Das Leben bringt Fragen, der Religionsunterricht die Antworten

Kommen Sie einfach mit! - Die Schule steht inmitten einer Stadt in Vorarlberg, sie ist neu renoviert und gehört zu den größeren Schulen des Landes. Wir betreten das Schulgebäude und gehen durch den Pausenraum auf eine Klassentüre zu. Wir klopfen und öffnen die Tür der 1a. Es ist gerade Religionsunterricht. 24 Schüler/innen schauen uns etwas erstaunt an, die Lehrerin begrüßt uns freundlich. " Aufmerksam leben" steht auf der Tafel. Wohl das Thema der Stunde, klingt irgendwie eigenartig. Die Religionslehrerin fordert die jungen Leute auf, mit ihren Fragen weiter zu machen und da wird deutlich, dass sie mit Feuer und Flamme bei der Sache sind. Und zwar alle. Wir spüren, dass der Unterricht konsequent auf die Schüler/innen ausgerichtet ist und erkennen, dass sie ziemlich kirchenfern und religiös ganz unterschiedlich sozialisiert sind.

Zwischenruf: Glaubensvermittlung und religiöse Kompetenz

schuleHeutiger Religionsunterricht orientiert sich an den Fragen und der Lebenssituation der Schüler/innen und versucht, deren Lebenswelt im Blick zu haben. In den neuen Lehrplänen, den Lehrbüchern und den didaktischen Konzepten wird klar, dass der katholische Religionsunterricht weit stärker an religiöser Mündigkeit interessiert ist als an der oft vermuteten "missionarischen" Absicht. Diese Orientierung am Schüler - auch in einem konfessionellen Religionsunterricht - gehört zu den Grundlagen zeitgemäßer Religionspädagogik. Es ist ja nicht nur eine neutrale Wissensvermittlung zum Thema Religion angestrebt, sondern Lehrer/in und Schüler/in erarbeiten gemeinsam eine durchaus standpunktbezogene Erschließung der christlichen Religion. So müssen religiöse Kompetenz und Glaubensvermittlung in einem dynamischen, aber ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

Wir bedanken uns, gehen über den Flur in die 3.c Klasse, wo wir schon erwartet werden. Lautes Gemurmel empfängt uns. Wir sind gespannt, was die Ursache dafür ist. Im großen Klassenraum finden wir "nur" 12 Schüler/innen. Wir wirken offenbar ein wenig verwundert, denn der Lehrer klärt uns sofort auf: Die Klasse habe - wenn sie vollzählig ist - 22 Schüler/ innen, von denen vier 4 der islamischen Glaubensgemeinschaft angehören, zwei sind evangelische Christen, einer ist orthodox und drei sind "o.r.B.", also: ohne religiöses Bekenntnis. Für die heutige Religionsstunde hat die Klasse einen muslimischen Mitschüler eingeladen, ihnen die "Fünf Säulen des Islam" vorzustellen; Informationen aus erster Hand, sozusagen. 

Zwischenruf: Interreligiös - versöhnte Verschiedenheit

Schuelerinnen, schuleReligionsunterricht geschieht - besonders heutzutage - nicht im luftleeren Raum. Muslime, Protestanten, Orthodoxe, Evangelikale, Nichtgetaufte, ab und zu Buddhisten, bevölkern unsere Schulklassen. Diese Tatsache ist nicht nur ernst zu nehmen, sondern wirft für die (katholischen) Christen Fragen auf: Wie beeinflussen diese Religionsgemeinschaften unseren Glauben? Was bedeutet uns Jesus Christus, der in der Gesellschaft von Buddha oder Mohammed daher kommt? Führt religiöse Toleranz zu Gleichgültigkeit?  Jesus nachfolgen, der doch vor zweitausend Jahren gestorben ist? An einen Auferstandenen glauben, der gegenwärtig ist, ohne dass wir ihn sehen - und das im Zeitalter des Internets und der zahlreichen TV-Programme?
Sicher ist zweierlei: Christsein ist zu einer Herausforderung geworden und eine Gesellschaft, in der verschiedene Religionen vertreten sind, braucht das Wissen um die jeweils andere notwendig. Es geht um die Sprachfähigkeit in Fragen der Religion und des Glaubens und es braucht die Begegnung von Menschen, die ihre Religion leben. Im Grundauftrag der Schule, Toleranz zu lehren, kommt dem Fach Religion so sicher eine besondere Bedeutung zu.

Der Weg in die nächste Klasse führt uns vorbei an einem Raum, den die Schüler/innen "Oase" nennen. Neben der Eingangstür stehen etliche Paare Hausschuhe. Neugierig geworden, betreten wir ganz leise einen Meditationsraum. Im ehemaligen Klassenzimmer sitzen die Schüler/innen der 7.b im Kreis. In dessen Mitte liegt ein farbiges Tuch, eine Kerze brennt, leise Musik durchdringt den Raum. Die Religionslehrerin liest Verse aus dem Buch Kohelet.
Uns wird immer klarer, dass Religionsunterricht erstaunlich viele Facetten hat. Und diese hier, erklärt die Lehrer/in, gehöre in den Bereich der "Schulpastoral".


Zwischenruf: Schulpastoral und die Zukunft des Religionsunterrichtes

schule, kreuz aus buechernDas bedeutet im Wesentlichen, dass die Beiträge zur Gestaltung des Lebens an der Schule am christlichen Menschenbild und am Evangelium orientiert sind. Die Förderung von Kommunikation und Kooperation aller in der Schule Tätigen zählt auch dazu. Man achtet auf Spiritualität, schafft und gestaltet Freiräume für Begegnung und Besinnung. Schulpastorale Aktivitäten bereichern den Schulalltag in vielerlei Hinsicht. Das Spektrum reicht weit: Von der Gebetskultur bis zu thematischen Projekttagen, von der Schülerbeichte bis zum sozialen Einsatz, von der Bibelwerkstatt bis zu Orientierungstagen in Sachen Lebensstil, vom Schulgottesdienst bis zum Einsatz im Altenheim.
Im diesem Licht ist auch die Zukunft des Religionsunterrichtes zu erkennen. Er bürgt für einen Gewinn, einen Mehrwert, der durch das Engagement der Christen/innen im Lebensraum Schule entsteht: Liebesfähigkeit, Urteilsvermögen und kritisches Denken, Verantwortungsbewusstsein, der Mut, Grenzen auszuhalten gehören dazu. Der Religionsunterricht muss, so gesehen, entscheidende Lebensfragen wach und offen halten: Auf wen und auf was ist Verlass? Was brauchen Menschen wirklich zum Leben? Was macht Leben lebenswert?
Der Religionsunterricht ist bereit und in der Lage ‚Platzhalter' für diese Dimension des Lebens zu sein. Dadurch gewinnt die Schule jenen "Mehrwert", der letztlich in ihrer ureigensten Verantwortung liegt. Dass sie sich dieser ihrer Kompetenz nicht berauben lässt, sondern sie entfaltet, ist die Chance unserer Zeit. Dazu kann, soll und will der Religionsunterricht einen entscheidenden Beitrag leisten.

Zum Autor: Prof. Mag. Theodor Lang, Fachinspektor für röm. kath. Religion an AHS u. BMHS
Der Beitrag ist in der Jubiläumsnummer des Vorarlberger KirchenBlattes (Nr. 49 vm 8.12.2008) erschienen.