In die Debatte um das Flüchtlingsrettungsboot "Sea-Watch 3" schaltete sich mit Kardinal Pietro Parolin nun auch der Vatikan mit einem Appell an die Menschlichkeit ein.

„Es geht nicht darum, dass man »nicht alle aufnehmen« kann. Es geht schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit: Wer gerade dabei ist, zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und man muss alles unternehmen, um ihn zu retten.“

Vor recht genau vor einem Jahr kommentierte Wolfgang Luef im Magazin der Süddeutschen Zeitung die Kriminalisierung der Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Der Text könnte von heute sein. Denn auch dieser Tage steht wieder eine Kapitänin vor Gericht, weil sie sich von Menschlichkeit hat leiten lassen und nicht von Gesetzen. Ein Umstand, über den es eigentlich keine zwei Meinungen geben kann. Eigentlich.

Akt der Menschlichkeit oder Verbrechen?

„Ich glaube, dass Menschenleben auf jeden Fall gerettet werden müssen – egal auf welche Weise.“ Das sagte z. B. Pietro Parolin, der engste Mitarbeiter von Papst Franziskus, am Samstag in Potenza. Das Retten von Menschenleben müsse „der Polarstern sein, der uns leitet“, so der Kardinal weiter, alles andere sei zweitrangig. Es war die bisher deutlichste Stellungnahme aus dem Vatikan zum Fall der „Sea Watch“. Dabei besteht laut „Vaticannews“ in Italien „überhaupt kein Zweifel an der Haltung von Papst Franziskus und seinen Mitarbeitern zu Flüchtlingen und Migranten“. Immer wieder fordere der Papst zur Aufnahme und Integration von Menschen in Not auf. Dabei vermeidet er allerdings, direkt auf die populistische Politik des Lega-Führers Salvini einzugehen.

Indes verschärft sich die Debatte um die „Sea-Watch 3“ weiter. Das von der deutschen Kapitänin Carola Rackete gesteuerte Boot der privaten Rettungsorganisation „Sea-Watch“ hatte in der Nacht zu Samstag trotz Verbots den Hafen von Lampedusa angesteuert, nachdem es unter den 40 Flüchtlingen nach zwei Wochen an Bord zu Selbstverletzungen und Selbstmorddrohungen gekommen war. Beim Anlegen touchierte sie ein Polizeiboot, das das Manöver zu verhindern versucht hatte. Daraufhin wurde Rackete von italienischen Behörden festgenommen und die Sea Watch 3 beschlagnahmt.

#freecarola

Linksparteien, Gewerkschaften und katholische Verbände haben in Italien eine Kampagne für die Freilassung der Kapitänin Carola Racketes gestartet. „Free Carola“ lautet der Slogan, der auch massiv über Social Media kursiert. In Deutschland machen sich u. a. die TV-Moderatoren Jan Böhmermann und Klass Heufer-Umlauf für Befreiuung Racketes stark. Ihre Verhaftung rief sowohl Empörung hervor, stieß in Italien aber auch auf Zustimmung. Die Kritiker argumentierten, das Retten von Menschenleben sei kein Verbrechen. Italiens Innenminister Matteo Salvini sprach mit Blick auf die „Sea-Watch 3“ hingegen von Krieg und einem „kriminellen Akt“. Beim Zusammenstoß des Rettungsschiffs mit einem Patrouillenboot im Hafen von Lampedusa sei „ein Desaster riskiert“ worden, zitieren italienische Medien Salvini. Rackete könnte aufgrund des Vorfalls eine Strafe zwischen drei und zehn Jahren Haft erhalten.

Vorgeworfen wird der Kapitänin unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Gemäß einem neuen Dekret der Regierung in Rom drohen zudem Strafen zwischen 10.000 und 50.000 Euro, wenn private Seenotretter unerlaubt in italienische Hoheitsgewässer einfahren. Nach den jüngsten Ereignissen kündigte das Innenministerium an, eine weitere Verschärfung zu prüfen.

Die 40 Migranten der „Sea-Watch 3“ wurden in einen Hotspot auf Sizilien gebracht. Dort sollen sie registriert und eine Verteilung auf Europa organisiert werden.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin / kathpress.at / religion.orf.at / red