Zwei Träger des alternativen Nobelpreises, Sulak Sivaraksa aus Bangkok und Katarina Kruhonja aus Kroatien waren in Bregenz zu Gast. Es berichtet Klaus Gasperi.

„Schritte ins richtige Leben“, möchten  die „Projekte der Hoffnung“ aufzeigen und so Impulse geben für ein gerechteres Leben. Marielle Manahl und Christian Hörl luden zwei beeindruckende Träger des alternativen Nobelpreises nach Bregenz.

zu: Sulak Sivaraksa erzählt
zu: Was bedeutet es, dem Herzen zu folgen? (4 Antworten)

 

Katarina Kuhonja Was mein Leben verändert hat? Die Antwort von Katarina Kruhonja (links) ist knapp, nüchtern und erschreckend. Keine großen Einsichten, Begegnungen, Entscheidungen, sondern: „Es war der Krieg.“ Bis dahin war sie Ärztin gewesen. Doch plötzlich hießen ihre Kollegen nicht mehr Ivica, Damjan oder Josip, sondern nur noch „Kroate“ oder „Serbe“. Es gab keine anderen Möglichkeiten, keine Alternativen. „Wir saßen in der Falle. Ich versuchte nachzudenken, anders zu denken.“ Katharina Kruhonja ist Christin. „Was würde das heißen“, fragte sie sich, „Feindesliebe, in dieser Umgebung? Ich wusste keine Antworten!“, gesteht sie.

Zwischen den Fronten
Vor mir am Podium sitzt eine zurückhaltende, aufmerksam dreinblickende Frau. „Können Sie mich alle sehen?“, fragt sie. Katarina lächelt. „Es ist nämlich sehr wichtig, dass wir einander sehen.“ Im Krieg kann man einander nicht mehr sehen: Katarinas Heimat, Osijek in Slawonien, war im Kroatien-Krieg heftig umkämpft. Wenn Katarina erzählt, spricht sie vom „totalen Krieg“. „Er war auch in uns, in unserem Kopf“, sagt sie. „Wir waren frustriert wegen der Medien, die ständig den Nationalismus predigten. Wir waren zornig auf unsere Eltern, die uns nichts über die Geschichte und die untergründig schwelenden Ressentiments erzählt hatten. Wir wussten keinen Ausweg, doch  versuchten wir eine andere Sicht zu finden.“ Wir fühlten uns bedroht, denn die Serben griffen uns an. Wir wurden bombardiert. Aber in einer ehemals multiethnischen Gesellschaft waren „die Fronten“ nicht klar. Plötzlich waren die serbischen Zivilisten in meiner Stadt bedroht und dem Hass der Kroaten ausgeliefert. Manche versteckten sich im Keller. Wir gingen zu ihnen, um sie zu schützen. „Das war gefährlich!“, sagt Katarina.

Jetzt beginnt die Zukunft
Mitten im Krieg begannen wir nachzudenken: Welche Gesellschaft wollten wir später haben? Wir waren nicht mehr nur gegen den Krieg, wir wollten Frieden bauen. Familien waren zerrissen, Menschen hatten alles verloren, wussten nicht, wer noch lebte und wer nicht. Mit Freunden organisierte Katarina psychologische Hilfe, schuf Gesprächsgruppen, denn: Wir wollten an der Seite der Leidenden sein.

Der gefrorene Krieg
Schließlich kam es zum Waffenstillstand. Doch es war mehr ein eingefrorener Krieg. Kein Telefon, keine Post zwischen den verschiedenen Zonen. Man konnte nicht einmal miteinander sprechen. Friedensaktivisten trafen sich im Ausland, in Ungarn, um Gespräche in Gang zu bringen. Briefe von einem Ort in den nächsten wurden zunächst nach London gebracht, von dort nach Belgrad geschickt, um schließlich im Nachbarort anzukommen. Was war das Wichtigste in dieser Zeit? Dass wir unsere Werte nicht preisgeben, für unsere Werte einzustehen, sagt Katarina.

Der schwierige Weg zum Frieden
Nach dem Krieg kam es erneut zu sehr dramatischen Szenen. Die Feinde von einst standen sich plötzlich gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Serben und Kroaten aus dem gleichen Dorf konnten nicht miteinander sprechen. Wir mussten Menschen aus verschiedenen Dörfern zusammenbringen, damit sich die Feinde von einst wieder als Menschen erfahren konnten. Erst langsam wurde es möglich, dass sich auch Menschen aus dem gleichen Dorf begegnen konnten. Eine Frau erzählt, dass eine gute Freundin, eine Kroatin, gestorben war. Bei uns geht das ganze Dorf zur Beerdigung. Diese Frau aber saß heulend in der Wohnung, denn sie traute sich nicht auf die Straße. Sie war nämlich eine Serbin.

 

Wenn Bäume stürzen, machen sie viel Lärm und alle hören es.
Wenn sie aber wachsen, tun sie das leise.

Sulak Sivaraksa

Mit diesem Bild aus der Natur machte der Buddhist Sulak Sivaraksa (links) Mut. Er hat sich in seiner Heimat Siam (Thailand) für mehr Demokratie und für die Rechte der ausgebeuteten Bauern eingesetzt. Buddhismus ist nicht nur Meditation, sagt er. Buddhismus heißt, dem Leiden entgegenzutreten. Ohne Gewalt, betont er, denn Gewalt verbittert. Hass gilt es in Liebe zu verwandeln. Die Illusion durch Einsicht und Verstehen zu überwinden. Erkenntnis und Bildung sind für Sulak zentrale Themen: Wir müssen von den Armen und von der Natur lernen, um das Leben zu verstehen.

