Sieben Tipps für kirchliche Raumausstatter. Von Prof. Dr. Matthias Sellmann, Bochum.

schoenerwohnen_caplinskiDie bekannte schwedische Möbelfirma wirbt mit dem Slogan "Wohnst Du noch oder lebst Du schon?" Auch Kirche könnte so fragen, denn auch sie stellt Räume zur Verfügung, um glaubend das Leben zu lernen.
Und um das zu schaffen: zu wohnen, um zu leben und zu leben, um zu glauben, muss man Raumausstatter werden. Darum also: Sieben Bemerkungen, was es als Kirche heute heißen könnte, der Jugend Raum zu geben.


1. Die Räume müssen klein sein
sell1skateboarderWir haben es heute in der Jugendarbeit mit einer Generation zu tun, die im zweiten Wertewandelsschub der Nachkriegszeit entsteht. Die Geburtsjahrgänge etwa ab 1980 reagieren mit ihren Werten und Routinen auf ganz andere Gesellschaftserfahrungen als die Nach-68er. Um es pointiert zu sagen: Magdeburg und Moskau sind ihnen Städte wie Hamburg oder Paris; sie kaufen bei Tchibo BHs, ohne sich zu wundern; man verabredet sich per SMS; körperliche Schönheit ist eine Angelegenheit der Chirurgie; Religion ist eine Gefahr. Die politischen und technischen Revolutionen der letzten beiden Jahrzehnte haben unsere Wirklichkeit so radikal verändert, dass man mit den überkommenen Werten der Post-68er wie Selbstverwirklichung, Authentizität oder Emanzipation oft nicht mehr weit kommt. - Etwa ab Mitte der 90er Jahre überwiegen die Zustimmung zu Anpassungs- und Leistungswerten die Zustimmung zu Selbstverwirklichungs- und Engagementwerten. Die große Frage lautet "Auf wen oder was wirke ich überhaupt durch mein Tun?" Die Jüngeren heute antizipieren keine große weite Welt, sondern sie suchen die kleine, die Nahwelt, deren Echo man noch hören kann. - Für die christliche Jugendarbeit ergibt sich aus diesen ersten Analysen eine wichtige und durchaus irritierende Weichenstellung: Christliche Raumausstatter sind selber Pragmatiker. Sie stellen Räume zur Verfügung, keine Hallen. Kann sich die christliche Jugendarbeit von einem solchen Nachfrageformat herausfordern lassen?

2. Die Räume müssen nah sein
sell2naheWenn es stimmt, dass die Jüngeren ihre Orientierungsmuster in der Nahwelt suchen, sollte auch der kirchlicherseits angebotene Entfaltungsraum in der Nähe liegen. Dies gilt geografisch wie biografisch. Geografisch bedeutet Nähe, dass das Angebot der Kirche weiß, in welchem Sozialraum es sich befindet. Man sollte als Anbieter social mapping betreiben, also wissen, wo man ist und genau diese Verortung als Standortvorteil inszenieren. Christliche Raumausstatter sind Lokalpatrioten. 
Aber auch in der biografischen Dimension gilt das Kriterium der Nähe. Christliche Jugendarbeit ist ganz nah dran an den Lebensthemen junger Leute, und sie gibt ihnen einen Ausdrucksraum und einen Deutungsrahmen. Die Lebensthemen junger Leute sind oft ganz alltäglich und unspektakulär - das ist es ja gerade, was "Nähe" meint: "Oh je, ich bekomme Pickel!"; "Hurra, Jasmin hat mir zurückgeschrieben." Christliche Raumausstatter sind Lebenskenner, geradezu Feinschmecker des Lebens. Um solche Lebensthemen auszukundschaften, gibt es die hilfreiche Methode der Lebensweltanalyse. Hiermit ist es möglich, sich näher und systematisch über die Adressaten der Jugendarbeit zu informieren.

