Wussten Sie, dass Ende des 19. Jahrhunderts der Gaschurner Chor weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war? Dass sich auf dem Rosenkranzaltar der Kapelle Maria Schnee eine Darstellung des Turiner Grabtuches befindet? Das ansehnliche Gaschurn im Montafon hat etliche kleine und größere Sehenswürdigkeiten zu bieten.

Immer am Dienstag Vormittag führt die Montafonerin Gabi Juen bis Ende Oktober ihre Gäste in einem einstündigen Rundgang durch Gaschurn: auf den Spuren der Kulturgeschichte des heute um die 1500 Einwohner zählenden Dorfes. Schon bei der Fahrt Richtung Dorfmitte fallen die üppig angelegten Blumenbeete am Wegrand ins Auge. Gaschurn eine Idylle umrahmt von einem eindrucksvollem Bergpanorama. An sonnigen Tagen. Doch heute umgibt sich auch die 2813 Meter hohe Vallüla mit einem Nebelkranz, aus dem nur die oberste Spitze herauslugt.

Ein Rundgang zur Kulturgeschichte

Wir treffen uns am Vorplatz der Kirche. Eine Parkmöglichkeit findet sich gleich vor der Touristeninformation neben der Kirche, die im Jahr 1869 vom Linzer Bischof Rudigier dem Erzengel Michael geweiht wurde. Beim Betreten des von außen eher schmucklos wirkenden Kirchengebäudes kann ich ein staunendes „Ah“ bemerken. Eine lichte Atmosphäre macht sich breit, was sicher auch an den schmuckvollen Kirchenfenstern liegt. Der ursprünglich neuromanische Bau der Kirche geht Hand in Hand mit den Deckengemälden, die von der Künstlerfamilie Bertle aus Schruns im Nazarenerstil gearbeitet sind. Diese zeigen eher seltene Darstellungen aus dem Leben Petrus'.

Nah beieinander - das Heilige und das Weltliche

Heute sind wir nur zu dritt unterwegs: Gabi Juen, Monika Schändlinger, Rezeptionistin beim Hotel Felbermayer, und ich. „Der Rundgang findet auch statt, wenn nur ein Gast vor Ort ist“, sprudelt die engagierte Montafonerin, die für das Heimatmuseum arbeitet. Wir stehen auf dem Platz vor der Kirche und direkt neben der Tanzlaube. Ein einfacher Holzbau, der um die 500 Jahre alt ist, weiß Gabi Juen zu berichten. Und es ist einer von drei noch verbliebenen Tanzböden, die man in Vorarlberg besichtigen kann. Die Tanzlaube hatte ursprünglich viele Funktionen: als Gerichtsplatz, Marktplatz, für Verhandlungen aller Art und natürlich zum Vergnügen. Gabi Juen erklärt woher das Wort Laube stammt: „Es lässt sich auf das Wort läubelen zurückführen, was so viel wie ausloben, verkünden und rückschließen heißt.“ Auch heute noch werden die Gemeindeankündigungen in der Laube ausgehängt.

Schnee im August

Und was wäre die Historie ohne Legenden. Sie schmücken die Geschichte aus, lassen Rätselhaftes klar erscheinen und Wunder glaubhaft wirken. Obwohl Schnee im August in einer Bergregion erstmal nichts Wunderliches an sich hat. Dennoch ranken sich zwei Legenden rund um die Entstehung von Maria Schnee, die im Jahr 1637, von Lukas Tschofen (dem zweiten) erbaut wurde. Der renommierte Gaschurner Bürger soll an der Pest erkrankt gewesen sein und versprach bei der Genesung eine Kapelle zu bauen, wenn es im August schneien würde. Die zweite Legende besagt, dass er aus einer Lawine gerettet wurde und daraufhin die Kapelle spendete. Wir stehen oben auf dem Moränenhügel vor der Kapelle, die in späteren Jahren erweitert wurde. Uns eröffnet sich der Blick auf Gaschurn in Richtung Norden, im Süden begrenzt die markante Vallüla das Tal. Es entsteht ein besonderer Moment, als wir in der Stille der Natur die Schönheit des Ortes wahrnehmen. Auch das Innere der kleinen Kapelle, die auch eine lokale Wallfahrtsstätte ist, lädt zum Innehalten ein: Der Rosenkranzaltar mit einer Darstellung des Turiner Grabtuches aus dem Jahr 1640, die volkstümliche Rokokomalerei im Chorgewölbe, der marianische Bilderzyklus mit Maria Schneebild. Und das Gnadenbild „Mariahilf“, das dem Original von Lukas Cranach aus dem Jahr 1537 nachempfunden ist.

Von Gipfelstürmern und einer tüchtigen Wirtin

Wir gehen wieder in Richtung Dorf und machen Station im Garten vor einem wunderschön erhaltenen Holzhaus, dem ehemaligen Frühmesserhaus, in dem heute das Alpin- und Tourismusmuseum untergebracht ist. Der bekannteste Frühmesser war Franz Josef Battlogg, der ab 1867 in Gaschurn wirkte und Besonderes vollbrachte: Der begeisterte Musiker sammelte einen Chor von 50 Sänger/innen um sich, der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Er brachte dem Publikum Musikstücke von Palestrina, Lotti und Orlando sowie Werke weiterer altklassischer Musiker zu Gehör. Zudem war er leidenschaftlicher Bergsteiger und zählte zu den Erstbesteigern der Vallüla. Gleich gegenüber befindet sich das bekannte Posthotel Rössle, deren geschäftstüchtige Wirtin Viktoria Kessler nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1874, das Hotel leitete und stetig erweiterte.

Das Schmuckstück zum Schluss

Einige Legenden ranken sich um die „Lukas Tschofenstube“, die seit den 1980er-Jahren im Gemeindeamt beheimatet ist. Unter anderem ist überliefert, dass diese 1910 vom Bregenzer Architekten Georg Baumeister vor dem Feuer gerettet wurde. Wir betreten die Stube und beim Schließen der Holztür verlassen wir die Gegenwart und tauchen ein in das späte 17. Jahrhundert. Reichhaltige Schnitzereien in Türe und Decke lassen das fundierte Handwerk erkennen. Auch dass die Auftraggeber vermögende Leute gewesen sein müssen. Der typische Esstisch mit Schieferplatte in der Mitte ist von Einlegeintarsien aus Holz eingerahmt und macht die Stube zu einem echten Original. Gaschurn kann auch mit einem Prominenten punkten, berichtet Gabi Juen am Ende des Rundgangs: „Der junge Ernest Hemingway verbrachte den Winter 1924/25 im Montafon. Er lernte bei uns das Skifahren“, und zwinkernd fügt sie hinzu: „Und auch das Jassen.“