Dr. Walter Buder - seit Ostermontag, dem 13. April 2009, mit dem Fahrrad unterwegs von Wien nach Jerusalem - berichtet direkt von der Pilgerfahrt über seine ersten sieben Tage Radtour ins Epizentrum der Christenheit.

Friedensfahrt mit BusDie sechswöchige Friedensradfahrt hat am Ostersonntag (13.4.) auf dem Wiener Rathausplatz ihren Anfang genommen. Mit von der Pilger-Partie sind auch zwei Mitarbeiter von Missio Wien, Zäzillia Mayr und Hans Gattringer. Bei strahlendem Wetter wurden dem „Ideengeber” des Projektes Werner Ertel von Dr. Anas Shak-Feh ein Koran und vom rumänisch-orthodoxen Bischofsvikar Dr. Nicola Durae in seiner Eigenschaft als Vetreter des Ökumenischen Rates der Kirchen Österreichs (ORKO) eine Bibel überreicht. Der Plan, dass von der jüdischen Gemeinde in Wien auch eine TORA mit auf den Weg nach Jerusalem „geschickt” wird, ist auf Grund des Pessachfestes leider nicht Wirklichkeit geworden. 

Den ersten friedlich-verbindenden Zwischenhalt der rund 3.500 Kilometer langen Radfahrt von Wien nach Jerusalem gab es auf Einladung der Gemeinde Purbach am Neusiedlersee, wo Hunger und Durst der Friedensradler direkt am Weg gestillt wurden. Bei sehr freundlichen Temperaturen war das Leithagebirge in Richtung Sopron (ehem. Ödenburg)  zu überqueren. Diese  Anfangsanforderungen waren  - nicht nur in körperlicher Hinsicht – durchaus als Vorahnung auf kommende geographische und symbolisch-themenbezogene Höhen und Tiefen der Friedensradfahrt nach Jerusalem zu sehen. Die europäische Dimension wurde bei der Grenzüberfahrt nach Ungarn bewusst, wo eine landschafts-künstlerische Installation und ein Marmordenkmal zweier offener Türflügel auf die alte und die jüngste Geschichte Europas hinweist. Im Internat des evangelischen Gymnasiums in Sopron trafen die Friedensradler/innen auf den herben Charme des ehemaligen Ostblocks, der sie durch Ungarn begleitete bis zur südwestlichsten Spitze des Balaton bei Keszthely/Gyenesdias (2. Etappenziel), wo sich die Segnungen der touristischen Infrastruktur – die das Pilgerdasein der Friedensradfahrer/innen sehr wohl erleichtern und dankend angenommen werden - langsam auf den frühsommerlichen Ansturm vorbereiteten.

Die wunderbaren Landschaften um den Balaton (Plattensee) in der strahlenden Frische der Morgensonne auf dem Fahrrad zu genießen gehört bis dato zu den schönsten Erfahrungen, wenn auch die Mühen der Etappen von täglichen rund 110 km nicht verschwiegen werden dürfen. Durch die südliche Tiefebene mit ihren horizontbestimmten Weiten geht es für die dritte Nacht nach Szigetvar, in der Nähe von Pecs, wo sich die Frühstückspension eines waschechten Bayern für die dritte Nacht anbietet. Hier treffen wir auf Melinda Koeszegi und ihren Mann Tamas von „BOKOR” (ungar. für „Busch” im Sinne von Dornbusch). Bokor war jene Christengemeinschaft um P. Bulyani, die den Wehrdienstverweigerern des ungarischen Kommunismus Schutz und Unterstützung bot. Frau Koeszegi lebt mit ihrer siebenköpfigen Familie heute in einer gänzlich ökumenischen Gemeinschaft als Zeugnis für die lebendige Wirklichkeit Gottes in der Gesellschaft und für eine Kirche lebendiger pfarrlicher Gemeinden. Die Zeiten sind für ungarische Christen um nichts weniger leichter als für uns, wenn auch gesellschaftliche Bedingungen und kirchliche Institutionen durchaus verschieden akzentuiert sind. 
 
