"Wenn wir bemerken, dass die Demokratie unter Angriff steht, dann muss man doch einmal kurz innehalten und dann muss man das auch persönlich nehmen", nichts weniger attestierte Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe aus Deutschland und zudem Festredner beim "Emsiana"-Festival 2019 unserer Gesellschaft.

"Emsiana", das ist das Festival, das Jahr für Jahr im Frühling ein neues Thema aufs Tapet bringt. Immer hat es etwas mit der namensgebenden und gleichzeitig auch kleinsten Stadt Vorarlbergs zu tun. Da geht es um Geschichte und Geschichten, da gräbt man nach Vergangenem und wirft einen kritischen Blick auf das Gegenwärtige. Klein und fein ist das Festival. Heuer findet es - noch bis zum 12. Mai - zum 11. Mal statt. Und so wie das gesamte Festival das Staunen in sich hat, so sind auch dessen Eröffnungen immer für Aha-Erlebnisse gut. Man lädt sich nämlich Festrednerinnen und Festredner ein, die zu tagesaktuellen Entwicklungen etwas zu sagen haben - kritisch, versteht sich.

Es ist Zeit, aufzuwachen

Heuer ist man mit dem aus Deutschland stammenden Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer fündig geworden. Sein Thema: Das Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt. Seine These: Als Gesellschaft haben wir (zu) lange geschlafen und darauf vertraut, dass alles gut weiterlaufen wird. Jetzt aber sei es Zeit, aufzuwachen.

Freiheit, Sicherheit und der Rechtstaat

Betont lässig steht er also da, der Referent, der sich in seiner Rolle jetzt "nach all dieser schönen Musik und da wir alle heute uns hier in so guter Stimmung zusammengefunden haben, sehr unwohl fühle." Aber er müsse jetzt eben einfach darüber sprechen, worüber er gleich reden werde. Auch wenn "es so schön wäre, wenn alles einfach so schön wäre.“ Dabei fängt alles ausgesprochen gut an. Das zivilisatorische Projekt der Moderne habe unsere Gesellschaft an einen Punkt gebracht, der in der ganzen Geschichte der Zivilisation so noch nicht erreicht worden war. „Wir leben heute in einer Gesellschaft mit einer rechtstaatlichen Verfassung, mit einem bisher unerreichten Maß an Freiheiten und einem bisher unerreichten Maß an Sicherheit. Bedenklich ist allerdings, dass sich in unserer Gesellschaft eine Konsensverschiebung bemerkbar macht, die bis hinein in die Regierungen reicht“, so Welzer. Auch er selbst, müsse er zugeben, habe lange Zeit gedacht, dass wir mit auf einem guten Weg sind und müsse sich jetzt die Frage stellen, warum auch er diese Erosion des zivilisatorischen Projekts erst langsam wahrgenommen habe.

Das "zivilisatorische Projekt", was ist das?

Vielleicht zur Erklärung noch einmal zurück zum Start. Man stelle sich vor, wie die Menschen vor rund 100 Jahren gelebt haben. Man schreibt das Jahr 1919. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende. Hunger, Armut, Krieg, Gewalt sind Erfahrungen, die jede und jeden in irgendeiner Art und Weise direkt betroffen haben. "Wenn man einen Menschen 1919 gefragt hätte, wie er sich das Leben im Jahr 2019 vorstelle, was meinen Sie, hätte er unsere Gesellschaft dann so beschrieben?", fragt sich Harald Welzer und mit sich seine Zuhörerschaft im Hohenemser Markus Sittikus-Saal. Eben.

Die Demonstration, ein Korrektiv

Die Gesellschaft hat sich (prinzipiell) gut entwickelt. Das ist es, was man - grob gefasst - unter dem zivilisatorischen Projekt verstehen kann. "Demonstrationen gab es übrigens immer wieder im Laufe dieser Entwicklung. Meist haben sie auf Dinge hingewiesen, die in der Entwicklung des zivilisatorischen Projekts einen Mangel aufwiesen", erklärt Welzer. Die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung usw., sie alle waren Korrektive für diese große Entwicklung und ergänzten, was auf der Strecke zu bleiben drohte.

