Sr. Emma Maria Luger (auf dem Bild li) und Sr. Anna Pia Böhler gehören dem Orden der Barmherzigen Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul an. Seit 30 bzw. 40 Jahren prägen sie das Leben im Bregenzer Marienheim und mit ihm ein Stück Vorarlberger Sozial- und Kirchengeschichte. Jetzt wird das Marienheim geschlossen.

Bericht von Arno Rebenklauber

Marienheim Bregenz28 Jahre lang fuhr oder ging ich fast täglich auf meinem Weg zur oder von der Arbeit daran vorbei. Bis vor nicht allzu langer Zeit warf ich schon fast automatisch einen Blick Richtung Pforte, wo eine Schwester zu früher Stunde in der Tageszeitung blätterte - so ganz weltfremd konnte sie also wohl nicht sein.

War ich früher dran, dann begegneten mir zwei ältere Schwestern auf der Straße. Das ‘Grüß Gott’ am Morgen (oder ein Zunicken aus dem Auto) wurde für mich bald einmal zum angenehmen Ritual, einen Tag gut zu beginnen. Manchmal war eine eifrig im Garten tätig. Ihre Aufmerksamkeit galt den Blumen und der Haue, mit der sie den Boden bearbeitete - das zählte: Den Boden aufbereiten, dort wo es notwendig wurde, damit Neues enstehen konnte - ganz nach ihrem Leitspruch: „Caritas Christi urget nos“ - Christi Liebe drängt uns (2 Kor 5,14).

Das Marienheim in Bregenz (unübersehbar wenn man von der Römerstraße gegenüber dem Landhaus in die Weiherstraße abbiegt)  hat eine wechselvolle Geschichte. Die Oberin des Hauses, Sr. Emma Maria Luger, wüßte ‘seitenweise’ zu erzählen. Mir war eine 80-jährige Dame angekündigt worden. Als mir dann eine großgewachsene Frau gegenüberstand mit wachem Gesicht, in dem Tatkraft und Fröhlichkeit zu lesen waren, korrigierte ich sehr schnell meine Vorstellung.  Sr. Emma Maria, eine Bregenzerin, schaltet und waltet seit 30 Jahren im Marienheim.
10 Jahre länger ist Sr. Anna Pia Böhler aus Doren im Haus. Eine bescheiden, freundlich wirkende „Großmutter“, die sie für viele Heimbewohnerinnen irgendwie auch war. „I han nüt gleanad“ sagt sie spontan und ihre „Chefin“ korrigiert umgehend: „Aber sie kann alles.“ Vor allem ihre Kochkünste wurden bald entdeckt. Sr. Anna Pia erinnert sich an Zeiten nach dem Krieg, wo man oft nicht wusste, wie man die bis zu 70 Mädchen und Frauen satt kriegen sollte.

Eine kleine Bregenzer Sozialgeschichte ist mit dem Marienheim verknüpft. Am 1. Dezember 1905 konnten die ersten vier Mädchen einziehen. Die ledige aber vermögende Bregenzerin Agathe Fessler hatte die sozialen Nöte der Zeit erkannt und in der Gallusstraße das „Marienheim für entlassene Dienstmädchen“ gegründet. Diese Tat war ungewöhnlich, wie Agathe Fessler eine ungewöhnliche Frau war. Ihre christliche Einstellung stand fest.  Als sie die Tochter ihres durch den Tod seiner Frau in Not geratenen politischen Widersachers Samuel Spindler im „Marienheim“ aufnahm, lieferte sie den Tatbeweis.
Das Haus in der Gallusstraße wurde bald zu klein und so wurde am Platz des ehemaligen Gerberhauses (in der heutigen Gerberstrasse) ein neues Gebäude errichtet. 1910 fand die Einweihung statt. Anna Fessler war wichtig, dass das Marienheim von „Profis“ geführt wurde, weshalb sie es an die „Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul“ in Zams verkaufte.

Wohnraum für Frauen. Zu den in der ersten Zeit nach 1910 versorgten Mädchen und Frauen wurden während des 1. Weltkriegs vor allem aus der Schweiz abgeschobene Ausländerinnen aufgenommen, auch eine schwangere Trentinerin ist verzeichnet. Ihr Kind fand im Marienheim sein Zuhause. Im 2. Weltkrieg nähten die Mädchen - mit kriegsverpflichteten Frauen aus der Ukraine - Uniformen für die Wehrmacht. Zu Kriegsende war das Gebäude stark beschädigt worden. Die notwendige Reparatur verband Baurat Willi Braun mit einer großzügigen Erweiterung. Der geschwungene Zimmertrakt,1954 eingeweiht, deckte den hohen Bedarf an Wohnraum für Fabriksarbeiterinnen, Lehrmädchen (vor allem aus dem Bregenzerwald) und Mädchen aus der Steiermark und Kärnten, die in Vorarlberg arbeiteten.

