Augen zu. Und jetzt: Wie sieht ein „Hirte auf dem Felde“ aus, dem „der Engel“ gerade die Nachricht von der Geburt im Stall überbracht hat? Erstaunt wahrscheinlich, er ist auch sicher nicht allein. Da sind noch mehrere Hirten. Ärmlich gekleidet sind sie. Vielleicht haben sie auch einen Hut oder einen Hirtenstab dabei. Und genau mit diesen inneren Bildern von Hirten spielt die Künstlerin Andrea Büttner aktuell in der Johanniterkirche in Feldkirch.

Hat „Armut“ eine Farbe? Bewegen sich „arme Menschen“ anders? Der ausgestreckte, bittende Arm ist ein nonverbales aber universell verständliches Zeichen. Gibt es noch mehr Zeichen dieser Art? Die Künstlerin Andrea Büttner würde diese Frage mit „Ja“ beantworten. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der Ikonographie der Scham, der Machtstrukturen - und ja, auch mit der Ikonographie der Armut. Für die aktuelle Installation „Shepherds and Kings“, die derzeit in der Feldkircher Johanniterkirche zu sehen ist, hat sie dafür 160 Darstellungen der weihnachtlichen Hirten und Könige quer durch die Geschichte der Kunst zusammengetragen. Damit lässt sie ihre Betrachter/innen selbst eine Antwort auf die Frage nach den Zeichen der Armut finden. 


Beginnen wir bei den Königen

Zuerst kamen natürlich die Hirten auf dem Felde zur Krippe in Bethlehem geeilt. Die Könige kamen erst später und zu Beginn waren sie ja eigentlich noch gar keine Könige, sondern Magier und Weise. Folglich fehlt den „Königen“ in den älteren Darstellungen der Bilderschau auch noch ein wichtiges Insignium der Macht: die Krone. Dann verschiebt sich die Perspektive plötzlich und wichtig ist weniger die Weisheit, als die Betonung, dass selbst Könige zur Krippe dieses Königs aller Könige eilten. Dass die Könige dann gerne auch als Stellvertreter für die verschiedenen Teile der Erde herhielten und so zeigten, dass die gesamte Erde hier die Knie beugte, ist bekannt. Auch bekannt ist, dass sie oft auch die verschiedenen Lebensalter darstellten. Bei Andrea Büttners Gegenüberstellung wird das Auge aber auch auf Anderes gelenkt. Da heben sich die prunkvollen Mäntel und Gewänder der Könige noch viel mehr von den Lumpen der Hirten ab. Oder man stellt sich die Frage, wie denn so ein König kniet. Aufrecht natürlich, so, dass die gesamte Gestik auch noch in der Verkleinerung des Knieens seine gehobene Positionen ausstrahlt.


Und die Hirten?

Ja, und wenn man dann seinen Blick von den Königen nach links zum zweiten Teil der jeweiligen Bildpaare schweifen lässt, dann sieht man die Hirten. Schon allein ihren Körpern sieht man die harte Arbeit an. Die Kleidung ist einfach. Oft tragen sie Laternen oder ein kleines Schaf mit sich. Vor allem aber sind da ihre Gesichter. Sie staunen. Und hier ist die Bandbreite des Staunens groß. Vom geöffneten Mund bis zum leichten Lächeln, vom sanften Ausdruck zwischen zerfurchten Zügen ist da alles vertreten. Auch das ist vielleicht einer der großen Unterschiede, die Andrea Büttner so im direkten Vergleich sichtbar werden lässt: die Bilder der Könige repräsentieren oft. Die Darstellung der Hirten zeigt „den kleinen Mann“ in seiner Not, aber auch seiner Hoffnung. Die, so ist man versucht zu urteilen, weit größer ist als die der Könige. Freut sich „der Hirte“ anders als der König? Vielleicht, Übrigens, wenn die Könige mal so gar herrschaftlich aussehen, dann darf man sich auch durchaus hier nach dem „Warum“ fragen. Denn nichts ist zufällig. Jede Geste, jedes Detail bewusst gesetzt.  

Die Armut der Außenseiter

Mit der Figur des „Hirten“ und davor jener der „Bettelnden“ beschäftigte sich Andrea Büttner seit Jahren. Dabei hat sie immer wieder auch den wechselnden positiven wie auch negativen Konnotationen von Armut im Lauf der Geschichte nachgespürt. Ist Armut einfach allgegenwärtig und alltäglich. Oder wird Armut mit Scham, Außenseitertum oder gar Faulheit und Verschlagenheit gleichgesetzt. Beide Pole der Armuts-Darstellungen existieren. Diese Seh- und Denkmuster in einem Raum wie der Feldkircher Johanniterkirche überprüfen und hinterfragen zu dürfen, ist an sich schon ein reizvolles Experiment. Und ja, in der Abfolge der einzelnen Bildpaare zeigen sich immer wieder dieselben Muster der Darstellung. So darf man sich beim Verlassen des Kunstraumes Johanniterkirche fragen, wie diese gelernten Muster bis heute in vielen Details nachwirken und weiterleben und ob es nicht an der Zeit wäre, sie ganz bewusst zu überwinden..   «

Die Installation „Shepherds and Kings“ von Andrea Büttner ist bis 24. September in der Feldkircher Johanniterkirche zu sehen. Öffnungszeiten:  Di – Fr 10 – 12, 15 – 18 Uhr. Sa 10 – 14 Uhr. www.johanniterkirche.at