Friedensfahrt - Rad tragenFür jede Pilgerfahrt sind Grenzen ein Thema. Wieviele es zwischen Wien und Jerusalem sein mögen, ließe sich zur Not nachzählen. Wieviele es aber zwischen Mensch und Mensch, zwischen Nachbar und Nachbar, ja zwischen Freunden, Verwandten und Bekannten gibt – das lässt sich nur erfahren und wer pilgert, weiß davon zu erzählen. Im kroatischen Osijek besuchen uns Vlatka Kuic und Igor Dordevic in der Pfarre der Franziskaner, wo man für uns Schlaf- und Essplätze vorbereitet hat. Die beiden jungen Menschen vom “Zentrum für Frieden, Gewaltlosigkeit und Menschenrechte” – eine NGO mit acht Vollzeitmitarbeitern/innen – wo man mit aller Kraft und bestechendem Ideenreichtum für Frieden und Versöhnung nach der schweren Kriegserfahrung arbeitet. Das ist eine diffizile und langwierige Arbeit, ein Job, der Ausdauer und tiefes Verständnis erfordert. Mit der Kirche in Kroatien haben die Peace-Builder hier wenig Freude, obwohl sie sie durchaus respektieren. Es gibt kein verbindliches Wort der Bischöfe, das die Gläubigen ausdrücklich für den Versöhnungseinsatz motivieren oder eben: orientieren könnte.

Von Osijek sind es rund 90 km bis nach Novi Sad (ehem. Neusatz) an der Donau. Eine schöne, alte Stadt in der P. Karol Harmatch ein franziskanisches Zentrum managt. Hilfsprojekte für Kinder, soziale Pastoral und gastfreundliche Räumlichkeiten halten den Geist des Franziskus lebendig. Gegen Krieg und Zerstörung arbeiten in Novi Sad auch Anna Bu von der EHO (Ecumenical Humanitarian Organisation) und ihre Helfer/innen in Sozial- und Versöhnungsprojekten vielfältiger Art, wobei Kinder und Roma ganz besondere Aufmerksamkeit finden. Es geht um Lebensqualität einerseits und die Aktivierung der Ressource „Menschlichkeit” andererseits, was hier mit Unterstützung von evangelischen und reformierten Kirchen Serbiens und besonders der Vojvodina (sowie auch aus Österreich, der Schweiz und Norwegens u.a..m) geleistet wird. Ganz klar ist das religiöse, das christliche Moment in dieser Weise des Engagements im Vordergrund.
Ein gutes Stück der Donau entlang, auf schmalen, stark befahrenen Wegen und Straßen führt der Weg nach Belgrad, der serbischen Metropole am Zusammenfluss von Save und Donau. Das pulsierende Leben schaltet nicht besonders viel, aber doch einen Gang zurück, wenn die Orthodoxie ihr Osterfest begeht. Unser in Wien begonnener Emmausgang (-fahrt) erreicht am 7. Tag sein erstes, bedeutsames Zwischenziel. Während in der kalten und im Bau befindlichen Kathedrale des Hl. Sava die mächtigen, feierlichen und weithin tragenden Gesänge in die Nacht hinaus tönen, klingen in mir noch die Worte aus dem Gespräch mit Helena Rill vom serbischen Zentrum für gewaltlose Aktion nach: Zu selbstbezogen und zu wenig klar und deutlich – findet sie – nehmen die Kirchen ihres Landes den politischen Auftrag zur Arbeit für das Gemeinwesen in Sachen Frieden und Versöhnung.Friedensfahrt_mit Hund

Durch Serbien und Bulgarien fahren wir tagtäglich ein Stück weiter nach Jerusalem, in die Richtung wenigstens. Das morgendliche Gebet trägt ein Stück, bis dann die „Tretarbeit” beginnt und Muskelkraft den spirituellen Schwung ersetzt. Die vergangenen sechs Tage der Pilgerarbeit haben unser Ziel gefestigt und auch ein wenig genauer bestimmt. Was den Einzelnen auf diese Weise gegeben wird, kann sich bald als Aufgabe erweisen, der sich jeder der Friedensradler/innen auf je seine Weise bewusst ist und der er sich zu stellen weiß, wird wohl die kommenden 10 Tage bis nach Istanbul bestimmen.  Kilometer um Kilometer, Gespräch um Gespräch und Begegnung für Begegnung werden uns Menschen und Landschaften entgegenkommen, wie eine kleine Prüfung, die dich weiter bringt und auch froh macht. 

Etwas ist schon deutlich geworden: Es ist nicht weit von  „Auf Wiedersehen in Wien” bis zu „Dovidjenja Beograd” und wie weit es ist bis „Merhaba Istanbul” wird sich herausstellen. Unterwegs nach Emmaus ist vieles möglich.