Vom Wohnheim zur Schule. Zwanzig Jahre später hatten sich die Zeiten geändert. Das Haus war schwach belegt und man dachte an Verkauf. Sr. Emma Maria Luger - ausgebildete Pharmazeutin – war mit der Generaloberin auf Vistitation im Jesuheim in Lochau und hatte eine andere Idee: im Marienheim eine Altenpflegeschule einzurichten!“ 1945 war in Zams die erste Krankenpflegeschule Westösterreichs eingerichtet worden; 1949 hatten die ersten Diplomschwestern ihre Ausbildung abgeschlossen. Während Generaloberin Bernardina den Vorschlag schweigend zur Kenntnis nahm, entwickelte Sr. Emma in gedanklicher „Nachtschicht“ konkrete Pläne für einen Ausbildungsgang mit dem Schwerpunkt „Altenpflege“. Sogar die Dienstkleidung hatte sie schon im Kopf: in Gelb sollte sie gestaltet sein; die Mädchen sollten beim Betreten der Zimmer an die strahlende Sonne erinnern und auch so wirken. Am Morgen darauf stimmte die Generaloberin zu.

Die Altenpflegeschule. Dann ging es Schlag auf Schlag. Unterstützt vom Land Vorarlberg wurde das Haus adaptiert und mit den nötigen Einrichtungen und Geräten ausgestattet; vier diplomierte Ordensschwestern wurden als Lehrkräfte ausgebildet und im Frühjahr 1979 fand die Eröffnung statt. In den 15 Jahren des Bestehens wurden zehn Lehrgänge durchgeführt; von den jeweils ca. 300 Interessentinnen konnten immer nur 28 aufgenommen werden. „Bemerkenswert war die große Freude der jungen Leute, zu den alten Menschen zu gehen“, weiß Sr. Emma. Die gesetzlichen Veränderungen im Pflegewesen brachten allerdings auch das Ende der Altenpflegeschule im Marienheim mit sich.

Neue, notwendige Aufgabenfelder eröffnete die Situation in den 90er Jahren für das Haus: Jetzt bestand wieder Bedarf an Unterkünften für Mädchen und Frauen aus sozialen Randgruppen: Alkoholikerinnen, Drogensüchtige, psychisch Kranke, Vergewaltigte, aber auch Geschiedene. Alle 94 Betten waren rasch belegt. Viele der Frauen stammten aus dem damaligen Jugoslawien, also auch viele Muslimas. Sr. Emma, Sr. Hildegund und Sr. Anna Pia waren auch in diesem extrem schwierigen Umfeld erfolgreich tätig.

Abschied vom Marienheim. Die jetzt anstehende Schließung ist unausweichlich, erfolgt aber nicht wegen fehlenden Bedarfes. Sie ist erzwungen durch das fortgeschrittene Alter der beiden Schwestern und den fehlenden Nachwuchs. Das Haus verkaufen wollen die Schwestern nicht, denn - wer weiß? - vielleicht ändern sich die Zeiten, die gesellschaftlichen und/oder kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen und man hat wieder Eigenbedarf. „Vielleicht werden hier einmal Laien für bis jetzt nur Priestern vorbehaltene Dienste ausgebildet“ lässt Sr. Emma Maria ihrer Kreativität freien Lauf und ihr Leitspruch: „Christi Liebe drängt uns“ bestimmt ihr Denken und Handeln nach wie vor.

Menschgewordene Gottesgüte. Sr. Emma wird ebensowenig in Pension gehen wie Sr. Anna Pia. Beide kehren ins Mutterhaus nach Zams zurück und es wird dort Aufgaben für sie geben. Ob sie mit Wehmut geht? Nein! Mit einem verschmitzten Lächeln fügt sie an: „Da ist ja noch der da oben, auf den ich vertrauen kann.“ Auf dem Rückweg vom Gespräch - mitten am Zebrastreifen der L190 - begegnet mir noch einmal Sr. Anna Pia. Am liebsten hätte ich sie zum Abschied umarmt, aber das war mir dann doch zu gefährlich - der Verkehr war um diese Zeit relativ dicht und drängend.

Ein Leben lang haben die beiden Frauen ihr (geistliches) Leben im Sinne der drängenden Liebe Christi gelebt und ihre Tage so gestaltet, dass die Grundidee des Ordensgründers Vinzenz von Paul (1581-1660) wahr und wirklich geworden ist: „Das ist eure Sendung, Armen und Kranken menschgewordene Gottesgüte zu sein und Gottes Stelle an ihnen zu vertreten.“ Die beiden Schwestern aus dem Bregenzer Marienheim haben wohl genau verstanden, was damit gemeint ist. Ihr Zeichen wird weit tragen. 

(Artikel aus dem Kirchenblatt 28/2009 von Arno Rebenklauber)

www.mutterhaus-zams.at