112 Tote und 200 Verletzte sind das Ergebnis eines Brandes in einer Textilfabrik in Bangladesch. Viele der über 1.000 ArbeiterInnen sprangen aus Verzweiflung und Angst aus dem Fenster. Wen nun das Gefühl eines Déjà-vu´s beschleicht, erinnert sich wahrscheinlich an den Brand am 11. September in Pakistan, der rund 300 Menschen das Leben kostete. Damit muss Schluss sein, fordert die Clean Clothes Kampagne.

Elektrokabel hängen ungeschützt von der Decke herunter, Notausgänge sind verschlossen oder existieren nicht, Übungen zum Brandschutz finden nicht statt. Brand- und Sicherheitsvorkehrungen, die in "unseren" heimischen Betrieben "ganz normal" sind, sind in Ländern wie Bangladesch, Indien oder Pakistan eher die Ausnahme als die Regel. Die Folgen: Jedes Jahr kommen Menschen in Textilfabriken um. Verbrennen bei lebendigem Leib, auf der Flucht vor den Flammen oder an den Folgen.

Kein Ausgang
So auch in Bangladesch, wo mehr als 100 Menschen beim verheerenden Brand einer Textilfabrik ums Leben kamen. Weitere 200 Menschen erlitten Verbrennungen und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zwar gab es in der neunstöckigen Fabrik mehrere Treppenhäuser, doch alle führten ins Erdgeschoß, wo das Feuer am Samstag ausgebrochen war. Andere Notausgänge gab es nicht und das Feuer verbreitete sich schnell auf die anderen Stockwerke. In ihrer Panik sprangen viele der Frauen aus dem Fenster. Zum Zeitpunkt des Unglücks arbeiteten rund 1.000 Menschen in dem Gebäude nahe der Hauptstadt Dhaka.

Verkohlte Nähspindeln und ausgebrannt Säle
Auf den Fotos, die derzeit in den Medien kursieren, ist vor allem eines zu sehen: verkohlte Nähspindeln und ausgebrannte Säle. Ein Untersuchungskomitee wurde eingesetzt, um die Brandursache zu erkunden. Einer der Überlebenden erklärte, das Feuer sei dem elektrischen Hauptschalter entsprungen: "Ein Kurzschluss könnte das Feuer verursacht haben." Das Feuer griff rasch um sich und schloss die Näherinnen und andere Arbeiter im Gebäude ein.

Eine Verbindung zu "uns"
Die 2009 erbaute Fabrik Tazreen Fashion Limited gehört zur Tuba Group, die laut Unternehmenshomepage unter anderem für C&A, Carrefour und Walmart produziert. C&A-Sprecher Thorsten Rolfes bestätigte, dass die Fabrik damit beauftragt gewesen sei, 220.000 Sweatshirts herzustellen und von Dezember 2012 bis Februar 2013 an C&A in Brasilien zu liefern. "Unser Mitgefühl gilt den Opfern dieses furchtbaren Unglücks sowie deren Familien und Angehörigen", sagte Rolfes als Sprecher von C&A Europa.

Eine Million T-Shirts monatlich
Auch andere deutsche Firmen wurden laut der Unternehmenshomepage von der Firma beliefert, diese waren laut Standard aber zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Die Kapazität der Firma lag diesen Angaben zufolge monatlich bei einer Million T-Shirts, 800.000 Polo-Shirts und 300.000 Fleecejacken. Ein Sprecher von Tazreen Fashion Limited erklärte vor Kameras, der Betrieb habe Standards der Europäischen Union eingehalten. So habe es etwa vier alternative Treppenaufgänge gegeben, doch die Arbeiter seien in der Panik zum Hauptausgang gestürmt.

Tut etwas dagegen!
Das Unglück ist nicht das erste. Bereits im September kostete ein Brand in eine Textilfabrik in Pakistan rund 300 Menschen das Leben. Umstände, die beispielsweise die  Clean Clothes Kampagne (CCK) in Österreich und Deutschland so nicht gelten lassen will und gemeinsam mit medico international und das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Sicherheitsvorkehrungen in Bekleidungszulieferbetrieben fordert.

Sparen auf Kosten von Menschen(leben)
„In Bangladesch starben in den letzten sechs Jahren über 600 Menschen bei Bränden in Textilfabriken“, erklärt  Michaela Königshofer von der Clean Clothes Kampagne Österreich, die selbst zwei Mal vor Ort war. „Viele Fabriken sparen sich alle Brandschutzmaßnahmen, haben keine Notausgänge, verstellte Türen, vergitterte Fenster. Mitunter werden im Brandfall sogar die Tore vom so genannten Sicherheitspersonal verschlossen gehalten, damit niemand Waren oder Nähmaschinen aus der Fabrik  mitnehmen kann“, berichtet Königshofer von ihren eigenen Erfahrungen in Bangladesch.

Und nun? Entschädigung
„Das erste, was jetzt erfolgen muss, ist die umfassende Entschädigung der Betroffen,“ sagt Miriam Saage-Maaß vom European Center for Constitutional and Human Rights. „Den Überlebenden und Hinterbliebenen des Brandes in Karatschi hat KiK eine Million Dollar angeboten: Das ist deutlich zu wenig. Unsere Partner in Pakistan haben eine Strafanzeige eingereicht, wir halten es für entscheidend, dass die Verantwortlichen juristisch belangt werden.“

Kein Zufall
Gemeinsam mit ihren Partnern in Pakistan bzw. Bangladesch fordern die vier Organisationen die volle Entschädigung der Überlebenden und Hinterbliebenen, eine umfassende und unabhängige Aufklärung der beiden Brandkatastrophen und konkrete Maßnahmen zur Verhütung künftiger Katastrophen. „Dass es in so kurzem Abstand zu zwei solchen Unglücken kommt, ist kein Zufall“, sagt Thomas Seibert von medico international. „Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen haben in der internationalen Bekleidungsindustrie System.“

Viele Opfer
Laut Angaben der Regierung von Bangladesch starben in den Jahren 2006-2009 insgesamt 414 NäherInnen in den Flammen von Fabrikbränden. 2010 starben weitere 57 Menschen bei zwei Bränden in den Fabriken „That`s it“ und „Hameem“, 471 Tote gibt es demnach nun schon in Bangladesch zu beklagen.

Miserabel: Sicherheit, Entlohnung und Arbeitszeiten
Der miserable Zustand der Gebäude ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit. Alle diese Fabriken arbeiten für ausländische Auftraggeber in Europa und den USA. „Der fehlende Brandschutz ist nur eines von vielen Problemen. Die Entlohnung liegt oft unter der Armutsgrenze von zwei Dollar, die Arbeitszeit bei zehn bis vierzehn Stunden täglich, gewerkschaftliche Organisation ist untersagt oder wird massiv behindert“, fasst Christine Esterbauer, Koordinatorin der Urgent Actions der CCK, zusammen. (red/standard.at/cleanclothes.at)