Aus Anlass der Abtweihe: Eine kleine Geschichte der Mehrerau - von Diözesanarchivar Michael Fliri

Mit der Wiederbesiedlung des Klosters Mehrerau durch den Konvent von Wettingen begann 1856 ein neues Kapitel in der Geschichte monastischen Lebens in Vorarlberg.

„Euer Hochwürden und Gnaden bringe ich hiemit geziemend zur Kenntnis, dass ich mit einigen Ordensbrüdern seit ungefähr 14 Tagen von der Mehrerau Besitz genommen, um das Werk zur Ehre Gottes in Angriff zu nehmen.“ So schrieb am 26. Juni 1854 P. Leopold Höchle, Prälat von Wettingen und Prior in Mehrerau an den Generalvikar Georg Prünster in Feldkirch. 
P. Leopold war der letzte Abt der 1841 durch den Kantonsrat aufgehobenen Zisterzienserabtei Wettingen im Kanton Aargau/CH und siedelte sich mit einigen Mitbrüdern nach mehrjähriger Wanderschaft in den seit Jahrzehnten als Kaserne genutzten Klostermauern von Mehrerau an. In nur wenigen Jahren gelang es der Gemeinschaft, das Kloster zu einer neuen Blüte zu führen. Zahlreiche Novizen traten in den Konvent ein, eine neue Klosterkirche sowie das Collegium Bernardi und mehrere neue Klostertrakte wurden gebaut. Zur Ausbildung des Ordensnachwuchses konnte eine eigene philosophisch-theologische Hauslehranstalt eingerichtet werden.

Bildung, Kultur und Spiritualität. Bereits 1854 begann der erste Lehrbetrieb mit nur sieben Schülern, neben dem Gymnasium wurde bald eine Realschule eingerichtet, die später in eine Handelsschule umgewandelt wurde. 1921 kam eine Landwirtschaftliche Fachschule hinzu. Dem Aufbau der Bibliothek wurde großes Augenmerk gewidmet, sie zählt heute über 130.000 Bände. Die künstlerische Ausstattung der Räumlichkeiten und Kapellen sowie der im 19. Jahrhundert erfolgte Ausbau der Anlage zu einem zisterziensischen „Musterkloster“ machen ebenso wie die Pflege des Choralgesanges und der Kirchenmusik in Chorgebet und Liturgie die Abtei Mehrerau bis heute zu einem kulturellen Zentrum des Landes.

Rückschläge. Anfang der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erlebte das Kloster Mehrerau seine Hochblüte. Über 120 Mitglieder zählte die Gemeinschaft, neben dem Gymnasium und anderen Schulen führte das Kloster das neu errichtete Sanatorium Mehrerau. Eine eigene Stiftspfarre sicherte die seelsorgliche Betreuung des wachsenden Ortsteiles Vorkloster. Doch dieses umfangreiche spirituelle und geistige Leben fand mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland ein jähes Ende. Nach zahlreichen Eingriffen in das klösterliche Leben wurde das Kloster 1941 von den nationalsozialistischen Machthabern schließlich aufgehoben, die Patres erhielten Gauverbot.

Kloster MehrerauWiederaufbau. Nach Kriegsende kehrten die Mitglieder des Ordens aus Kriegsdienst, Gefangenschaft oder Exil nach und nach ins Kloster zurück, das klösterliche Leben kam wieder in Gang. Der Schulbetrieb konnte wieder aufgenommen werden, in den Konzilsjahren wurde die Klosterkirche neu gestaltet. Der Konvent erreichte zwar nicht mehr die Größe, die er vor dem Zweiten Weltkrieg gehabt hatte, konnte jedoch durch seine bestimmte monastische Spiritualität und Tradition seinen Platz in der kirchlichen Landschaft Vorarlbergs behaupten.

NACHGEDACHT

Monastische Tradition seit 1400 Jahren

Bregenz bildete seit dem frühen Mittelalter das Zentrum und den Ausgangspunkt der Christianisierung Vorarlbergs. Die Ankunft der iroschottischen Wandermönche Kolumban und Gallus im Jahr 610 markiert den Beginn der christlichen Mission in Vorarlberg. Diese erste klösterliche Ansiedlung in Bregenz hatte zwar nur kurzen Bestand, besaß jedoch nachhaltigen Einfluss auf die religiöse Entwicklung des Bodenseeraumes. Die Gründung des Klosters Petershausen im Jahr 983 durch den heiligen Bischof Gebhard von Konstanz bildete die Brücke zur 1080 durch Graf Ulrich X. von Bregenz erfolgten Stiftung eines Klosters in Andelsbuch, wo der fromme Einsiedler Diedo kurz zuvor gestorben war.

Wenig später siedelte sich diese Mönchsgemeinschaft in der Gegend von Bregenz an – in der Au am See. Durch Förderer und Stifter konnte das Kloster eine solide materielle Basis erwirtschaften und so den Stürmen der Zeiten trotzen. Im 17. Jahrhundert nahm auch das kulturelle und wissenschaftliche Leben des Klosters einen Aufschwung. 1732 – 1740 erfolgte der Bau der neuen Klosterkirche durch den Bregenzerwälder Barockbaumeister Ferdinand Beer, schließlich wurde Ende des 18. Jahrhunderts noch das Konventgebäude erneuert. Das Ende dieser Blüte kam schließlich 1804 mit der Aufhebung des Klosters durch die Bayerische Regierung. Die Mönche wurden teils Professoren in Feldkirch, teils gingen sie in die Pfarrseelsorge. 

Mit dem Abbruch der Klosterkirche 1808 schien das Ende des klösterlichen Lebens in der Mehrerau endgültig besiegelt – bis 1854 der vertriebene Konvent von Wettingen in der Schweiz einen Neuanfang wagte. Im Jahr 2010 wird dieser 1400 Jahre währenden klösterlich-kulturellen Tradition am Vorarlberger Bodenseeufer in Bregenz wohl mit einem Jubiläum gedacht.

(aus dem Kirchenblatt Nr. 13/2009)