Gebildet und liberal: Das sind laut einer Studie ein Großteil der Flüchtlinge, die nach Österreich kommen. Ihre Integrationsaussichten: hervorragend.

History repeats itself

Wirklich daran erinnern kann sich wohl keiner mehr von uns – wir sind einfach alle zu jung. Aber wir wissen es trotzdem: Dass es damals, in den 1930ern, 1940ern vor allem die Manns waren, die Blochs, Herzbergs, Gropius‘, Feuchtwangers und Remarques, die gingen. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen und Europa in Schutt und Asche legten, floh die geistige Elite.

Heute ist das nicht anders, wie eine aktuelle Studie des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital aus Wien belegt. Eine Befragung von über 514 Geflüchteten in sieben Unterkünften in und um Wien Ende 2015 ergab: Zu uns kommen nicht die Armen, Ungebildeten – sondern die, die besser gestellt sind (und sich die teure Flucht leisten können).

Elite auf der Flucht

Weil die meisten der Befragten auch zu Demografie und Bildungsgrad ihrer mitgereisten Familienangehörigen Auskunft gaben, konnten die Daten von insgesamt 972 Menschen ausgewertet werden. Auch, wenn „echte“ Repräsentativität aus verschiedenen Gründen nicht gewährleistet werden kann, wie die Wissenschaftler um Isabella Buber-Ennser von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einräumen, und an manchen Stellen Antworten im Sinne der „Erwünschtheit“ nicht völlig ausgeschlossenen werden können – die Ergebnisse sind trotzdem eindeutig:

Ein Großteil der Flüchtlinge hat ein weit höheres Bildungsniveau als die Durchschnittsbevölkerung in ihren Heimatländern. Beispiel Syrien: Lediglich sieben Prozent der befragten Flüchtlinge hätten keine Schule oder lediglich eine Grundschule besucht – in ihrer Heimat ist es dagegen gut die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Noch krasser in Afghanistan: Während knapp ein Drittel der Befragten angab, keine Schule besucht zu haben, sind es in ihrer Heimat 80 Prozent.

27 Prozent der befragten Syrer und 11 Prozent der Afghanen gelten als „höher gebildet“, weil sie über mindestens einen so genannten postsekundären Abschluss verfügen (z. B. Berufsausbildung, Fachhochschulabschlüsse, Bachelor etc.). In ihren Heimatländern sind es lediglich zehn (Syrien) bzw. drei Prozent (Afghanistan).

Zwischen Frauen und Männern haben die Wissenschaftler keine signifikanten Unterschiede feststellen können. Und: Diese Ergebnisse, dieser Effekt der so genannten „positiven Selektion“ sind kein bisschen neu oder ungewöhnlich – eine ähnliche Studie aus Deutschland zum Beispiel ergab vergleichbare Werte.

Die Ansichten? Liberal.

Werte sind überhaupt ein Stichwort: Auch zu ihren generellen Ansichten und Wertvorstellungen wurden die Geflüchteten befragt – mit dem Ergebnis, dass das hohe Bildungsniveau offenbar mit deutlich liberaleren Einstellungen einhergeht als man es „den“ Syrern und „den“ Irakern und „den“ Afghanen gemeinhin unterstellt. Ein Thema war die Geschlechtergerechtigkeit, Stichwort „Ein Beruf ist die beste Möglichkeit für eine Frau, unabhängig zu sein“. 85 Prozent der befragten Frauen und 68 Prozent der befragten Männer stimmten dieser Aussage zu. Bei der Frage, ob Männer bevorzugt werden sollten, wenn Jobs generell knapp sind, sah das Bild zwar etwas anders aus – hier stimmten jeweils etwa die Hälfte der befragten Männer und Frauen zu – trotzdem: Im Vergleich zu den durchschnittlichen Zustimmungsraten in ihren Herkunftsländern sind die Ansichten der Geflüchteten definitiv „westlich“.

Das gilt auch für ihre Religiosität: Auf einer Skala von eins bis zehn erreichten die Frauen einen durchschnittlichen Wert von sechs, Männer einen von 4,7. Österreicher derselben Altersgruppe würden sehr ähnliche Werte aufweisen.

Die Aussichten? Gut.

Dies sind alles Indikatoren, die als sehr förderlich gelten, wenn es um eine erfolgreiche Integration der Neuankömmlinge geht. Die enorm hohe Bereitschaft, sich mit Erhalt eines positiven Asylbescheids auf Jobsuche zu begeben, tut ihr übriges.

Ende gut, alles gut? Wie jede ordentliche Studie wirft auch diese Anschlussfragen auf. Eine davon ist: Was bedeutet es für den Wiederaufbau ihrer Heimatländer, wenn die gut gebildeten ins Ausland fliehen – und sich nur etwa ein Fünftel sicher ist, nach Stabilisierung der Lage zurückkehren zu wollen? Ein Blick auf die Geschichte zeigt: Oft war das gar nicht so einfach – entweder, weil die einstige Existenzgrundlage geraubt oder zerstört worden war, weil die alten Jobs mit neuen Menschen besetzt waren, weil die Daheimgebliebenen von den Rückkehrern nichts wissen wollten – oder, weil man sich eben so gut in der neuen Heimat eingelebt hatte, dass eine nochmalige Migration nicht infrage kam.

Aber wer behauptet eigentlich, dass sich Geschichte immer wiederholen muss?

Quelle: kathpress.at / journals.pols.org / Demografische Forschung 2017 (Jg. 14/ Nr. 2) / red

Zum Weiterlesen

Die vollständige Studie „Human Capital, Values, and Attitudes of Persons Seeking Refuge in Austria in 2015“ können Sie hier einsehen. Zur Studie »