Schleichend ändertsich die Stimmung

Was er nun in der gegenwärtigen Situation wahrnehme, sei eine Verschiebung eben dieser breiten Übereinstimmung darüber, was unsere Gesellschaft ausmache. "Da müssen wir uns wirklich fragen, ob wir genügend darauf aufgepasst haben, was für die Fortsetzung des zivilisatorischen Projekts nötig gewesen wäre". Ja, warum haben wir diese Veränderungen nicht bemerkt? "Weil diese Entwicklungen immer sukzessive vor sich gehen“, betonte Welzer. Schritt für Schritt und manchmal auch schleichend verändert sich da etwas in der Übereinkunft einer Gesellschaft. Das dürfe man jetzt nicht falsch verstehen, denn Leben sei immer Bewegung, Entwicklung und Veränderung. Aber dennoch, "wir haben die Sorge für unsere Gesellschaft schleifen lassen."

Ein Beispiel, vielleicht ein drastisches. Dass ein Mensch, der innerhalb einer Gesellschaft lebt, deren Verschiebungen nur schwer fassen kann, erklärte Harald Welzer damit, dass Menschen im System die Referenzpunkte auf das eigene System eben fehlten. "Stellen Sie sich vor, man hätte 1933 einem Deutschen gesagt, dass man seine jüdischen Nachbarn aus der Wohnung treibt, ihren Besitz, ihre Wohnungen verkauft, sie am Bahnhof sammelt, in Züge verlädt und abtransportiert? Das wäre 1933 für den Großteil der Gesellschaft nicht denkbar gewesen. Acht Jahre später war es so." 

Und wofür demonstriert man heute?

Als einen Gradmesser für die Erosion dieses zivilisatorischen Projekts und die Verschiebung des gesellschaftlichen Konsens verortete Harald Welzer auch die aktuellen Demonstrationen. „Haben Sie bemerkt, derzeit demonstriert man kaum gegen etwas, sondern immer für etwas“, erklärte der Soziologe mit analytischem Blick auf die direkte Gegenwart. "Und ich sage das hier, in der Stadt, in der die Sonntagsdemos ihren Anfang genommen haben."

Demokratie unter Angriff?

Die Idee, die unserer Gesellschaft und auch unserem zivilisatorischen Projekt zugrunde liege, sei, so Welzer, die Idee einer freundlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, unter Gleichen, die das Verhältnis unter den Menschen verbessern wolle. "Wenn wir, und wenn wir auch tatsächlich lange geschlafen haben, bemerken, dass die Demokratie unter Angriff steht, dann muss man doch einmal innehalten und dann muss man das auch persönlich nehmen. Wenn Demokratie angegriffen wird, dann geht es auch um uns - um jede/n Einzelne/n."

Übrigens, für den Weiterbau am zivilisatorischen Projekt sei auch die Sorge und das Übernehmen der Verantwortung für die Natur und das Klima in Zukunft entscheidend. "Wir haben ja gesehen, unter welchen Stress Gesellschaften kommen, wenn sich der Druck auf sie erhöht, durch Menschen, die sich aufmachen. Diese Menschen haben nicht einfach so ihre Herkunftsländer verlassen."

Heimat, für wen?

„Und noch etwas, Demokratien gehen nie an einem Zuviel an Feinden zu Grunde, sondern an einem Zuwenig an Freunden.“ Der Applaus, den Harald Welzer für seine kritischen Worte erntete, war kräftig, die Stimmung nachdenklich und im als traditionelle Zugabe gespielten Emser-Lied, das den vielgeliebten Heimatort besingt, klang die Frage nach der Heimat (für wen) noch ein bisschen nach.

Harald Welzer Zur Person - Harald Welzer

Harald Welzer (geboren 1958 in Bissendorf bei Hannover), studierte Solziologie, Politikwissenschaftund Literaturwissenschaft an der Universität von Hannover. 1993 habilitierte er sich dort in Sozialpsychologie und 2001 in Soziologie. Er lehrt an der Universität St. Gallen und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Akademien. Die Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftliche Klimafolgenforschung. Harald Welzer ist zudem Herausgeber von taz.Futurzwei, einer Zeitschrift für Politik und Zukunft sowie Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei.

Fotocredit Harald Welzer: Ziko van Dijk , CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38766181
Fotocredit Demo: Mercedes Mehling / Unsplash