Für den Weg des Herzens. Von Mag. Elmar Simma, Caritasseelsorger

In meinen Gedanken gehe ich weit zurück. Nach den Kriegsjahren habe ich zum ersten Mal von der Caritas, der Hilfsorganisation der Kirche, gehört und erlebt. Ein Leiterwagen kam ins Dorf und sammelte Kartoffeln, Obst, Gemüse für die Bedürftige. Das erste Bild von Caritas. Später dann während des Theologiestudiums besuchte ich selbst Leute, die in ärmsten Verhältnissen lebten oder ich besuchte die Kranken, in der Innsbrucker Klinik. Noch ein Bild von Caritas: Christlicher Glaube führt immer zum Bedürftigen, zum leidenden Menschen. Dann war ich Kaplan und Jugendseelsorger. Ich erlebte hautnah, wie sehr die Jungen jemand brauchten, der sie in ihren Problemen Ernst nahm und sie unterstützte. Ein drittes Bild für Caritas: Die sozial-menschliche Dimension im Glauben und der Religion.

Und dann kam es zur Errichtung unserer Diözese. Der Schwung des Konzils wirkte. Wir lebten in einer hoffnungsvollen Aufbruchsstimmung. Die "offenen Fenster" in der Kirche und die Veränderungen machten vielen Angst. Dazu kamen emanzipatorische Entwicklungen im Kirchenvolk und der zunehmende Priestermangel. Die Pastoral- und Personalpläne dieser Zeit suchten die seelsorgliche Betreuung der Pfarren sicherzustellen. Ich habe oft den Eindruck, dass wir heute nicht viel weiter sind.

Zweierlei macht mich besorgt: Aus meinen Erfahrungen weiß  ich, wie wichtig und unersetzlich die Funktion eines Pfarrers ist als spiritueller Leiter, als Letztverantwortlicher, als einer, der verlässlich da ist und die Menschen seiner Gemeinde in guten und schweren Tagen begleitet, ihnen nachgeht und Zeit für sie hat. Leider ist das immer seltener der Fall. Und zweitens: Ein Ungleichgewicht zwischen Liturgie/Verkündigung einerseits und der Caritas/Diakonie andererseits.

Es ist gut, dass es vielfältige, gute Seelsorge in allen Lebensbreichen gibt. Es ist uns auch klar, dass eine Gemeinde ohne sonntäglichen Gottesdienst auf die Dauer ‚verdunstet'. Aber der Gedanke, dass eine Gemeinde auch ohne Diakonie nicht lebenfähig ist, ist nur schwach vorhanden. Auf den Punkt gebracht: Es ist undenkbar, die Sonntagmesse ausfallen zu lassen. Aber keine Pfarrcaritas zu haben, ist für viele Christen kein Problem. Ein kurzer Blick nur auf das Beispiel Jesu gibt uns zu verstehen: Abendmahl und Fußwaschung (als Zeichen des Dienens, der Diakonie) gehören untrennbar zusammen. Paul Zulehner hat für das Zueinander von Liturgie und Diakonie treffend so formuliert: Wer in Gott eintaucht, taucht neben einem Armen auf.

kreuz+fahrradDie Entfaltung der diözesanen Caritas nahm 44 Jahre vor der Diözesanerhebung, nämlich 1924 - von Prälat Dr. Josef Gorbach initiiert - ihren Anfang. Ihre Geschichte steht bist heute dafür, dass die Liebe zu Gott nicht am Nächsten vorbeigehen kann. Am Anfang gab es die "Trinkerfürsorge", Kinder- und später Seniorenerholungen, Sonntagsdienste in den Krankenhäusern, die Bahnhofsmission, die Soforthilfe - finanziell und materiell für in Not geratene Menschen.
1968 anlässlich der Diözesanerhebung wurde in der Feldkircher Vorstadt eine Teestube für Obdachlose eröffnet. Diese Entwicklungsgeschichte zeigt deutlich: Der primäre Ort für die Caritas ist und bleibt das Leben selbst und das Leben der Kirche spielt sich in der Pfarrgemeinde ab.

Heute ist die Kirche in Gestalt der organisierten Caritas vielfältig tätig: Für die Pfarrgemeinden, für Menschen mit Behinderungen (im Bezirk Bludenz), für Suchtkranke und ihre Angehörigen, für Familien, für Menschen in akuten Notlagen, für Senioren, für Arbeitslose und Wohnungslose, für Asylwerber, für Kranke, Sterbende und Trauernde, für die Jugendlichen (young Caritas), für Menschen in anderen Ländern bei Katastrophen, in Auslandsprojekten u.s.w. - Bei allem ist es wichtig, die Verbindung zur Gesamtpastoral zu sehen und zu pflegen, zumal Mystik und Politik, Aktion und Kontemplation, Spiritualität und Solidarität untrennbar zusammen gehören.

Ich komme auf den "Lebensnerv Caritas" zurück. Wir stellen unsere Arbeit zur Zeit unter das Motto "Folge deinem Herzen". Damit angefangen hat Gott selbst, der ein Herz hat für uns Menschen hat, der gar nicht anders kann, als uns zu lieben, der ein mit-leidender und barmherziger Gott ist. Wir können als Gemeinde Jesu nur lebendig, überzeugend und einladend sein, wenn wir
nach seinem Beispiel einander lieben und dienen.

Der Beitrag ist in der Jubiläumsausgabe des Vorarlberger KirchenBlattes (Nr. 49 vom 8. Dez. 2008) erschienen.