3. Die Räume müssen frei sein.
freundschaft_nikkyDas Herz solcher Jugendarbeit ist die Aneignung. Soziale Räume entstehen aus der wechselseitigen Passung von Raum und Subjekt. Christliche Jugendarbeit bietet solche Räume an: Offene Treffs, Übungsräume für Bands, aber auch Freizeitlager oder Plätze in Klöstern. Ganz wörtlich, aber auch ganz inhaltlich, sind christliche Raumausstatter Experten für die Renovierung von Räumen. Das heißt zum einen, dass sie gerne bereit sind, immer wieder mit jungen Leuten in den Baumarkt zu fahren, um mit den Jüngeren ihre Raumvorstellungen zu realisieren. Es heißt aber auch im übertragenen Sinne, dass christliche Raumausstatter immer wieder das Konzept ihrer Räume ‚renovieren'; ihr Ziel ist es ja, freie Räume anzubieten, die sich gerade von kommerziellen Räumen unterscheiden. Christliche Jugendarbeit kann und will sich hier vom Konzept her freier bewegen. Ihr geht es um die spontane Lebensäußerung junger Leute, um deren Persönlichkeitsausdruck und um ihr kreatives, subversives Potenzial.

4. Die Räume müssen fromm sein
taize_aachenAn dieser Stelle gilt es jedoch sofort auch wieder einzuhalten: Im Gegensatz zu dem in der Jugendarbeit üblichen Pathos von der vorgeblich "absichtslosen Arbeit" möchte ich ein Plädoyer für ein klares Anbieterprofil abliefern. Ich weiß, dass das gefährlich ist, denn es klingt wie ein schnöder Wiederbelebungsversuch der alten Rekrutierungspastoral, deren erklärtes Ziel einfach nur die Mitgliedergewinnung für die Kirche der Zukunft war. Trotzdem möchte ich zwei Akzente zu bedenken geben:

  • Jesus begegnenErstens ist es völlig ausgemacht, dass die Kirche junge Mitglieder braucht. Beide Kirchen, evangelisch wie katholisch, sind von ihrer Mitgliederstruktur völlig überaltert, und dies steht in krassem Gegensatz zu ihrer angeblich immer frischen und vitalen Botschaft. Ich weiß daher nicht, was sofort dagegen sprechen soll, ganz transparent zu kommunizieren, dass man Nachwuchs sucht und um diesen wirbt.
  • Dies führt zum zweiten Akzent. Alle gesellschaftlichen Agenturen positionieren sich den Jungen gegenüber mit einem klaren Schema von Angebot, Preis und Erwartung. Dies führt ja gerade wjt_kerzengebetzu dem für die Jüngeren stark verregelten öffentlichen Raum. Trotzdem kann das Fazit nicht sein, einfach nur Räume in die Gegend zu stellen, mit denen man dann machen kann, was gerade so anliegt.
    Es gibt Hinweise in Jugendstudien, dass junge Leute sogar irritiert sind, wenn die Kirchen sich so unprofiliert, ja so kostenlos verkaufen. Dies wird dann gerade nicht als Stärke kirchlicher Räume gesehen, sondern als Fehlen von Selbstbewusstsein und von kultureller Stärke interpretiert.
    freundinnen_nikkyEin ausgewählter Teil der jungen Generation kommt aber gerade nicht zu kirchlichen Angeboten, weil man den hier dauernd offen gehaltenen open space als unattraktiv und führungslos empfindet. Christliche Raumausstatter sollten jedenfalls auch Missionare,
    "burning persons" sein: Leute, die ihr Christsein sprach- und kulturfähig machen können, und die neugierig darauf sind, welche Geschichte Gott gerade mit dem schreibt, dem man gegenübersitzt.

