Der Grazer Bildungswissenschafter Univ. Prof. Dr. Rudolf Egger sprach beim Empfang der Vorarlberger Landesregierung für die Erwachsenenbildung am 17. Oktober 2019 zu den Folgen der vielbesprochenen Digitalisierung für die Erwachsenenbildung. Seine These: auch wenn sich die Formate und Leitmedien der Gesellschaft verändern, ändern sich die Anforderung an die Lernprozesse wenig. Insbesondere im Hinblick auf den ländlichen Raum plädiert er dafür, Räume für Bildungsprozesse von Jugendlichen und Erwachsenen zu schaffen.

Einmal im Jahr lädt die Vorarlberger Landesregierung die Organisationen der Erwachsenenbildung zu einem Empfang ein. Landesrätin Dr. Barbara Schöbi-Fink nutzte die Gelegenheit zu einem Dank. "Die ARGE Erwachsenenbildung trifft sich jährlich zur Austausch und zur eigenen Weiterbildung. Ein flächendeckendes, breit gefächertes und zugleich hochwertiges Angebot an die Bildungswilligen ist ihr Ziel, das sie im höchsten Maße erfüllen. Herzlichen Dank!" so die Landesrätin.

Arbeit an und mit Werten

Bildungsanbieter stehen in Zeiten von YouTube, Facebook, WhatsApp oder MOOCs vor vielen neuen Herausforderungen. Das Internet ist heute dabei lebensweltlich gesehen das neue Leitmedium. Wer würde noch ein Hotel buchen, das kein WLAN anbietet? Wer verzichtet auf Suchmaschinen oder Streamingdienste im Alltag?
Reicht es aus, wenn wir nur genügend Materialien, Lernressourcen über das im Internet verfügbar machen? Hilft uns diese Netzwelt tatsächlich, dass wir kompetentere Handelnde und InterpretInnen unserer Welt werden? Oder machen die Fülle und Organisationsstruktur von Gruppen im Netz es nicht schwer, ein übergreifendes „Wissen von der Welt“ zu erarbeiten?'
Viele Studien zeigten, dass sich das Lernen, die genaue Aneignung von Welt, gegenwärtig zwar in den Lernformaten, aber kaum in den Prozessen geändert hat, betont Prof. Dr. Egger in seinem Referat. Es gehe in diesen Prozessen immer um Werte. Es gehe auch heute darum, Voraussetzungen dafür zu schaffen, die riesigen Informationsmengen in lebensnahe Lernprozesse zu überführen.  Damit dies geschehen könne, brauche es weiterhin seriöse Bildungsinstitutionen.

Zukunft gestalten

Die Welt werde nicht besser, solidarischer oder gerechter durch das Internet. All die neuen Medien, so sehr sie uns unseren Alltag oft auch erleichtern, könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir etwas dafür einsetzen müssen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie wir es gerne hätten. Dazu braucht es für Egger gezielte Maßnahmen, damit wir gemeinsam lernend einen Weg in die Zukunft finden. Aufgabe der Politik auf Bundes, Landes, aber auch Gemeinde-Ebene sei es, für die unterschiedlichen Altersgruppen offene Räume zu schaffen, die zu Lernräumen für diese Herausforderungen werden können.

Bildung ist mehr als Schule und Universität

In seinen Dankesworten an das Land Vorarlberg blickte der Vorsitzende, Hans Rapp (KBW Vorarlberg) auf seine beiden Funktionsperionden zurück und hob drei Punkte hervor, die ihm wichtig geworden waren: Erstens betont er, dass die Diskussion über Bildung in Vorarlberg, aber auch in Österreich, immer auf die Schul-Bildung reduziert werde. Das sei im Hinblick auf die Herausforderungen, die sich in einer dynamischen Gesellschaft stellten, verhängnisvoll. Lernen sei zu einem lebensbegleitenden Prozess geworden. Rapp sieht die Institutionen der Vorarlberger Erwachsenenbildung sehr gut dafür gewappnet, auch bildungsferne Milieus gut zu erreichen. In einem zweiten Punkt verwies er auf die hohe Flexibilität der Vorarlberger Erwachsenenbildung: "So ist es uns angesichts der Flüchtlingswelle gelungen, schnelle Hilfe ohne größere Aufstockung der Personalressourcen über die Jahre 2015-17 zu stemmen," so Rapp. "Einige Organisationen sind dabei sehr an ihre Grenzen gekommen. Wir haben improvisiert, vielleicht anderem etwas weniger Zeit zukommen lassen. Diese großartige Leistung war nur möglich, weil wir als einzelne Organisationen autonom handeln können und dadurch flexibel sind". In einem dritten Punkt beklagte der Vorsitzende der ARGE Vorarlberger Erwachsenenbildung die zunehmende Bürokratie insbesondere im Sozialversicherungsrecht, die für die Organisationen der Erwachsenenbildung für explodierende Verwaltungskosten sorgen. "Damit werden entweder neue Förderkreisläufe in Gang gesetzt, oder wir müssen die Kosten auf unsere TeilnehmerInnen abwälzen. Weil gerade bildungsferne Menschen hier besonderes preissensibel sind, laufen wir Gefahr, diese Zielgruppen auszuschließen. Das wäre ein sehr ungutes gesellschaftliches Zeichen", betont Rapp am Ende seiner Dankesworte und am Ende der Enquete der Vorarlberger Erwachsenenbildung.