„Pflegen  Sie ihre Freundschaften“, ruft er dem Publikum lächelnd zu. „Gute Freunde sagen uns das, was wir nicht hören wollen, deshalb sind sie so wichtig für uns! Und augenzwinkernd fügt er hinzu: Auch die jüngste Finanzkrise ist wie ein Freund, ein „himmlischer Bote“. „Es ist höchste Zeit dafür“, sagt er. „Wir müssen lernen, dass wir falsch leben! Zeit also für Metanoia, das heißt: Umkehr.“

Klaus Gasperi

 
Worum ’s im Leben geht?

Was ist die wichtigste Sache im Leben? Mit dieser Frage konfrontierte Sulak Sivaraksa 270 Oberstufenschüler des Gymnasiums Blumenstraße, die sich anlässlich der „Projekte der Hoffnung“ zu einem Dialog mit dem alternativen Nobelpreisträger eingefunden hatten.  Vorschläge wie „Freiheit“, „Liebe“, „Familie“, „Nahrung“ nahm er mit „wunderbar“ zur Kenntnis, um schließlich seine Antwort zu geben: „Atmen“.

Ein Lachen ging durch die Reihen. Doch wurde bald deutlich, was Sulak mit dieser Aussage meinte: Liebe, Friede, Gerechtigkeit und Solidarität haben ihren Ausgang im ganz konkreten inneren Frieden jedes Einzelnen. Der Gast aus Thailand faszinierte mit seiner ruhigen Ausstrahlung, seinem offenen Weltbild  und seinem Bestreben, den Schülern nicht irgendwelche Vorschriften zu machen, sondern sie ernst zu nehmen und ihren Fragen und Anliegen entgegenzukommen.

Mit viel Witz erzählte er Geschichten aus seinem Leben, das zum Teil alles andere als lustig war. Mehrfach war er wegen seines Einsatzes für die politischen Rechte des Volkes inhaftiert. Auf die Frage, wie er das Gefängnis empfunden habe, antwortete er mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Das Gefängnis ist ein schöner Ort.“ Er wollte damit nicht die Situation in thailändischen Gefängnissen beschönigen, sondern zum Ausdruck bringen, dass man auch extreme Negativerfahrungen
wie Folterungen mit guten Gedanken und Empathie für den Aggressor bewältigen kann. Mit seiner starken Persönlichkeit hinterließ Sulak Sivaraksa bei Schülern und Lehrern einen prägenden Eindruck und wurde für seine Ausführungen mit lange anhaltendem  Applaus belohnt.

Gerold Amann

http://www.sulak-sivaraksa.org/en/

Was bedeutet es, dem Herzen zu folgen?

Mariella Manahl
Veranstalterin der "Projekte der Hoffnung", Bregenz

Es ist Zeit, Position zu beziehen.
Die Krise, die unsere Erde bedroht, ist selbst verursacht, weil wir unseren Platz im Netz des Lebens verlassen und uns über unsere Mitwelt gestellt haben. Daraus resultieren Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Armut. Unser Kummer und unsere Wut sind ein Maßstab für unsere Menschlichkeit. Daraus entsteht Handlung. Überall auf der Welt treten viele Menschen für einen echten Wandel ein.

Sulak Sivaraksa
Bangkok, Siam, Träger des alternativen Nobelpreises

Lernen, mit Sorgfalt zu unterscheiden.
Man muss das Herz prüfen. Wenn es friedvoll ist, dann ist es gut, auf das Herz zu hören. Doch das kann auch bedrohlich werden: wenn das Herz vergiftet und voller Hass ist. Du musst dir bewusst werden, welcher Richtung dein Herz folgt. Deshalb legen wir solchen Wert auf das sorgsame Atmen. Denn man kann auch Ungesundes einatmen.

Katarina Kruhonja
Osijek, Kroatien, Trägerin des alternativen Nobelpreises

Dankbarkeit für die Wurzeln - und sich selber prüfen. 
Zwei Dinge sind für mich zentral - meine Wurzeln und meine Werte. Meine Familie hat mir viel mitgegeben. Dafür bin ich dankbar. Und dann: auf die innere Stimme zu hören und zu prüfen, ob ich friedvoll bin. Ich bin Christin. Das heißt mich beständig zu fragen, was mich verwirrt und verstört - und den inneren Frieden zu suchen.

Ingrid Holzmüller
Bregenz

Herz-erfrischend und gefährlich.
Dem Herzen folgen heißt oft, aus der Norm, der Konvention auszubrechen. Lieb Gewonnenes hinter sich zu lassen. Mut zu einem unsicheren Ziel, nur einer Sehnsucht folgend. Kann es dann  nicht sehr gefährlich sein, aufzufordern dem Herzen zu folgen? Was ist, wenn dieser Ruf dem zuwider läuft, was kirchlich als Vorgabe gilt? Ob in der Kirche Platz ist für dieses Motto, diesen Mut?

(aus KirchenBlatt Nr. 47 vom 28. November 2010)