5. Die Räume müssen schön sein
Alle Wege führen zu einem AnfangEine der zentralen Einsichten der Jugendforschung muss nun genannt werden: Die kulturelle Aneignung junger Menschen findet heute mehr und mehr im Modus des Bildes und immer weniger im Modus des Textes statt. Wir leben im 'iconic turn'. Soll heißen: Es kommt immer stärker darauf an, in welcher Ästhetik und mit welchem Image sich etwas kulturell darstellt. Im besonderen gilt diese Umstellung von Diskurs auf Symbol für religiöse Kommunikation: Mehr und mehr beachten junge Leute das expressive Potenzial des Religiösen für den Ausdruck ihrer Lebensthemen. Junge Leute suchen Religion heute nicht primär wegen ihres kognitiven oder lebensorientierenden Potenzials, sondern wegen ihrer symbolischen Präsenz. Kirche soll wirken, und zwar über Symbole, Rituale, Liturgien und mediale Präsenzen. Christliche Raumausstatter sind Augenmenschen. Sie schaffen es, Atmosphären des Schönen herzustellen, in denen Symbole zu sprechen beginnen, in denen Mystik greifbar wird und das Unsagbare sich ausdrückt.
 
6. Die Räume müssen familiär sein
geselligkeitGemäß der aej-Studie1 hat evangelische Verbandsarbeit vor allem ein Erfolgsgeheimnis: es werden gut funktionierende Gruppen angeboten, in denen man eine Gelegenheit erhält, mit seinen Freunden eine schöne Zeit zu verbringen. Auch die Shellstudie2 weist für das Wertebündel "private Harmonie" einen Riesenwert auf, der nah am überhaupt erreichbaren Optimum liegt. Junge Leute wollen im privaten Rahmen friedlich zusammenleben. Sie nutzen kirchliche Gelegenheitsstrukturen nicht wegen der Themen, der Aktivitäten oder der Betreuer, sondern weil sie Gleichaltrigengeselligkeit erleben wollen. Es wäre fahrlässig und unverständlich, diesem Erfolgsgeheimnis nicht nachzukommen. Christliche Raumausstatter sind Wellness-Anbieter - sie ermöglichen Spaß und Harmonie und dies niedrigschwellig und zugänglich. Hiergegen braucht sich kein Protest erheben, solange gewahrt bleibt, dass christliche Jugendarbeit nicht im Ganzen privatisiert.

7. Räume müssen echt sein
dannseitihrwohldiefroemmstenAls siebtes Kennzeichen möchte ich die Echtheit des Raumes betonen. Es geht in der christlichen Jugendarbeit nicht einfach nur darum, sich auf das Leben und den Glauben vorzubereiten; oder alles Mögliche zu lernen; oder so zu tun, als ob man was zu sagen und zu tun hätte. Die hier gebotenen Räume sind weder Spielwiesen noch Wartesäle.
Hier ereignet sich das Leben selbst. Jungen Leuten wird zugetraut, etwas zu bewirken, und dies nicht nur für sich, sondern auch für andere, denen es schlecht geht. Christliche Raumausstatter handeln in Echtzeit - sie nehmen die Begegnung mit den Jüngeren in sich ernst und sehen darin nicht nur ein Werkzeug oder ein Instrument für irgendein übergeordnetes Ziel.

Zusammenschau - Christliche Raumausstatter sind alles Mögliche: Lokalpatrioten, Lebensfeinschmecker; Renovierungsprofis; burning persons; Stimmungsmacher; Designer; Wellness-Anbieter und Echtzeitler. Eines aber sind sie nicht: Langweiler, Sauertöpfer, Eigenbrötler oder Miesmacher. Darum brauchen wir sie so dringend.

 

Amerkungen:
(1) Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland. Gibt regelmäßig die aej-information, den aej-jahresbericht, die aej-studien und aej-materialien heraus.  ? D-30159 Hannover, Otto-Brenner-Straße 9.-  T +49 (0)511 1215-0  - Email:  info@evangelische-jugend.de  -  http:// www.evangelische-jugend.de
(2)  Die 15. SHELL Jugendstudie ist 2006 erschienen. - http://www.shell.de/jugendstudie

Zum Autor:
Dr. Matthias Sellmann ist Soziologe, Theologe und "Erfinder" der Sinusmilieustudie. Er ist verheiratet und hat 3 Kinder. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Praktische Theologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität  Bochum.

Der Beitrag ist in der Jubiläumsnummer des Vorarlberger KirchenBlattes (Nr. 49 vom 8. Dezember 2008) erschienen.