Oder anders gefragt, wie erleben Sie persönlich die Führung Gottes?

Benno Elbs:
Wenn ich jetzt sage, Gott ist jedem Menschen immer nahe, dann mag das in manchen Ohren altbacken klingen. Es ist dennoch meine feste Überzeugung. Gott ist den Menschen nahe, wenn sie an den Schwellen ihres Lebens stehen, wenn sie nicht mehr weiter wissen, wenn sie trauern, wenn sie sich ängstigen, wenn ihr Boden zu wanken beginnt. Gott ist den Menschen aber auch besonders dann nahe, wenn sie sich freuen, wenn sie mutig Neues wagen, weil sie wissen, dass ihre Schritte nicht ins Leere laufen. „Deus caritas est“ – dieser Liebe dürfen wir vertrauen. Das ist manches Mal schwer. Wenn man tagtäglich mit Schreckensmeldungen aus der ganzen Welt konfrontiert wird, wenn Hunger, Not, Leiden und Tod uns ständig begleiten. Und dennoch, wir dürfen wissen, dass Gott da ist und uns liebt. Carl Lampert war sich dieser Liebe gewiss. Er hat nicht aufgegeben, nie – weil er wusste, dass Gott ihn begleitet und niemals verlässt, bis zum letzten Atemzug.

Wo ich diese Führung Gottes erlebe? An unzähligen Krankenbetten, in vielen kleinen Situationen des Alltags, wo Verzweiflung und fürchterliche Angst zu herrschen scheinen, in jedem Lachen, überall dort, wo Menschen füreinander da sind. Und dann hat man immer wieder das Glück zu sehen, wie Menschen manchmal langsam, manchmal ganz plötzlich zu einer inneren Ruhe finden, die sie strahlen lässt. 

KirchenBlatt: Welchen Stellenwert nimmt, Ihrer Meinung nach, die Kirche - auch als Institution - in der Gesellschaft ein?

Benno Elbs:
Wollte man ein Unternehmensleitbild für die Kirche entwerfen, so würde sich dieses im Kern auf eine Botschaft beschränken: die Liebe Gottes. Es ist eine Liebe, die keine Unterschiede kennt. Es ist eine bedingungslose Liebe, derer wir uns bis zum Ende sicher sein dürfen.
Sehen wir uns in unseren heutigen Lebenswelten um. Das Tempo beschleunigt sich, Wettkampf, Wettbewerb, Armut, die Schwachen kommen unter die Räder, die Starken gewinnen.
Dem steht die Liebe entgegen, die zeitlos ist. Wer liebt, der ist auch zur Nächstenliebe verpflichtet, zu Rücksicht und Hilfe. So ist die Kirche auch Ruhepol und Ankerpunkt.
Die Liebe ist ein Angebot Gottes an uns Menschen und es ist ein Angebot, das wir in die Gesellschaft tragen sollen. Das beginnt im Kleinen, wenn die Beziehung zu den Mitmenschen nicht von Gleichgültigkeit dominiert ist, und das hört im Großen nicht auf, wenn Produkte fair gehandelt werden, wenn unser Reichtum nicht auf der Armut anderer aufbaut. Wenn Menschen füreinander da sind, dann ist diese göttliche Liebe spürbar.
Ganz konkret versucht das die Katholische Kirche Vorarlberg auch über ihre vielfältigen Angebote den Menschen näher zu bringen. Wer hätte gewusst, dass die Katholische Kirche zu den größten Elternbildnern des Landes zählt, dass die rund 25.000 ehrenamtlich Engagierten in den Pfarren einen unglaublich wertvollen Beitrag leisten, dass hier Menschen für Menschen in Notsituationen da sind – sei es die Unterstützung von Alleinerziehenden oder auch die Betreuung von Kindern, die die Trennung ihrer Eltern miterleben mussten. Die vielen Einsatzfelder unserer Caritas nicht zu vergessen. Diese Menschen sind für andere Menschen da und sie tun es aus ihrer inneren Überzeugung heraus, aus ihrem Glauben.


KirchenBlatt: Wie gelingt es Ihnen – vormals als Generalvikar, jetzt als Diözesanadministrator - die vielen Mitarbeiter der Diözese gut zu führen?


Benno Elbs:
Jeder Mensch ist ein Unikat. Jeder hat seine besonderen Begabungen, Stärken und Schwächen. Diese Berufungen (wie wir theologisch sagen) in ihrer Gesamtheit anzunehmen, sie in ihrem individuellen Wert zu sehen, ist unser Ziel. Führen heißt, die Schatztruhen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu öffnen. Dieser Schatz ist uns anvertraut, ihn zum glänzen zu bringen, unsere Aufgabe.  Wir heben diesen Schatz, der Schatz selbst aber war schon vor uns da.


Das Gespräch führten Veronika Fehle und Dietmar Steinmair