Der Glaube hat Spuren hinterlassen. Eine Leseübung. Von Pfr. Paul Riedmann

Das weite Feld kirchlichen Lebens in Vorarlberg hat sich in den letzten vier Jahrzehnten zwischen den Brennpunkten "Bewahren" und "Erneuern" abgespielt. Das hat sich in den Pfarrgemeinden, in der Entwicklung der Jugend, des Ordenslebens wie auch der Glaubensverkündigung insgesamt deutlich gezeigt. Eine Spurenlese.

Die ‚alte' und die ‚neue' Kirche stehen in manchen Gemeinden versöhnt nebeneinander: So sind sie Zeugnis für die Bewahrung des Guten aus der Tradition und für das Wagnis des Neuen. Ganz im Sinn des Wortes Jesu: "Neuer Wein gehört in neue Schläuche" (Mk 2,22). Die Gottesdienste sind ab der Mitte der 60-er Jahre menschlicher und nachvollziehbarer geworden: eine ermutigende Frucht des zweiten Vatikanischen Konzils im Leben unserer jungen Diözese. Lebend aus den uralten Quellen des Wortes Gottes ist die Feier der Sakramente berührender geworden. Und ist nicht auch die Sehnsucht nach dem Mystischen wiedergekehrt?  Meditative Elemente im Gemeindeleben und die gute, vielgestaltige Kirchenmusik tragen zur Verbindung vom Gut des Althergebrachten mit den heutigen Zugängen zum Unsagbaren - dem Geheimnis unseres Glaubens - bei.

Wandlung ist ein Hauptwort für die Kirche. Die Katholische Jugend und Jungschar hat ihre Wandlungsprozesse durchlebt. Parallel zu gruppendynamisch orientierten Prozessen in den 60-er und 70-er Jahren gab es das Suchen und Entdecken jugendgemäßer Formen der Spiritualität. Sichtbar geworden ist dies z. B. im "Hit" Jugendvesper in Götzis und in anderen attraktiven und mutigen Jugendgottesdiensten. Gemeinschaftspflege und der Dienst am persönlichen Wachsen der Kinder und Jugendlichen ist nach wie vor ein großes Anliegen von Jungschar- und Jugendgruppen. Dazu kommt das stete Engagement für Hilfesuchende und Bedrängte aller Art, in denen uns Jesus Christus in der einen Welt begegnet. Die Dreikönigsaktion, die
YoungCaritas, 72 Stunden ohne Kompromiss und das unspektakuläre soziale Engagement vieler junger Menschen tragen das "Feuer des Glaubens" ebenso weiter, wie zahlreiche Jugendchöre.

Die Kirchenleitung unter unseren drei Diözesanbischöfen sah sich mit den Erfordernissen unserer Zeit konfrontiert. Da gab es dialogisches Geschehen und Strukturprozesse, Basisbefragungen und Basisbewegungen. Der "Dialog für Österreich", der ein versöhntes Miteinander suchte, ist leider Gottes nicht weitergeführt worden. War es Mangel an Mut? Wurde da nicht dem alles erneuernden Geist Gottes ein Zugang wieder verschlossen? Auch die Seelsorge in den Pfarren steht je neu vor der Frage: Wie können wir das Gute der Tradition hinüberführen in eine lebenswerte Zukunft? Stellen wir uns "glaubend in den Wandel"? Oder bestimmen pragmatische Erwägungen unser Denken und Tun?
 
Die Ordensgemeinschaften im Land haben sich auf die Kernaufgaben ihrer Gründer/innen besonnen und manches losgelassen, sich den Herausforderungen der heutigen Zeit gestellt. Auch kontemplative Gemeinschaften stellten sich dem Wandel und öffneten sich für Menschen, die in der Stille Sinn und Neuausrichtung suchen. Durch Exerzitienangebote, Geistliche Begleitung und andere Projekte wirken sie im Sinne der Frohen Botschaft. In kreativer Vielfalt und ihrer Berufung entsprechend vermitteln sie heute den Glauben.

Der Glaubensentfaltung für den Alltag dienen in unseren Pfarrgemeinden zahlreiche kleinere und größere Gruppen und Gemeinschaften, die sich um das Wort Gottes scharen. Heute sind hier Konzepte wie "Alphakurse" und "Wege erwachsenen Glaubens" für viele hilfreich. Gerade geistliche Bewegungen waren und sind in besonderer Weise für die Glaubens- und Lebensschulung vieler Menschen unter uns tätig: Fokolare-Bewegung, Legio Mariä, Cursillios, Charismatische Erneuerung und die Bewegung für eine bessere Welt. Sie alle bieten geistlich Raum und Heimat, bilden spirituelle Orte und eröffnen uns Quellen, aus denen göttliches Leben strömt (Joh. 4,14).

Eine bewusste Lebensentscheidung für Jesus Christus, die Ermutigung, unser Leben aus dem Geist Christi zu gestalten und die Einheit unter den Christen zu leben (Joh. 17,21) sind die zentralen Anliegen geistlicher Erneuerung. Wertvolle ökumenische Bemühungen und Initiativen vor Ort sind entstanden und dienen diesen Anliegen. Interreligiöser Dialog ist Herausforderung der Zeit.
Genau an dieser Stelle ist Erinnerungsarbeit gläubiger Menschen unverzichtbar. Geschichtsaufarbeitung und Versöhnung der Kirchen, aber auch Vorgänge wie die NS-Bewältigung, sind notwendig. Johannes Paul II. hat sie als "Reinigung der Erinnerungen" bezeichnet und diesen geistlichen Prozess selbst begonnen - mit dem Ziel, das versöhnte Miteinander in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erschließen.

Immer aber und zu jeder Zeit geht es um Einheit in der Vielfalt - in der Freiheit der Kinder Gottes. Es geht um die Weitergabe von Glut, nicht um das Hüten der Asche. Das Wort Gottes selbst mahnt und ermutigt jede und jeden von uns in zweifacher Weise:  "Löscht den Geist nicht aus!"  (Thess 5,19) - und: "In Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst." (Phil 2,3).


Dieser Beitrag in der Jubiläumnummer des Vorarlberger KirchenBlattes (Nr. 49 vom 8. Dezember 2008) erschienen.

Zum Autor:

Pfr. Paul Riedmann, 1972-1982 Kaplan und JS-Seelsorger, 1982-2006 Pfarrer in Tisis, seit 1996 Geistlicher Assistent in der Charismatischen Erneuerung, seit 2006 zweiter Seelsorger in Dornbirn-Oberdorf