Dass Arbeitslosigkeit keine persönliche Verfehlung ist, sondern eine Sache, die jeder und jedem von uns passieren kann, betonen die Sozialen Unternehmen am Tag vor dem "Tag der Arbeit" einmal mehr.

Die Zahlen? Gut: Über 170.000 Beschäftigte in Vorarlberg im März 2019 – ein Rekordniveau. Eine Konjunktur, die vielleicht nicht mehr ganz so dynamisch verläuft wie noch vor ein, zwei Jahren, aber immer noch hocherfreulich. Arbeitslosigkeit auf historischem Tief. Alles prima.

Fast alles. Denn eine Nummer klemmt – die Zahl der Langzeitarbeitslosen. 1.186 Frauen und 1.382 Männer in Vorarlberg sind, Stand März 2019, seit mehr als einem Jahr ohne Anstellung. Im Vergleich zum Vorjahr sank ihre Zahl nur um einen knappen Prozentpunkt – und insgesamt weist die Statistik der Langzeitarbeitslosen im ganzen Land seit etwa 2012 steil nach oben.

Zum Tag der Arbeitslosen, der traditionell am 30. April begangen wird – am Tag vor dem „Tag der Arbeit“ – warfen die Sozialen Unternehmen Vorarlberg einmal mehr einen Blick auf die, die in der Erzählung eines prosperierenden Ländles, ach: einer prosperierenden Republik nicht vorkommen. Frauen wie Nadine V., die, alleinerziehend und ohne abgeschlossene Ausbildung, niemand anstellen mag. Männer wie Christian G., der mit 53 und einer nicht mehr ganz unversehrten Gesundheit keinen Job mehr findet. Männer wie du, Frauen wie ich.

Es kann jede/n treffen

„Arbeitslosigkeit ist ein strukturelles Problem und kein persönliches“, erklärt Benedicte Hämmerle als Sprecherin und Koordinatorin der Sozialen Unternehmen Vorarlberg. Es könne jede und jeden treffen. Umgekehrt seien es aber vor allem das Eingehen auf die jeweilige, ganz persönliche Situation, die Langzeitarbeitslosen dabei helfe, wieder arbeitsfähig zu werden, ergänzt Bernhard Bereuter, Geschäftsführer des Arbeitsmarktservice Vorarlberg (AMS) beim Pressegespräch. Und dieses Unterstützungsangebot gelte es zu stärken.

Ein Unterstützungsangebot, das vor allem jene Unternehmen im Lande bieten, die den so genannten „zweiten Arbeitsmarkt“ bedienen. In Vorarlberg sind das die AQUA Mühle, die „carla“-Unternehmen der Caritas Vorarlberg, die Dornbirner Jugendwerkstätten, die Integra Vorarlberg und die Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte – zum Teil in Kooperation miteinander. Jedes Jahr finden mehr als 600 langzeitarbeitslose Menschen hier eine vorübergehende Beschäftigung und werden mit gezielten Fort- und Weiterbildungen dabei unterstützt, am ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gemäß einer Evaluation in ganz Österreich habe man im Zwei-Stufen-Verfahren ein Drittel der TeilnehmerInnen erfolgreich in reguläre Beschäftigungen vermitteln können. Eine Quote, mit der man zufrieden ist, denn: „Die Reintegration funktioniert nicht von heute auf morgen“, weiß Bereuter.

In Wien scheint man das anders zu sehen: Das Budget des Arbeitsmarktservices (AMS) wurde durch die Bundesregierung bereits gekürzt, Einschnitte bei Sozialleistungen wie der Notstandshilfe sind geplant. Mit Folgen auch für Vorarlberg, denn die beiden Hauptförderer der Sozialen Unternehmen sind der AMS und das Land (jeweils mindestens die Hälfte ihres Budgets erwirtschaften die Unternehmen allerdings selbst). Die fortan fehlende Summe in Höhe von einer Million Euro versucht man zum Teil durch Restrukturierungen aufzufangen, um nicht bei den konkreten Angeboten für die Arbeitssuchenden sparen zu müssen. Trotzdem hatten die Kürzungen bereits Folgen: Der Integra-Regionalmarkt „Tante Irma“ in Lauterach wurde geschlossen und das leicht verkleinerte Angebot von regionalen und fairen Lebensmitteln in den Second-Hand-Shop „Siebensachen“ in Bregenz integriert. „Aus der Not eine Tugend machen“ nennt Hämmerle das.

Weil die sozialen Unternehmen mit ihrem Dienstleistungsangebot vor allem Nischen besetzen, die kaum ein anderes Unternehmen aus der Privatwirtschaft wahrnimmt, seien sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, ergänzt sie und wehrt sich gegen den Vorwurf, dass das Konstrukt „zweiter Arbeitsmarkt“ allenfalls eine Notlösung sei. Für eine junge Mutter wie Nadine V. oder eine erfahrene Gastronomiefachkraft wie Christian G. ist er schließlich eher das Gegenteil – Lösung in der Not: In der Großküche der AQUA Mühle holt sie eine Lehre als Köchin nach und er sucht mit Unterstützung nach neuen Wegen, um seine Arbeitsfähigkeit bis zur Pensionierung zu erhalten. Und dann ist da noch Mostafa, der als subsidiär Schutzberechtigter aus Afghanistan kam. Auch er will Koch werden – und dann ein eigenes Restaurant eröffnen. Die Aussichten? Eigentlich nicht schlecht. Mindestens eine/r von Dreien schafft's, sagt die Statistik.

www.sozialeunternehmen-vorarlberg.at